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28 mai 2015

Bahnstreik oder "Bis(s) zum Abendgrauen"

Ich geb's ja zu, die Voraussetzungen waren schwierig. Wer schon auf die verrückte Idee kommt, zur besten Feierabend-Zeit(!) vor dem Pfingst-Wochenende (!!) in den Zug nach Hamburg(!!!) zu steigen, sollte dies am besten während des GDL-Streiks tun. Alles andere wäre doch langweilig.

Die Gladiatorenkämpfe beginnen damit, die Ellenbogen auszufahren und möglichst viele Menschen davon abzuhalten, vor einem selbst den hoffnungslos überfüllten Zug zu betreten. Bewährt haben sich beispielsweise Taktiken wie das Lockern von Rollator-Bremsen im falschen Moment oder das Abdrängen von Eltern mit Kinderwagen mittels des eigenen Rollkoffers. Den Unmut der ohnehin immer gestressten Fahrgäste der Deutschen Bahn sollte man anschließend noch erhöhen, indem man beginnt, ihnen die Sinnhaftigkeit von Streiks zu erklären. "Ein Streik, der keinem weh tut, ist kein Streik", sagte ich. Vor Fassungslosigkeit blieb der ältere Herr neben mir mit offenem Mund stehen, sodass ich passieren konnte.

Freilich konnte man im einzigen Zug in einem Zeitfenster von fünf Stunden Richtung Norden keine Sitzplätze mehr reservieren. Schon bitter, dachten wir uns und machten es uns im Bordbistro bequem. Noch immer standen zahlreiche Fahrgäste auf dem Bahnsteig, mehr noch als sich ohnehin schon im Zug stapelten. Die DB-Mitarbeiterin, die draußen schnell noch zehn Zigaretten innerhalb von zwei Minuten rauchte, schüttelte entgeistert den Kopf. Zwanzig Minuten nach der regulären Abfahrtszeit plötzlich eine Durchsage "Sehr geehrte Fahrgäste: Dieser Zug wird Frankfurt nicht verlassen. Alle Fahrgäste, die keinen Sitzplatz haben, müssen bitte aussteigen. Dieser Forderung werden wir auch mithilfe der Bundespolizei nachgehen." Schon bitter, dachten wir, streckten die Füße auf den Bistro-Tisch vor uns aus und winkten den aussteigenden Fahrgästen. Überraschenderweise folgten die meisten Menschen im Zug (ohne Sitzplatz) der Aufforderung widerstandsfrei, in unserem Wagon auch ohne Einwirken der Bundespolizei - die zwar ebenso schlecht bezahlt ist wie die meisten Lokführer, aber aufgrund ihres Beamtenstatus leider nicht streiken darf.

Vierzig Minuten später verließ der Zug doch noch den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Umsteigezeit von 13 Minuten in Hannover würde uns damit wohl nicht mehr reichen. Die Stimmung im Bordbistro war trotzdem gut. Grund dafür war der direkte Draht zur DB-Zapfanlage. Gegenüber von uns saßen zwei Halbstarke auf dem Weg zur Reeper-Bahn, ein Zahnarzt aus Basel sowie ein schüchterner Typ, der seine Oma besuchte, so wie jedes Wochenende. Neben uns eine schwer verständliche Schwäbin samt Enkelin, von denen man nicht wusste, wer von beiden die lautstarke Männer-Runde mehr anhimmelte sowie drei unnahbare Mittfünfzigerinnen, denen man die Woche in Paris deutlich im Gesicht ansah. Den allgemeinen Bier-Vorsprung im Abteil mussten wir natürlich schnellstmöglich aufholen.

- Halbstarker 1: "Wir sind seit 16 Uhr unterwegs."
- Mittfünfzigerin 1: "Das ist ja gar nix. Wir sind seit 13 Uhr unterwegs."
- Zahnarzt: "Ich komm aus Basel."
- Halbstarker 2: "Wo kommt's ihr her?"
- Mittfünfziger 2: "Aus Paris."
- Halbstarker 2: "Aus Paaaaariiiis? Wieso fährt man da wieder weg. Nach Paris gibt's doch nur One-Way-Tickets."

Die Schlange zur Verkaufstheke wird länger. Mittlerweile ist die Curry-Wurst aus. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Chili con Carne. Einer der beiden Halbstarken geht zum fünften Mal seit der Räumung des besetzten Zugs zur Theke, um sich ein Bier zu holen. Er stolpert, lässt ein Glas fallen und selbiges aufkehren.


- Zahnarzt: "Meine Freundin, also mittlerweile Frau, hat mich gezwungen, Twilight zu gucken. Ich dachte immer, was ist das denn? Da fliegt einer rum und alle Frauen gehen voll drauf ab."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Zahnarzt: "Aber dann! Dann hab ich es mir mal angeschaut und das ist ja schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Und ist ja klar, dass die Frauen darauf abgehen."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Halbstarker 2: "Captain Niveau: wir sinken."

Wir stoßen an und nehmen uns vor, Pfingsten für einen Twilight-Marathon zu nutzen, falls wir nicht mehr ankommen sollten. Der Zahnarzt versucht dem Halbstarken inzwischen klar zu machen, dass dieser aussieht wie der eine Arzt von Grey's Anatomy. Dummerweise kann ihm keiner folgen, sodass das Bordbistro die nächsten 20 Minuten damit beschäftigt ist, den Namen dieses einen Arztes rauszufinden. Der Schwaben-Enkelin ist deutlich anzusehen, dass sie schon längst weiß, um wen es sich dreht.

- Zahnarzt: "Grey's Anatomy. Na der eine Arzt mit den blauen Augen."
- Halbstarker 1: "Dreamy!"
- Zahnarzt: "Neeeein! Der hat kurze Haare! ... Grey's Anatomy, kennen Sie das?"
- Mittfünfzigerin 1: "Wie? Nein."
- Zahnarzt: "Das ist so eine Arztserie! So eine Soap. Wie Lindenstraße oder Reich und Schön"
- Mittfünfzigerin 3: "Reich und schön? Das sind wir selber."
- Zahnarzt: "Aber Lindenstraße, ich hab mir das neulich mal angeschaut. Das ist schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Die spielen alle noch mit wie vor 20 Jahren. Man sieht die aufwachsen. Wie bei Big Brother."


Wieder wird neues Bier geholt. Dem schließe ich mich an, liegen wir doch hoffnungslos zurück. Mittlerweile ist das Fassbier alle. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Weizenbier. Mittlerweile sind sogar die Jungs vom Zahnarzt genervt. Twilight, der eine Arzt von Grey's Anatomy und Klausi Beimer aus der Lindenstraße scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie wenden sich dem schüchternen Jungen zu, der seine Oma besucht, wie jedes Wochenende.

- Halbstarker 1: "Wie heißt du?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Arnold?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 1: "Arni?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Haben Sie schon Arnold Schwarzenegger kennengelernt?"
- Mittfünfzigerin 1: Nur, dass er da bei euch hockt."
- Halbstarker 1: "Arnold, wo steigst du aus?"
- Schüchterner Typ: "In Hannover, mit den netten Damen"
- Halbstarker 2: "In Hannover? Mit den Königinnen? Du hast ja mehr Glück als Verstand!"

Die beiden Halbstarken versuchen die plötzlich eingetretene, peinliche Stille durch das Abspielen von elektronischer Musik zu füllen. Sogar der Zahnarzt aus Basel schweigt. Die Stimmung droht zu kippen.

- Mittfünfzigerin 1: "Kann man das mal ausmachen?"
- Halbstarker 1: "Aber wieso denn? Ist doch schöne Musik!"
- Mittfünfzigerin 2: "Ihr müsst auch mal Rücksicht nehmen auf alte Frauen"
- Halbstarker 2: "Ich wollte Sie gerade zum Tanzen auffordern."
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal. Dafür haben wir die falschen Schuhe an."
- Halbstarker 1: "16cm-Absätze? In dem Alter sollte man auf Ballerinas umsteigen."
- Halbstarker 2: "Wie, Sie wollen nicht mit mir tanzen? Nicht mal Salsa?"
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal."
- Halbstarker 1: "8cm? Die trag ich zum Frühstück."
- Halbstarker 2: "Ich mach nur den Grundschritt und eine Drehung."
- Mittfünfzigerin 3: "Vielleicht ein anderes Mal."
- Halbstarker 2: "Dann krieg ich Ihre Nummer?"

Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn. Zugfahren kann so schön sein. Danke, Herr Weselsky, für die wunderbare Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung. Dafür nimmt man dann gern einmal drei Stunden Verspätung in Kauf. Mein bisheriger Rekord liegt übrigens bei 12 Stunden. Das hatte allerdings Witterungsgründe. Ich würde mir trotzdem einen Erfolg in der Schlichtung wünschen. Denn wenn die Bahn ihre Mitarbeiter anständig bezahlt, muss sie sich wenigstens nicht mehr mit bösen Lokführern rumschlagen, sondern kann sich wieder ihren eigentlichen Feinden widmen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Schon bitter, dachten wir und freuten uns, dass uns zumindest am Pfingstwochenende der Twilight-Marathon erspart blieb.

"DR. AVERY!", rief der Zahnarzt dem Zug hinterher, nachdem er ausgestiegen war.


 

6 novembre 2013

Ein Hologramm für den König

Dave Eggers' Roman ist sicher kein Epos wie Alaa al-Aswanis „Der Jakubijân-Bau“. Dafür spricht schon, dass der Autor kein Saudi sondern Amerikaner ist. Nichtsdestotrotz gibt er einige interessante Einblicke in die saudi-arabische Gesellschaft. Vielmehr noch beschäftigt er sich aber mit dem Niedergang der USA als führende Wirtschaftsmacht.

An der saudischen Küste des Roten Meeres soll eine neue Stadt entstehen, die sich am Vorbild Dubais orientiert: Die King Abdullah Economic City (KAEC). Im Jahr 2005 gab Abdullah tatsächlich den Startschuss für das Mega-Projekt. Abseits der übrigen saudischen Gesellschaft sollen Frauen in KAEC sogar ein paar Rechte haben, zum Beispiel soll ihnen erlaubt werden, Auto zu fahren. Hauptcharakter des Romans ist Alan Clay, der für eine amerikanische Firma den Auftrag an Land ziehen soll, die gesamte IT-Infrastruktur in KAEC aufzubauen. Im Mittelpunkt seiner Präsentation steht eine Technik, die ein lebensgroßes Hologramm der Person, mit der man gerade telefoniert, in den Raum projiziert. Von allem überzeugt werden muss natürlich vorher noch König Abdullah, schließlich geht es ja um die Millionen der saudischen Königsfamilie. 


Aber Abdullah scheint sich nicht (mehr) sonderlich für das Mega-Projekt zu interessieren (wie das in der Realität aussieht, ist unbekannt). So müssen Alan und sein Team ihre Präsentation in einem riesigen Zelt aufbauen, in dem zunächst weder Klimaanlage noch W-Lan funktionieren (zumindest eine Internetverbindung ist für die Übertragung eines Hologramms aus London nicht ganz unwesentlich). Jeden Tag aufs Neue verharren sie in dem Zelt und warten auf die Anreise des Königs - sie werden jeden Tag aufs Neue vertröstet:
"- Dann sind Sie also hier, um sich ein Bild von der Lage zu machen, sagte sie, drückte die Zigarette aus und zündete sich eine neue an.
- Ich versuche wirklich bloß, mir ein Bild von der zeitlichen Planung zu machen. Wann wir damit rechnen können, irgendwas Neues über den König zu erfahren, so was eben.
- Was hat man Ihnen erzählt? Ich hoffe, die haben Ihnen nichts versprochen.
- Nein, nein, sagte er. Die haben sich recht deutlich geäußert. Aber ich hoffe dennoch, dass es bald soweit ist. (...)
- Tja, das wäre gut für uns alle. Der König war schon eine Weile nicht mehr hier.

- Wie lange ist eine Weile?
- Nun ja, ich bin seit achtzehn Monaten hier, und er hat sich noch kein einziges Mal blicken lassen." 
Alan Clay steht dabei sinnbildich für den Niedergang der Weltmacht Amerika. Mitte 50, verschuldet, kann er die Studiengebühren für seine Tochter nicht mehr bezahlen und liegt darüber im ständigen Clinch mit seiner Ex-Frau. Er war führend beteiligt an der Verlagerung von Produktionsschritten mehrerer Unternehmen aus den USA in Niedriglohnländer und scheiterte letztendlich an seinen eigenen Rationalisierungsmaßnahmen. Metaphorisch ist wohl auch seine Geschwülst im Nacken, die er mehrfach mit unsterilisierten Messern und Nadelstichen "untersucht" und von der er glaubt, dass sie - verbunden mit dem Rückenmark - für die ganze Misere verantwortlich sei. Die Schilderung dieser Vorgänge ist dabei so plastisch, dass es einem mehrfach kalt den Rücken runterläuft (ähnlich wie das Blut Alans, nachdem er das Messer/die Nadel entfernt hat).
"Er ging zum Spiegel und fand die Nadel. Er hatten den Trick vom Kuchenbacken im Kopf - den Zahnstocher reinstecken, sehen, ob was kleben bleibt. Wenn er sauber rauskommt, ist der Kuchen fertig. 
Er sucht nach einem Streichholz. Er hatte keine Streichhölzer. Er war betrunken und hatte es satt, nach Sachen zu suchen. Die Nadel kam ihm steril genug vor. Er drehte sich zum Spiegel, hielt die Geschwulst mit der linken Hand, die Nadel in der rechten und zielte. (...)"
Die Zeit des Wartens - zu keiner Zeit ist klar, ob Abdullah heute, nächste Woche oder Ende nächsten Monats auftauchen wird - bringt Alan mehr oder weniger freiwillige Einblicke in die saudische Gesellschaft. Bei einem Roadtrip mit seinem Fahrer Yousuf, mit welchem er sich anfreundet, lernt Alan, dass sein Humor mal mehr, mal weniger gut ankommt. Im Haus der Ärztin, die ihm die Geschülst entfernt, gehen beide mit Männershorts und oberkörperfrei schnorcheln, weil es dann für die Nachbarn von oben so aussieht, als seien zwei Männer im Wasser. Und auf einer Party in der dänischen Botschaft lernt er die Vorzüge illegal gebrannten Alkohols kennen.

"-Salam, sagte er.
- Salam, sagte Alan.
- Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen.
- Nein, danke. Ich gehe bloß spazieren. 
- Machen Sie Fotos?
- Ja, richtig. Wunderschöner Morgen.
- Ich habe Sie von oben beobachtet. 
Alan sah sich um und versuchte abzuschätzen, von welcher Stelle weiter oben der Mann ihn beobachtet hatte. Der Mann lächelte grimmig. 
- Sie machen viele Fotos.
- Kann sein, sagte Alan. 
Irgendwas passierte hier, aber konnte nicht den Finger drauflegen. Dann wusste er es. 
- Amerikaner, fragte der Mann?
Ah. Wie immer spürte Alan spontan die Lust zu lügen.
- Ja, sagte er. 
- Die vielen Fotos. Arbeiten Sie für die CIA oder so?
Das Lächeln des Mannes wirkte jetzt echter, und das schien irgendwas in Alan zu lösen.
- Bloß freiberuflich, witzelte Alan. Nicht fest angestellt.
Der Kopf des Mannes schnellte ein wenig zurück, als hätte er etwas Unangenehmes gerochen, irgendwas Unnatürliches. Dann legte er den Gang ein, und weg war er."
Auch seine Potenz kann sinnbildlich für die amerikanische Wirtschaftskraft interpretiert werden, sie versagt immer dann, wenn sie gefordert wird. Durch die Briefe an seine Tochter, die er nie abschicken wird,  findet er mehr und mehr zu sich selbst. Die Beschreibung des Reichtums am Golf und der Armut in den Wüstenstädten sowie die gescheiterte Existenz Alans sind immer gewürzt mit Erinnerungen an bessere Zeiten und mit Globalisierungskritik.

Ob König Abdullah tatsächlich eines Tages in KAEC auftaucht, lass ich hier mal offen, um nicht das Ende zu verraten. Jedoch kommt es in diesem wunderbaren Roman gar nicht so sehr auf das Ende an. Ab Januar 2014 wird er übrigens verfilmt - leider mit Tom Hanks. Man sollte ihn unbedingt vorher noch lesen!

Zum Weiterlesen:
Eggers, D. (2013): Ein Hologramm für den König. Kiepenheuer & Witsch, Köln.




30 octobre 2013

Armes Hypezig: Von Moschee-Bau und Rassismus

Den Hype um Leipzig fand ich immer schon irgendwie merkwürdig. Wenn mich Nicht-Leipziger auf die neuen Hipster-Stadt ansprechen, weiß ich immer gar nicht, was ich antworten soll. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Debatte über den Moschee-Bau in Gohlis.

So gut kann es um den Freiraum und die Toleranz in Hypezig nicht bestellt sein, wenn eine Bürgerinitiative in Gohlis rassistische Vorurteile spielen lässt, nur weil eine muslimische Religionsgemeinschaft durch den Bau einer Moschee die Langeweile der Georg-Schumann-Straße etwas aufbrechen will. Die Argumente, die sich auf das architektonische Erscheinungsbild beziehen, scheinen dabei noch die harmloseren zu sein. Im Gegensatz zum Neubau der katholischen Kirche am Wilhelm-Leuschner-Platz oder der protestantischen Kirche im Rahmen des Universitätsneubaus (ist die eigentlich endlich mal fertig?) ist die geplante Moschee vergleichsweise klein und alles andere als ein Protzbau. 

Die Ahmadiyya-Moschee aus Richtung Süd-Ost. Im Hintergrund das höhere Nachbargebäude. (Foto: Stadt Leipzig)
Weitaus schlimmer sind die offen ausländer- und migrantenfeindlichen Argumente aus einer kruden "Überfremdungsangst" heraus oder aus der Angst vor einer "migrantischen Infrastruktur". So hat sich nach Bekanntmachung der Pläne eine (bislang anonyme) Bürgerinitiative gegründet, die den Moscheebau verhindern will und dafür die Online-Petition "Gohlis sagt Nein" initiiert hat. Liest man die Argumente, die die Petition begründen, kann einem nur schlecht werden. Knapp 2500 Unterstützer sind ihnen im Oktober 2013 trotzdem aufgessen. Der befürchtete steigende Lärmpegel und die kommende Parkplatznot sind dort natürlich die offiziellen Argumente. Glücklicherweiser wurde prompt die Gegen-Petition "Leipzig sagt ja" gegründet, die mit knapp 3000 Unterstützern etwas mehr zu bieten hat. Nun ist Quantität zwar noch kein Qualitätsmerkmal, aber es stimmt trotzdem erstmal zufrieden.

Viele der Argumente der Gegner haben andere schon sehr gut kritisch analysiert, z.B. hier oder hier. Eines der besonders dummen wird aber immer wieder bedient: In muslimischen Ländern ist der Kirchenbau oftmals nicht erlaubt, daher müssen wir in Deutschland auch den Moscheebau verbieten, so das Argument. Dafür hätte es gar nicht den Besuch der Veranstaltung "Logik und Wissenschaftstheorie" im Rahmen meines Bachelor-Studiums bedurft, um die Dämlichkeit des Arguments zu erkennen. Wenn ich einen Zustand kritisiere, weil ich ihn falsch finde, dann will ich ihn doch besser machen. Oder bin ich da zu naiv? Weil mein Nachbar, der Umweltsünder, den Müll nicht trennt, trenne ich ihn auch nicht, ist klar, ne?

Natürlich ist das alles kein Leipzig-spezifisches Problem. Feindlichkeit und Ressentiments gegenüber Fremden sind immer dort am ausgeprägtesten, wo es diese vermeintlich Fremden gar nicht gibt. In der Schweiz wurde der Minarett-Bau überwiegend in den Kantonen abgelehnt, in denen es gar keine Moscheen gibt (zur Erinnerung: Volkentscheid 2010). Das hört sich nur auf den ersten Blick paradox an. Denn dort, wo der Umgang mit "Anderen" zum Alltag gehört, ist auch die Fremdenfeindlichkeit geringer. Das liegt schon in der Logik des Wortes "fremd" begründet. Aber auf dem Weg dahin würde man natürlich seine Vorurteile und sein Schubladen-Denken verlieren. Dieser Prozess hat es in Leipzig leider noch nicht bei allen zum Hype geschafft.



1 mai 2012

Sarkozy oder Hollande? Le Pen!

Sarkozy oder Hollande? Fast 50 Prozent der wahlberechtigten Franzosen interessierte diese Frage bei der ersten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl nur am Rande. Das ist zunächst natürlich kein Problem. Das Eichhörnchen auf Koffein (Sarkozy) ist so unbeliebt wie noch kein amtierender Präsident vor ihm. Und Hollande besticht vor allem durch eins: Langeweile. Ein weiterer Name löst da viel mehr Emotionen aus (und das bereits bei allen Präsidentschaftswahlen seit 1974): Le Pen.*

16,9 Prozent setzten Frankreich im Jahre 2002 in Aufruhr. Jean-Marie Le Pen überholte damals überraschend den sozialistischen Kandidaten Jospin und zog in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ein. Zehn Jahre später kann seine Tochter Marine (inzwischen Jean-Maries Nachfolgerin) diesen Coup nicht wiederholen. Dies stimmt jedoch nur auf den ersten Blick. Denn mit 18,5 Prozent erreicht sie heute über sechs Millionen Wählerinnen und Wähler (bei 45 Millionen Wahlberechtigten, wovon 36 Millionen gewählt haben).


Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National (FN), die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 83jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich 2011 vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (43) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Marine versucht nun, das Image ihres Vater einerseits zu konservieren und anderseits loszuwerden. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie einer "Entdämonisierung" der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch diese Kader hält sie mit brillianter Rhetorik bei der Stange. So verglich sie 2011 die Straßengebete von Muslimen mit einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums". Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung direkt aus ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"), aber verstanden wurde sie trotzdem.


Die FN positioniert als "Systemfeind". Ihre Attraktivität gewinnt sie durch eine effiziente und sehr intelligente Propaganda. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Ein zentrales Element ihres Diskurses ist dabei die Schaffung kollektiver Feindbilder. Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment). Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. So werden klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen" gezogen. Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet ein gemeinsames Feindbild und verbreitet ihr Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre hinweg einen enormen sozialen Einfluss entwicklen.

Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und "Deutsche mit Migrationshintergrund" geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit, Armut und Staatsverschuldung kämpfen. Die ‚kleinen Leute‘ wählen schon lange nicht mehr linke Parteien der Arbeiterklasse, sondern die Front National.  


Wenn also über sechs Millionen Franzosen am rechten Rand wählen, dann ist das nur das offensichtliche Problem. Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’. Wenn Sarkozy zurzeit versucht, die FN rechts zu überholen, dann kann er das nur machen, weil es fruchtet. Nichtsdestotrotz wird er von vielen FN-Wählern gehasst. Marine Le Pen soll insgeheim auf einen Wahlsieg Hollandes und eine anschließende Abspaltung rechter Teile von Sarkozys UMP hoffen, die sie in einer sich neu zu gründenden rechten Partei unter ihrem Vorsitz aufnimmt. Nächster Halt für Marine: Präsidentschaftswahl 2017. Ihr Einfluss wird bis dahin wachsen. Düstere Vorstellung.

* Erstveröffentlichung auf renardteipelke.blogspot.com 

31 mars 2012

Kairo, die Letzte: Gewerkschaften als lebendige Demokratie

Mein Kairo-Aufenthalt liegt nun bereits über einen Monat zurück. Daher möchte ich die "lose Serie über Kairo" zu Ende bringen. Fraglich ist, ob man bei fünf Posts von einer Serie sprechen kann - zumal die Themen wirklich sehr spezielle Aspekte problematisiert haben. Das ist schlecht, denn es gäbe noch so viel weiteres zu erzählen. Wer Lust auf mehr hat, kann aber mal auf diesem Blog vorbei schauen. Heute ein weiteres, sehr spezielles Thema: die Gewerkschafsbewegung in Ägypten. 

Wenn in Deutschland die U-Bahnen im Depot bleiben, Kindergärten geschlossen sind und der Müll nicht abgeholt wird, gehört das zum ganz normalen gesetzlich geregelten Ablauf von Tarifverhandlungen. Am Ende konnte die Gewerkschaft Ver.di, die den öffentlichen Dienst vertritt, ein sattes Lohnplus für ihre Mitglieder und auch die nichtorganisierten Angestellten verbuchen. Streiks nerven immer die Betroffen, aber dafür sind sie da. Und man hat das Gefühl, dass solche Arbeitskämpfe trotz allem auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen.

Sonnige Zukunft für die Gewerkschaftsbewegung?*
Wenn in Ägypten die Arbeit niedergelegt wird, ist das in erster Linie vor allem eins: illegal. Hinzu kommt, dass Streiks nicht gerade hoch angesehen sind in der ägyptischen Gesellschaft. Seit der ersten Gewerkschaftsgründung im 19. Jahrhundert war die Arbeiterbewegung immer wieder staatlicher Repressionen ausgesetzt. Aktuell gilt nach wie vor das Gewerkschaftsgesetz von 1976, welches unabhängige Gewerkschaften verbietet. Arbeiter waren gewissermaßen zwangsorganisiert in einem hierarchischen und zentralisierten Gewerkschaftsverband, der dem ägyptischen Arbeitsministerium unterstellt war. 

Allgemein kann man von einem erodiertem Arbeitsrecht in Ägypten sprechen. Arbeiter müssen bei der Vertragsunterzeichung gleichzeitig ihre Kündigung unterschreiben. Diese wird dann zu gegebener Zeit herausgeholt und jegliche Proteste bzw. juristischen Vorgänge gegen einen Rauswurf werden damit im Keim erstickt - schließlich hat man ja selbst die Kündigung eingereicht. Darüber hinaus ist der ägyptische Arbeitsmarkt von sehr geringen Löhnen, einer hohen Arbeitslosigkeit und einem großen informellen Sektor (informell heißt dabei nicht illegal) geprägt.

Schon fünf Jahre vor dem sogenannten ägyptischen Frühling kam es jedoch immer wieder zu Arbeiterprotesten, die eine neue Intensität erreichten. 2009 konnte sich dann aufgrund zahlreicher internationaler Solidaritätsbekundungen die erste unabhängige Gewerkschaft etablieren. In Folge des Umbruchs seit Anfang 2011 gründeten sich über 200 weitere unabhängige Gewerkschaften sowie zwei unabhängige Dachverbände.


Generalstreik am Tahrir: Hohe Beteiligung sieht anders aus!
Inwieweit diese neue Gewerkschaftsbewegung eine positive Zukunft hat, bleibt abzuwarten. Die Entwicklungen seit Anfang 2011 stehen im Konflikt mit der nach wie vor bestehenden Gesetzgebung. Ein gemäß den Standards der International Labour Organisation (ILO) ausgearbeitetes, neues Gewerkschaftsgesetz wird bis heute vom Obersten Militärrat blockiert. Als am 11. Februar 2012 zum landesweiten Generalstreik aufgerufen wurde, war die Beteiligung nur sehr gering. Ein Generalstreik ist ein durchaus mächtiges Mittel, wie Griechen, Belgier oder Spanier immer wieder beweisen. In Deutschland ist ein solcher übrigens verboten. 

In einer zunehmend globalisierten Welt scheint sich das alte Machgefälle zwischen Arbeit und Kapital unaufhaltbar in Richtung Kapital zu verschieben. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine starke, unabhängige Vertretung der Arbeiterinteressen von entscheidender Bedeutung. Nicht nur für ökonomische Überlegungen wie die Senkung von Armut, Herstellung sozialer Gerechtigkeit oder Begrenzung der Lohnunterschiede sind starke Gewerkschaften unabdingbar. Auch als demokratischer Akteur sind sie für die Gesellschaft enorm wichtig und stehen letzendlich als Zeichen für eine lebendige Demokratie. Teilen wir gemeinsam die Hoffnung, dass der Erfolg der ägyptischen Gewerkschaftsbeweung gelingt!

*Fotos von RT und DO.

15 mars 2012

Kairo, die Vierte: Graffiti in der politisierten Stadt

Zwar hat das ägyptische Volk erstmals in freier Wahl ein Parlament bestimmt, jedoch ist auch ein Jahr nach dem Beginn des politischen Umbruchs noch nicht alles perfekt. Die verfassungsgebende Versammlung soll ohne Frauen und Christen besetzt werden, die Wahl des Präsidenten wurde auf Juni verschoben und der Militärrat klammert sich mit aller Kraft an die Macht. Als Erfolgsgeschichte ist hingegen die zunehmende Politisierung der Menschen zu bezeichnen. Die zahlreichen Graffiti, die man überall in Kairo findet, sind vielleicht kein Beweis dafür, aber doch zumindest ein deutliches Indiz...*

 
 
 
 
  
To be continued.

*Fotos von RT, CM und DO.

19 janvier 2012

Update: Mehr Verantwortung bei der Polizei

Vor einiger Zeit habe ich bereits über die Kampagne von Amnesty International "Mehr Verantwortung bei der Polizei" berichtet. Aufhänger waren Vorwürfe mutmaßlicher Misshandlung und unverhältnismäßiger Gewaltanwendung durch Polizisten. Amnesty hat die Kampagne nun beendet - mit gemischtem Erfolg.





In Brandenburg und Berlin wurde eine individuelle Kennzeichnung für alle Einheiten bereits beschlossen, in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bremen ist sie in den Koalitionsverträgen vereinbart. Während in Brandenburg in diesem Jahr noch an der Umsetzung ab 1. Januar 2013 gearbeitet wird, sind in Berlin die umklappbaren Nummern- und Namensschilder bereits im Einsatz. Berlin ist somit das erste Bundesland, in dem alle uniformierten Polizeibeamten in der Praxis durch Namen oder Nummern individuell identifizierbar sind.

Die zweite Hauptforderung der Kampagne war die Einrichtung unabhängiger Untersuchungen im Falle mutmaßlicher Polizeigewalt. Leider hat sich in diesem Bereich bisher fast nichts getan. Lediglich Rheinland-Pfalz plant die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungsstelle.

Wem nicht mehr klar ist, welche Argumente für eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten und unabhängige Ermittlungen sprechen, möge dies im früheren Blog-Post nachlesen. Polizisten sollen hierbei nicht unter Generalverdacht gestellt werden, es soll aber überhaupt erstmal die Möglichkeit geschaffen werden, etwaigen Vergehen nachgehen zu können.

Vielleicht eine sehr individuelle Anmerkung zum Schluss: Wenn Polizisten nicht mehr "Freund und Helfer" sind, kein "Gefühl der Sicherheit" mehr ausstrahlen, ihre Präsenz vielmehr ein unangenehmes Gefühl verursacht, gar als "Bedrohung" wahrgenommen wird, dann läuft etwas falsch. Mir zumindest geht es (oft) so.


Zum Weiterlesen

Amnesty International zum Kampagnenabschluss

Menschenrechtkomissar des Europarates an Innenminister de Mazière

Die Welt: "Kennzeichnungspflicht für Berliner Polizei umgesetzt"

23 novembre 2011

"We can have sex with cats, but we cannot change the system"

Slavoj Žižek benutzt gern Sex-Metaphern. Überhaupt ist seine Sprache plakativ und provokativ - das macht er ganz bewusst; nicht zuletzt deshalb ist der Kapitalismuskritiker so berühmt geworden. Wenn er über Neoliberalismus als Idelogie spricht, sind seine Ausführungen jedoch nicht nur äußerst spannend, sondern auch überzeugend.

Als Žižek nach der Anmoderation der unter dem Titel "Gedankensquash" laufenden Veranstaltung den Moderator fragt, was denn Gedankensquash eigentlich sein soll, kann dieser keine wirkliche Antwort geben. Das liegt vermutlich daran, dass der Titel völlig egal ist - wer schon mal was von Žižek gehört/gelesen hat, weiß ohnehin, worüber er reden wird. Und so geht es dann auch weniger um sein jüngst auf deutsch erschienenes Buch "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert.", sondern vielmehr um seine Sicht auf den Kapitalismus, Neoliberalismus und die weltweite (Finanz-)Krise. 

Quelle
Žižek ist Philosoph, Psychoanalytiker und einer der Popstars unter den Kapitalismuskritikern. Er selbst bezeichnet sich als "altmodischen Marxisten", der sich fragt, welche marxistische Revolution heute vorstellbar sei, angesichts der Verbrechen, die im Namen des Marxismus begangen worden sind. Auffallend ist die ausgeprägte Mimik und Gestik, die er benutzt, wenn er spricht. Fast schon wirkt er ein wenig verhaltensgestört, wenn er sich ständig das Mikro (Headset) vom Kopf reißt, in seinen Bart fasst oder in seine Hände schnäuzt. Sein Sprachfehler kommt erschwerend hinzu. All das spielt aber nur am Rande eine Rolle. Am Anfang unterhält er sich mit dem Moderator auf Deutsch, der es während des gesamten Vortrages ziemlich schwer hat ("I only insulte good friends"), bevor er dann "in die Sprache des Imperialismus" wechselt, in der er sich erkennbar sicherer fühlt. 

Žižek am 22.11.2011 im Literaturhaus Frankfurt
Er beginnt seine Ausführungen mit folgender Feststellung: "the situation is catastrophic, but we don't take it seriously". Eng verbunden ist damit der Begriff des Warenfetischismus von Marx, heute sind die gesellschaften Praktiken jedoch noch schlimmer; Menschen würden etwas denken, aber anders handeln als sie denken  - oder auch so tun, als ob etwas wahr wäre, auch wenn sie wissen, dass es falsch ist. Dieses ständige Sich-in-die-Tasche-Lügen fängt klein an bei Begrüßungsritualen ("Nice to meet you" - obwohl man eigentlich gern die Straßenseite gewechselt hätte) bis hin zum kapitalistischen System. So ist der Neoliberalismus heute zur Ideologie geworden, scheinbar real existierend und entfaltet damit eine enorme Wirkungsmacht. Er durchdringe alle Lebensbereiche, drei kleine Beispiele seien hier genannt:
1. Bologna-Reform: Studierende als sich selbst vermarktende Einheiten, deren Leistungen durch überall vergleichbare Credit Points ausgedrückt werden; Bildung kein Selbstzweck.
2.  "outsource your sex life": romantisches Element geht verloren, "fall in love" wird zu "to be in love without the fall"
3.  Angekündigtes und wieder abgesagtes Referendum in Griechenland. Sofort setzt bei uns der Schock ein - wie können die Griechen nur ("this is a serious economic question, why will you ask the people?")
Heute kann man global Bewegungen beobachten, die gegen die neoliberale Logik protestieren. Ihnen wird vorgeworfen, sie wüssten nicht, was sie wollen. Žižek sieht das nicht als Problem, er kann jedoch das Herumdoktern innerhalb des "Systems", ohne das System selbst abzuschaffen, nicht nachvollziehen. Das liberal-demokratische System der Repräsentation sei nicht mehr in der Lage, bspw. den globalen Finanzsektor zu kontrollieren. Der globale Kapitalismus unterminiere die Demokratie.


Žižek zur Krise der Demokratie auf Youtube:


“In the long term [...] the capitalism did always engender a demand for freedom, democracy and so on. [...] This eternal marriage between democracy and capitalism is approaching divorce. [...] Capitalism functions perfectly without democracy.”
Es reiche also nicht, den Kapitalismus in einer neoliberalen Logik zu zähmen, sondern diese vielmehr selbst in Frage zu stellen. Denn: "the light of the end of the tunnel  is probably a train". TINA-Argumente ("there is no alternative") lehnt Žižek ab. Die Menschheit kann zum Mond fliegen, wird demnächst den Mars ansteuern, im privaten sei eben jener Sex mit Tieren vorstellbar, aber sobald nach einem besseren Gesundheitssystem gefragt wird, soll dies unmöglich sein. 

Žižek bietet keine einfache Lösung an, er will zunächst die richtigen Fragen stellen. Wer gleich Forderungen formuliert, trete selbst in das Raster normierter Institutionen ein. Hier kann man ihm den Vorwurf machen, es sich zu leicht zu machen, vielleicht widerspricht er sich hier auch selbst. Allerdings ist doch genau dieses kritische Hinterfragen vermeintlich objektivierter Tatsachen sowie der Logiken, nach denen die Welt und man selbst ganz persönlich funktioniert, der Grundstein aller Veränderungen. Und die richtigen Fragen zu stellen, ist mit Žižek höchst unterhaltsam. 

Zum Weiterlesen:
Žižek, S. (2011): "Welcome to interesting times!", in Powision, 6(1), S. 58-63.

20 octobre 2011

"Fangen Sie an, Fritz"

Vor einiger Zeit habe ich bereits die Erinnerungen von Fritz Stern vorgestellt. In seinem Gesprächsband mit Helmut Schmidt stellt man einmal mehr fest, wie wichtig es ist, sich (unsere) Geschichte im eigenen Bewerten und Handeln stets vor Augen zu führen. Zwei Herren mit interessanter Biografie und inzwischen fortgeschrittenem Alter sprechen drei Tage miteinander. Am besten sind jene Stellen, an denen sie mal nicht einer Meinung sind.


Zentrales Thema ist natürlich der Nationalsozialismus - Stern ist Historiker, Amerikaner deutsch-jüdischer Herkunft, der aus Deutschland fliehen musste; Schmidt Alt-Bundeskanzler, Soldat im 2. Weltkrieg und Politiker der ersten Stunde nach dem Ende des Krieges. Sehr eindrucksvoll schildern sie ihre jeweiligen Eindrücke aus dieser Zeit, die selbstredend unterschiedlicher nicht sein können.

Persönlich ist mir bis heute nicht klar, dass bestimmte Dinge nicht gesehen wurden. Stern bemüht immer wieder Nietzsche, so zum Beispiel auch zur Erklärung dieses Phänomens: "[...] aus der innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist." Er unterstellt den Deutschen eine Verdrängung der Wirklichkeit, quasi kein Nicht-Wahrnehmen, sondern ein Nicht-Wahrnehmen-Wollen. Das ist natürlich eine ziemlich große These, aber zumindest sollte sie doch nachdenklich stimmen. Und so beginnt auch die Diskussion der beiden:
Schmidt: [...] Ich muss Ihnen hier bekennen: Ich habe erst während des Krieges begriffen, dass die Nazis Verbrecher waren. [...] ich habe nur begriffen, dass die verrückt sind, nicht dass sie Verbrecher sind. [...]
Stern: Helmut, entschuldigen Sie, wenn ich es so sage: Dazu gehörte ein gewisser Wille, es nicht zu sehen. Dazu gehörte das, was Nietzsche die "Feigheit vor der Wahrheit" genannt hat. Die Realität war, dass die Nazis die Straße beherrschten in dem Sinne, dass sie Andersdenkende oder ehemalige politische Feinde oder Juden verhafteten, jeden, der ihnen nicht passte. [...] Diese Realität habe ich als Kind vollkommen begriffen.
[...]
Schmidt: [...] Ich glaube, den Deutschen war diese Ekel-Propaganda zuwider, man konnte es nicht mehr hören, dieses ewige "Der Jude ist schuld". Die Deutschen wolltes es eigentlich nicht wissen.
Stern: Das ist meines Erachtens ungeheuer wichtig: Sie wollten es nicht wissen. [...] (S. 78ff.)
Spontan ist man mit Stern auf einer Linie, wobei Schmidt an vielen verschiedenen Beispielen schildert, dass er nichts mitbekommen hat. Fraglich bleiben öffentliche Aktionen, die die Deutschen mitbekommen haben mussten, wie die Reichskristallnacht oder auch vermeintlich weniger schlimme Taten, wie die Bücherverbrennungen (Stern: [...] Das war an und für sich nicht zu begreifen, dass man im 20. Jahrhundert vor deutschen Universitäten große Scheiterhaufen  errichtet und Zehntausende von Büchern verbrennt und dass das schweigend hingenommen wird. [...] Es gibt kaum etwas, was so radikal primitiv, so babarisch wäre, wie Bücher zu verbrennen. Die Aktion [...] hätte eigentlich Ekel auslösen müssen, hätte dazu führen müssen, dass man sagt, wir können uns doch nicht von solchen Leuten regieren lassen. (S. 74f.))

Vom zentralen Thema des Nationalsozialismus kommen sie nie ganz weg, aber das ist auch gut so. Nicht minder interessant sind jedoch die anderen Themen, vom Aufstieg Chinas (Schmidt: "Es wäre nicht gerecht, die gegenwärtige Entwicklung Chinas als bloß ökonomischen Fortschritt zur klassifizieren.", S. 38), über die historische Bedeutung des Marxismus (Stern: "Aber ist ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit nicht notwendig, damit ein Gemeinwesen überhaupt funktionieren kann?", S. 240), bis hin zur heutigen FDP (Schmidt: "wie heißt er noch, Westerwelle", S. 132). Resultat ist ein sehr geistreiches und unterhaltsames Gespräch. Am Ende wünscht man sich, Helmut Schmidt und Fritz Stern hätten noch weitere drei Tage miteinander gesprochen.


Stern, Fritz; Schmidt, Helmut (2010): Unser Jahrhundert: ein Gespräch. München. Beck. 


24 juillet 2011

Five Germanys I have known

Der amerikanische Historiker Fritz Stern ist in Deutschland v.a. durch seine Freundschaft zu Helmut Schmidt bekannt. Auf die "deutsche Frage" spezialisiert, hat er auch ganz persönliche Erinnerungen und Gedanken zu seinem Geburtsland. Diese schreibt er in seiner Autobiografie "Fünf Deutschland und ein Leben" nieder. Spannend, lehrreich, witzig -  das Buch ist sehr zu empfehlen.


Fünf verschiedene Deutschland hat Fritz Stern im Laufe seine Lebens erlebt: die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die BRD, die DDR und das wiedervereinigte Deutschland. Wenn man es genau nimmt, beschreibt er sogar ein sechstes - das Kaiserreich aus Briefen und Tagebucheinträgen seiner Eltern. Viel besser als es jedes geschichtswissenschaftliche Buch vermag, beschreibt Stern die Verhältnisse in den 1920er und 30er Jahren, so wie er sie erlebt hat. Die scheinbar geglückte Integration der deutschen Juden im Kaiserreich und der Weimarer Republik wird mit dem Aufstieg Hitlers und der NSDAP jäh gestoppt. Stern und seine Familie emigrieren in die USA, tief enttäuscht von ihrem Heimatland und v.a. ihren Mitbürgern. Höchst spannend ist die sich allmählich verändernde Bewertung der politischen Verhältnisse seitens seines Vaters, die ihnen am Ende keine Möglichkeit lassen, in Deutschland zu bleiben. Stern beschreibt den damaligen Werdegang kurz als "Angstweg". 

Angekommen in New York, verachtet Stern Deutschland. Diesen Hass überwindet er erst im Laufe der Zeit durch die historische Aufarbeitung der deutschen Geschichte, durch die Begegnung mit (deutschen) Zeitgenossen und durch spätere Reisen in die damalige BRD und DDR. Klaren Aussagen folgt immer eine fundierte Begründung. Die langen Analysen machen das Buch an vielen Stellen jedoch auch zäh. Da er in den USA lebt und lehrt, bewertet er die (Zeit-)Geschichte von außen, was insbesondere bei Urteilen über die DDR und ihre Bevölkerung zunächst skeptisch stimmt. Diese Perspektive macht das Buch jedoch sehr spannend, da es ihm gelingt, große Linien in der Entwicklung Deutschlands zu identifizieren, die er aber stetig mit kleinen Details und Anekdoten verbindet.   

Wer sich mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert beschäftigen möchte, die entlang des Lebens eines wahrlich großen Denkers erzählt wird, sollte "Fünf Deutschland und ein Leben" lesen. Neben kritisch-witzigen Kommentaren werden gleich noch ein paar Wissenslücken gefüllt oder wieder aufgefrischt. Sehr lesenswert ist ebenso das Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Fritz Stern über das 20. Jahrhundert. Es liest sich sehr gut, ist witzig und originell. Hier ein kurzer Auszug:
Helmut Schmidt: Da wir nun einmal bei dem Thema sind, Fritz: Ich hatte mir drei Fragen aufgeschrieben. Antisemitismus hat es in vielen europäischen Staaten gegeben. Meine Frage ist: Was waren die entscheidenden Ursachen dafür, dass der Antisemitismus sich in Deutschland bis zum millionenfachen Genozid übersteigern konnte. Oder anders gefragt: Wie groß darf unser Vertrauen darauf sein, dass wir Deutschen künftig psychotischen Gefährdungen erfolgreich widerstehen werden? Oder noch anders gefragt: Ist die deutsche Nation in höherem Maße verführbar als andere europäische Nationen – und warum ist das so? Das sind drei Fragen, die aber eigentlich auf ein und dieselbe Frage hinauslaufen. Und – mir fällt keine Patentantwort ein.
Fritz Stern: Die gibt’s auch nicht, eine Patentantwort. Aber ich möchte – 
Schmidt: Unter uns gesagt: Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere. 
Stern: Alle Nationen sind verführbar, auch die amerikanische, bei der es allerdings noch nicht ausprobiert wurde. – Ich will versuchen, Ihre Frage Punkt für Punkt zu beantworten, mit Teilantworten auf Ihre verschiedenen Fragen, und dazu eben ein paar Notizen machen, damit ich mich richtig daran erinnere, also, wenn es Antisemitismus gab...
Schmidt: Nicht verstanden. 
Stern: Antisemitismus – 
Schmidt: Sie brauchen nicht laut reden, nur langsam. Ich versteh immer nur die Hälfte, die andere Hälfte muss ich kombinieren. Das habe ich gelernt. Aber wenn Sie zu schnell reden, kommt mein Computer nicht mit. Es ist eine Begleiterscheinung des Alters.
[...]
Literatur:

Stern, Fritz (2007): Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. München: Beck. [engl. Five Germanys I have known]

Stern, Fritz; Schmidt, Helmut (2010): Unser Jahrhundert: ein Gespräch. München. Beck.

19 juillet 2011

Potter, liberal

Parteien auf der Leinwand: Was wir im Kino über SPD und FDP lernen

Am Freitagabend saßen wir, als hätten wir nichts schöneres zu tun, in einem Berliner Kino und schauten uns "18 Monate unter Genossen an", eine Dokumentation aus dem Innenleben der SPD. Der Film ist eine ganz wunderbare Momentaufnahme über den Zustand der ältesten deutschen Partei. Er hat genauso wenig zu erzählen wie diese momentan selbst. Unter Politikern hinterherlatschenden Cineastendarstellern sagt man auch: Es fehlt das Narrativ, dem Film wie den Sozen.

Umso größer ist unsere Freude darüber, dass diese Woche endlich die Harry Potter-Adaption Philipp Rösler und die Heiligtümer des Todes, Teil 2, anläuft. Im ersten Teil hatte Ihr-wisst-schon-wer seine Macht verloren, seien verfluchten Vorsitz niedergelegt und - anstatt umgehend durch das Verschwindekabinett zu disapparieren - seine Seele in insgesamt sieben Horkruxe ausgelagert, um sein politisches Ableben hinauszuzögern, darunter das Auswärtige Amt, die Schlange Kubicki und Philipp Rösler selbst. Beim Versuch, die übrigen Horkruxe zu zerstören, fällt Philipp Rösler in Teil 2 in ein Fass Vielsaft-Trank und hört sich nun an wie Ihr-wisst-schon-wer in der Kammer des Schreckes, der schwarz-gelben Koalition: "Ich will ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem." Traurig, traurig. Da macht sich der Halbblutprinz auf die Suche nach dem Stein der Weisen - und hat noch nicht mal ein eigenes Narrativ dabei! Die Liberalen, so lernen wir daraus, sind halt kein Orden des Phönix. Die FDP ist ihr ihr eigener Todesser.

(gefunden in DIE ZEIT, leider nicht online abrufbar)

19 mai 2011

Filmtipp: Todespolka.

Die letzten zwei Montage war ich in der Sneak Preview der Passage Kinos. Bei "Polnische Ostern" fand ich es ein wenig befremdlich, dass ein paar Leute mitten im Film den Saal verlassen haben - zugegeben, der Film war ziemlich flach, aber es ist eben auch die Sneak Preview mit Überraschungseffekt. Diese Woche verließ ca. 1/3 des Publikums den Saal - verständlicherweise, denn der Film war sehr anstrengend.

Der Film spielt "ein halbes Jahr nach der 'freundlichen Übernahme' durch die Bürgerpartei. [...] Die beim Volk beliebte populistische Politikerin Sieglinde Führer [haha!] sät Hass, Intoleranz und Gewalt. Nicht nur für Abweichler brechen schwere Zeiten an. [...]" (Film)




Im Mittelpunkt steht eine große Polkashow zu Ehren von Sieglinde Führer, in der neben Polka- und  österreichischer Volksmusik auch immer wieder die Dame selbst zu Wort kommt. Unter Sprechchören ("Siggi, Siggi, Siggi...") fordert sie den Austritt Österreichs aus der EU, die Abschiebung von (kriminellen) Ausländern sowie die Errichtung von Arbeitslagern für islamistische Terroristen, Homosexuelle, Kinderschänder und ähnliches 'Pack'. Übertragen wird das Event auf allen Kanälen im Fernsehen und läuft überall - auf der Tankstelle, auf der Polizeistation oder in den privaten Haushalten von denen, die es leider nicht persönlich zur Show geschafft haben.

Ein Medizinstudent, der dem Ganzen ablehnend gegenübersteht, wird von der Nachbarschaft kritisch beäugt und nimmt selbstverständlich Drogen. Nachbarin A: "Ich hab gehört, der spritzt sich Haschisch!" Sein farbiger Kommilitone besucht ihn ab und zu und wird natürlich gleich als sein Drogendealer abgestempelt. Nach und nach werden die Nachbarn eingeführt. Eine Familie ist schlimmer als die andere und allesamt glauben an die glorreiche Zukunft Österreichs mit Sieglinde Führer.

Die Story nimmt ihren Lauf als einer der Nachbarn seine Frau zum Sex zwingt und ihren Kopf dabei mehrmals gegen die Bettkante stößt. Im Glauben, sie sei tot, schleppt er sie in den Garten. Just in diesem Moment bekommt der Medizinstudent Besuch. Für die Nachbarn ist sofort klar: "Der Neger war's!" Es beginnt eine wilde Hetzjagd, zu deren Ende mehr Personen tot als lebendig sind.



Das alles ist unglaublich überzogen (als die Totgeglaubte wieder aufsteht, wird sie kurzerhand erschossen, um den anderen Mord zu vertuschen), manches hätte einfach nicht sein müssen und oft ist es einfach zu unrealistisch (der Chef des Polizeireviers ist der Cousin von Sieglinde). Aber darum geht es auch gar nicht. Das Groteske schockiert. Am Ende sind die einzig anständigen die Medizinstudenten, ein Mann mit geistiger Behinderung sowie eine Domina. Sie stehen den vermeintlich "braven Bürgern" gegenüber.

Das Erschreckende ist, dass Österreich (von weitem betrachtet) wirklich einen fragwürdigen Weg einschlägt. Ich kenne mich zu wenig mit dem Land aus, als dass ich eine fundierte Analyse liefern könnte. Verbot von Minaretten (weil sie nicht ins 'Landschaftsbild' passen), FPÖ und Haider-Kult sind da allerdings gefährliche Indizien. Damit steht Österreich wohl nicht allein in Europa und Deutschland ist keinesfalls besser. Ich erinnere nur an das meistverkaufte Buch 2010 ("meine rassistischen Äußerungen  waren aber gar nicht rassistisch gemeint! Darf ich jetzt in der SPD bleiben?"). Umso mehr brauchen wir eine engagierte Zivilgesellschaft, die couragiert auftritt und in der die Menschen gegenseitig auf sich acht geben. Dann nämlich können Filme, die heute noch Überzeichnungen sind, niemals Realität werden. Amen! 

16 mai 2011

Ordnung, die

Zustand der Aufgeräumtheit, in welchem sich die Welt gerade nicht befindet. Die Welt mit Ausnahme von: Sachsen. Nach Japan-GAU und Grünen-Sieg wirbt Tillichs Regierung in Baden-Württembergs Presse um Investoren: "In Sachsen ist die Welt noch in Ordnung!" steht da: "Kommen Sie zu uns!" Der Freistaat, so die Begründung, "unterstützt ohne Dogma und Ideologie moderne Techniken." Wann etwa das erste Atomkraftwerk an der Zwickauer Mulde in Betrieb gehen soll, verkündet die undogmatische Staatsregierung bislang nicht.

(gefunden in DIE ZEIT, leider nicht online abrufbar)

21 janvier 2011

Des Alten blonde Tochter

Jean Marie geht. Marine kommt. Le Pen bleibt. Der Führungswechsel bei der Front National (FN) wirft einige Fragen auf zur zukünftigen Entwicklung der FN, der politischen Landschaft Frankreichs und der Zukunft der "Grande Nation" elle-même.

Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National, die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 82jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich jüngst vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (42) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Daher könnte man die FN an einer Weggabelung vermuten: Verliert sie sich in der Bedeutungslosigkeit oder wird sie sogar noch stärker werden in Zukunft? Momentan spricht einiges für Zweiteres. Doch zunächst möchte ich die FN ein wenig charakterisieren.

(Quelle: Zeit Online)

Die FN ist zunächst eine Art Sammelbecken für alle erzkonservativen und rechtsextremen Tendenzen, ohne sich aber selbst als rechtsextrem zu bezeichnen.

« The extreme right ideology can be regarded as a developed system of ideas, whose utopian component compromises the refusal of the existing status quo. […] the ultimate goal is to change the established power relations and governing rules in contemporary society. » (Swyngedouw/Ivaldi 2001)
Dementsprechend positionniert sich die FN gegen das "System", wird zum Systemfeind. Gleichzeitig präsentiert sie sich als Alternative und wird für viele potentiell attraktiv. Verantwortlich dafür ist eine effiziente und m.E. sehr intelligente Propaganda, die über Diskurs und Symbolik funktioniert. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Der Diskurs der FN schafft es, eine spezifische Art zu kreieren, die Welt zu betrachten und Probleme zu bewerten.  Ein zentrales Element dabei ist die Schaffung von kollektiven Feindbildern, die Orientierung bieten.  Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment).

Dieses Konzept  « embrace[s] all the other parties and tends to undermine differences between them. […] The FN’s picture of French politics is predominantly one of corruption, decay and increased party privilege. » (Swyngedouw/Ivaldi 2001)
Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. Die FN setzt drei auf den ersten Blick voneinander unabhängige Themen in einer Kausalkette zusammen: Immigration - Unsicherheit - Arbeitslosigkeit.

Le Pen « politicized immigration, portraying it as the major cause of increasing mass unemployment, high taxes and welfare costs, (sub)urban crime and insecurity» (DeAngelis 2003).

Er zieht klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen". Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet  ein gemeinsames Feindbild und verbreitet sein Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre einen enormen sozialen Einfluss entwicklen. Lecoeur spricht von der "Lepenisierung der Gedanken". Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’.

(Quelle: Spiegel Online)

Was sagt das alles über die Zukunft aus? Nun, die beschriebenen Phänomene bestehen auch heute nach wie vor und das nicht nur in Frankreich. Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und Deutsche mit Migrationshintergrund geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit sowie Armut kämpfen. Die "kleinen Leute" wählen schon lange nicht mehr links, sondern Front National.

Die Ablösung Jean Maries war längst überfällig. Seinen größten Erfolg hatte er 2002, als er Jaques Chirac in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen herausforderte, ein bis dahin unvorstellbarer Vorgang. Dennoch war er für viele nicht wählbar. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie der Entdämonisierung der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch für diese Kader hat sie jüngst ihren rhetorischen Giftkoffer geöffnet: Straßengebete von Muslimen verglich sie mit der einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums" ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"). Auch diese Aussage zeugt wieder von ihrem intelligenten Diskurs. Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung aus, aber verstanden wurde sie trotzdem.


(Quelle: Spiegel Online)

Es ist schwierig zu sagen, wohin Marine Le Pen die FN und die Franzosen hinführt bzw. verführt. Sicher ist, dass ihr Einfluss größer wird. Meine Prognose: Marine Le Pen kommt bei den Präsidentschaftswahlen 2012 in die zweite Runde, indem sie Nicolas Sarkozy aussticht. Dort wird sie dem sozialistischen Kandidaten, vermutlich Strauss-Kahn, zwar haushoch unterlegen, jedoch sind potentielle 25% der Wählerstimmen eben auch 1/4 der Franzosen. Düstere Vorstellung.


Literatur

DeAngelis R., 2003: « A Rising Tide for Jean-Marie, Jörg, and Pauline? Xenophobic Populism in Comparative Perspective », Australian Journal of Politics and History, vol. 49, p. 75-92.

Lecoeur E., 2003: « Un néo-populisme à la francaise. Trente ans de Front National », Paris, La Découverte
 
Swyngedouw M./Gilles I., 2004: « The Extreme Right Utopia in Belgium and France: The Ideology of the Felmish Vlaams Blok and the French Front National », West European Politics, 2004, vol. 24, p. 1-22.
 
Der Spiegel: "Rechtsextreme wählen Le Pen zur Chefin"
 
Die Zeit: "Des Alten blonde Tochter"

6 janvier 2011

Rückblick: Von der Scheinheiligkeit à la française oder dem "modèle républicain"

Soeben habe ich den alten Blog offiziell abgeschaltet. Er war angelegt für das Jahr in Frankreich, als eine Art Reisetagebuch. Löschen werde ich ihn nicht, denn es stecken sehr viele niedergeschriebene Erinnerungen darin. Einen meiner liebsten Posts möchte ich jedoch noch einmal hier publizieren, unverändert.

Erstmals veröffentlicht am 15. März 2010: [Von der Scheinheiligkeit à la française oder dem "modèle républicain"]

Eine Reflexion.

Viele von euch wissen sicherlich, dass Franzosen von einer gewissen Arroganz geprägt sind. Jedenfalls würden aus-dem-Bauch-heraus einige unter euch sicherlich zustimmen. Das fängt bei der Tatsache an, dass die Franzosen ihre Kultur, vor allem aber ihre Sprache gegen jegliche Einflüsse von außen schützen. Sicherlich - bei der deutschen Neigung, Anglizismen einfach zu adaptieren, muss man sich mitunter schon wundern. Von "Public Viewing" über "Coffee to go" bis hin zu "Kiss&Ride" scheinen "wir Deutsche" alles latent zu internalisieren. Die Franzosen hingegen erfinden für jedes noch so alltägliche Wort eine französische Entsprechung. Okay, ein Notebook ist ein "ordinateur portable" [tragbarer Computer...äh...naja, eine tragbare Datenverarbeitungsanlage], aber warum für die E-Mail mit der lediglich phonetisch ähnlichen Entsprechung "mél" nun auch noch ein Wort gefunden werden muss, bleibt offen.

Doch eigentlich denke ich über etwas ganz anderes nach. Seit der Französischen Revolution leben die Menschen in Frankreich unter der Trias "Liberté, Égalité, Fraternité" [Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit]. Dabei scheint mir die Égalité das zentrale Element. Mitunter habe ich das Gefühl, dass man Égalité jedoch durch Unité oder besser noch Uniformité ersetzen könnte. Denn die valeurs du modèle republicain [Werte des republikanischen Models] stehen zwar offiziell für die Gleichheit jeder/s Lebensweise, Religion, Hautfarbe, (sexuellen) Identität, Geschlechts, sozialen Status etc. In Wirklichkeit schützen sie natürlich die Kultur der Mehrheit. Der Franzose ist weißer Hautfarbe, Katholik und heterosexuell.

So kommen mir die Debatten in Frankreich über die nationale Identität (initiiert von Sarko-K.O. ;), Integration und Religion vor allem ziemlich scheinheilig vor. Wie ich bereits anklingen ließ, besteht die Idee der französischen Republik seit 1789 darin, aus allen in Frankreich lebenden Menschen Bürger der einen, unteilbaren, demokratischen Republik zu machen. Wichtig ist vor allem das Konzept der Laizität, also der Trennung von Religion und Staat. Dieses Konzept, was ursprünglich gegen die katholische Kirche ausgerichtet war, richtet sich heute in erster Linie gegen den Islam. Seit 2004 ist das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Bereichen, insbesondere Schulen, verboten. Das Tragen einer Kette mit Kruzifix-Anhänger dagegen nicht. Im Moment läuft alles darauf hinaus, dass das Tragen der Burqa gänzlich verboten wird. Über die Burqa kann man natürlich sehr geteilter Meinung sein (religiöses Symbol - Symbol der Unterdrückung der Frau?). Fakt ist jedoch, dass die verwendeten Argumente gegen die Burqa scheinheiliger nicht sein könnten.

Das Modell der Republik, die die gleichen Werte teilt, richtet sich ein wenig allgemeiner gesprochen gegen jede Form von Multikulturismus. In den französischen Denk-Schemata gibt es schlicht keine Unterschiede, keine Menschen mit verschiedenen Hintergründen, keine Subkulturen... Alle sind französisch. Soweit die Theorie.

Die Realität sieht ein wenig anders aus. Frankreich fühlt sich bedroht. Einige sprechen von der "crise de sens" [Sinnkrise], vom Kulturverfall, von den negativen Ergebnissen der Globalisierung oder von der Risikogesellschaft, die auf die neuen komplexen Probleme keine Antwort findet. Schon lange bevor Westerwave den rhetorischen Giftkoffer öffnete (freilich in anderem Zusammenhang) spricht Frankreich von "Dekadenz", aber natürlich auch vom "Problem der Immigration" sowie von "anti-französischem Rassismus". Maßgeblich mitverantwortlich ist die rechtsextreme Front National unter Jean-Marie Le Pen (die seit den 1980er Jahren dritte politische Kraft Frankreichs ist und bei den gestrigen Regionalwahlen in der Lilloiser Region 20% holte). Le Pen ist ein wahnsinnig intelligenter Rhetoriker. Zwar nimmt ihn die Mehrheit der Franzosen als merkwürdig und gefährlich wahr, dennoch hat er es geschafft, ihr Denken nachhaltig zu verändern.

Egalität und die Werte der Republik bestimmten also das französische Selbstverständis. Ziel ist dabei die Inklusion. Meiner Meinung nach wird jedoch weniger Inklusion als Exklusion vollzogen. Eine Grenze zwischen "nous" und "eux" [wir/ihr] wird konstruiert. "Wir" wird dabei nie definiert, vielmehr ein Gefühl der kollektiven Bedrohung in Abgrenzung zu den anderen geschaffen.

Ich möchte nicht falsch verstanden und gerne hart kritisiert werden. Das beschriebene Phänomen ist ebenso verallgemeinert wie subjektiv. Auch möchte ich überhaupt nicht sagen dass "wir Deutsche" besser wären. Im Gegenteil. Durch unsere historisch bedingten Komplexe haben wir allerdings nicht dieses "deutsche Model". Aus diesem Grund kommen mir die Debatten und Probleme der Franzosen nur einfach nur so wahnsinnig français vor.

20 septembre 2010

Nein, danke!

Les choses se changent. Les allemands flemmards quittent leurs fauteuils et vont dans la rue. Le succes va venir bientôt. Deux exemples.

1. Samedi, 18/09/2010. Manifestation anti-nucléaire.

(Source/Quelle: Tagesspiegel)
Spiegel Online :
"Anti-cuclear campaigner demonstrating in Berlin on Saturday sent a powerful message of opposition to Chancellor Angela Merkel's plan to extend the lifetimes of German reactors." (Pour savoir plus: "Most Germans Don't Want Nuclear Power")
2. Protestation contre le projet "Stuttgart 21"

(Source/Quelle: Spiegel Online)

Spiegel Online:
"Stuttgart 21, a controversial project to build a new underground train station complex at a cost of billions of euros in this southwestern German city, is facing growing resistance and has sparked nightly protests." (Pour savoir plus: "Protest Against Mega Project Grow")

Bilan personnel:

J'ai souvent planché sur la culture allemande non-existante de manifester. Prenez un sujet controverse comme l'abolition de la démocratie étudiante dans ma région. La grande majorité des étudiants était pas du tout d'accord. Mais qui a finalement protesté pour une autre politique? Une petite petite fraction. C'est vraiment frustrant. Pour cette raison, la culture française me semble plus attractive. Si c'est justifié, c'est une autre question.

En 2010, une nouvelle culture est en train de se développer. Les raisons sont diverses et ont besoin d'une analyse plus approfondie que je ne le fais maintenant... Nouveau, des gens qui ne sont jamais descendus dans la rue avant commencent à participer.

Bref, pour conclure: c'est beaucoup mieux de participer à une manifestation avec 100.000 personnes qui pensent la même chose que toi (comme Samedi dernier). Le mouvement parle d'un "automne chaud". L'espoir ne mort jamais.