Affichage des articles dont le libellé est Veranstaltung. Afficher tous les articles
Affichage des articles dont le libellé est Veranstaltung. Afficher tous les articles

9 avril 2014

Dragoslav schlägt Kool and the Gang, oder: Wie ich einmal ein Pferderennen besuchte

Hier also ein weiteres Beispiel aus der Reihe "Ich geh ja jetzt stark auf die 30 zu". Tanzen gehen und die Nacht durchmachen war gestern, heute heißt es Pferderennen.

Neulich hab ich von dieser Bürgerinitiative gehört, die sich für den Erhalt der Frankfurter Pferderennbahn einsetzt. Aha, dachte ich, es gibt also eine Rennbahn in Frankfurt. Gut zu wissen. Oder? Warum auch immer Bürgerinitiativen so oft auf die abstruse Idee kommen, sich "Pro Irgendwas" zu nennen, beispielsweise wie diese rassistische Bewegung "Pro NRW", die ja letztendlich immer nur gegen etwas sind, in dem Fall also gegen Ausländer, ist freilich eine andere Frage. Zum Saisonauftakt im Jubiläumsjahr des Frankfurter Renn-Klubs e.V. durfte ich also nicht fehlen und machte mich auf den mühsamen Weg ins ferne Niederrad. 

Wie immer wenn man etwas zum ersten Mal macht, geht es entweder schief oder ist schnell vorbei. Aber lassen wir das. Völlig jungfräulich zahlten wir also den (zum Glück ermäßigten) Eintritt, bekamen ein Programmheft und irrten sodann völlig ziellos auf dem Gelände rum. Der Reiz des Pferderennens liegt natürlich nicht darin, dass ein bestimmtes Pferd, von dem man Fan ist, gewinnt, sondern jenes, auf das man gesetzt hat. Also etwas so, als würde man immer hoffen, dass der FC Bayern gewinnt, nur weil es wahrscheinlich ist. Das erste Rennen schauten wir uns als neutrale Zuschauer an und siehe da: es gewann das favorisierte Pferd. Ist ja einfach, dachten wir. 

schöne Pferde, schöne Skyline

Beim zweiten Rennen wollten wir also das große Geld machen und setzten e i n e n Euro auf das favorisierte Pferd und siehe da: es wurde nicht mal fünfter. Vielleicht sollte man sich vorher doch mal mit den Regeln beschäftigen oder damit wie man den Wettschein ausfüllt... Es gibt mehrere Wettformen mit unterschiedlichen Logiken, verriet Wikipedia. Je wahrscheinlicher die Gewinnchance, desto geringer fällt auch der erwartbare Gewinn aus. Als Anfänger trauten wir uns jedoch über die beiden Typen "Sieg" (also ein bestimmtes Pferd gewinnt) und "Platz-Zwilling" (zwei Pferde kommen unter die ersten drei Plätze) nicht hinaus. Nach einigen sieglosen Runden gewann ich doch tatsächlich bei einem Euro Einsatz 1,70€. Immerhin ein Anfang. 

Schon bald spürten wir die Sucht in uns größer werden. In fünfzig Prozent der Rennen gewann das Pferd mit der besten Quote (also Sieg wahrscheinlich, Gewinn gering). Darauf konnte man sich folglich nicht verlassen. Neben den Quoten sowie den Prognosen einzelner lokaler Zeitungen konnte man sich vor den Rennen von den Pferden selbst ein Bild machen. Im sogenannten Führring kann man sich Pferd und Reiter anschauen und muss dabei völlig überzeugende Argumente abliefern wie "Das Fell sieht gut aus!", "Auf Sand kommt er besser zurecht" oder "Guter Arsch" So taten es zumindest unsere Nebenmänner und -frauen. Oder man lässt sich einfach von den wunderbaren Namen beeinflussen, hier meine persönliche Top 5:

5. Ambizioso
4. Pleasantpathfinder
3. Earl of Heinz
2. Queenoftheprairie
1. Kool and the Gang

Und dann weißt du es auf einmal. Du sieht dieses Pferd, es sieht so elegant aus ("guter Arsch"), du verliebst dich, es kackt dir vor die Füße und du spürst: Dragoslav wird gewinnen. Du setzt alles auf Sieg (1 Euro), gehst auf die Tribüne, die Pferde galoppieren an dir vorbei, Dragoslav liegt hinten, Enttäuschung macht sich breit, doch dann: Aus. Aus. Aus. Das Rennen ist aus. Dragoslav gewinnt. Mit breiter Brust galoppierst du zum Schalter und holst dir deine 7,60€ ab (auf Dragoslav hatten nicht allzu viele Leute gesetzt).

Fazination Pferderennen. So wichtig wie die meisten Zuschauer sahen wir natürlich nicht aus. Schließlich gehen wir ja auch nicht auf den Golfplatz. Aber sei's drum, ich habe 7,60€ gewonnen. Bei siebenmaligen Einsatz von einem Euro hab ich also Gewinn gemacht. Beim nächsten Mal werden wir sicherlich viel professioneller und kaltschnäuziger rangehen und unglaublich reich werden. Hüh.

9 septembre 2013

Und sonntags grüßt die Lesebühne

Gestern ist mir etwas Merkwürdiges passiert. Eine längst vergessene Empfehlung meinerseits aus dem letzten Jahr hat die von der Realität ansonsten hermetisch abgeschottete Blogosphäre verlassen und wurde auf eben jener Bühne lobend(?) erwähnt, für die ich einst die Werbetrommel geschlagen habe: auf der Lesebühne ihres Vertrauens

Was war passiert? Wie so oft im letzten Jahr, besuchte ich auch im September 2013 die Lesebühne ihres Vertrauens, eine Veranstaltung, auf der die drei festen Mitglieder, Tilmann Birr, Severin Groebner und Elis gemeinsam mit wechselnden Gästen ihre Texte vortragen und Lieder singen. Wie letztes Jahr im September war Elis nicht dabei, was die beiden anderen jedoch nicht davon abhielt, reichlich aus Elis' Sprüchetüte zu zitieren. Irgendwann erinnerte sich Severin doch tatsächlich an meinen Blogartikel aus dem letzten Jahr, der meinen ersten Besuch der Lesebühne (September 2012) resümierte. Darin schrieb ich: 

"Jeden zweiten Sonntag im Monat veranstalten Tilman Birr, Lisa Danulat, Elis und Severin Groebner die Lesebühne im Frankfurter Ponyhof. Zwar waren diesmal nur Tilman und Severin anwesend (nach spontaner, nicht repräsentativer Umfrage soll wohl Elis besonders gut sein, da er die "Portion Wahnsinn" mit bringt), die vermeintliche Lücke füllten sie jedoch mit den zwei überragenden Gästen Andreas Weber und André Herrmann"

In Severins Kopf blieb hängen, dass ich Elis hier lobend erwähne, obwohl er, wie gestern auch, auf der September-Bühne fehlte. Severin: "Elis erhält sogar positive Kritik, wenn er nicht auf der Bühne steht". Diese Gegebenheit nehme ich doch gern zum Anlass, die Lesebühne erneut wärmstens zu empfehlen.  

Severin, Tilmann, Elis (Quelle: Lesebühne)
Nach meiner ersten Saison Lesebühne, bei der ich an fast allen zweiten Sonntagen im Monat anwesend war, halte ich mein positives Urteil aufrecht. Es fetzt! Alle drei Lesebühnen-Mitglieder machen Spaß. Severin, der Exil-Wiener, der in Bornheim wohnt (obwohl er, wie wir gestern erfahren durften, kürzlich umgezogen ist), besticht durch die Perspektive des Österreichers auf die Deutschen ("Österreicher sind im Ausland so beliebt, weil sie sowieso für Deutsche gehalten werden, wenn sie sich daneben benehmen"). Tilmanns Erlebnisse als Reiseführer in Berlin werden nur von seinen Liedern getoppt. Besonders angetan hat es mir dabei sein Lied "Burnout", aus dem ich oft selbst im Alltag zitiere: "Früher schlief ich gerne länger, jetzt bin ich Berufsanfänger". Und Elis? Nachdem ich ihn nun tatsächlich auf der Bühne erleben durfte, bestätigt sich das Urteil meiner damaligen Begleitung, die schon seit mindestens 1732 Fan der Lesebühne ist: Ja, er ist der Beste. Und ja, das liegt an der Portion Wahnsinn. 



Natürlich waren nicht alle Lesebühnen gut, es gab auch schwächere Abende: 
  • Wenn Severin ein Lied vorträgt, das noch nicht fertig ist, er also Text, aber noch keine Musik hat, dann hätte das Lied sicher auch noch bis zum Oktober warten können. Und wenn er dann ein zweites Lied singt, welches schon so alt ist, dass er Schwierigkeiten hat, sich an den Text zu erinnern, dann hat eben jene Freundin, die mich auch gestern wieder begleitete, vielleicht gar nicht mal so unrecht: "Severin und Lieder, das passt einfach nicht zusammen"
  • Wenn der gestrige Gast Anselm Neft deutlich raushängen lässt, dass er mit dem Ponyhof-Publikum eher weniger klar kommt. Meine Freundin: "Er ist halt eher so der ernste Germanist." - "Wie meinst du das?" - "Wer Gryphius zitiert, kann nur ein ernster Germanist sein" Sie meint das übrigens ausschließlich positiv.
  • Wenn Elis (in der letzten Lesebühnen-Saison, gestern war er ja nicht da) an mehreren Abenden die selben (zugegeben sehr guten) Texte vorträgt. Macht sonst nur Andy Strauß beim "Word! Poetry Slam Meets Rap"

Aber es fällt wirklich leicht, solche Schwächen zu verzeihen: Als Großstädter erfreue ich mich einfach an Liedern wie "Ich bin ein Landproll, wie immer randvoll, Goldkrone, Goldkrone". Nicht nur aufgrund seiner Auftritte vor dörflichen Kulturvereinen regt Tilmann an, hässlichen Menschen einfach mal zu sagen, dass sie scheiße aussehen. Natürlich völlig wertfrei, ist ja klar! Und als Student im 287. Semester freue ich mich ebenso über Geschichten aus dem (längst vergangenen) Uni-Alltag des zweiten Gastes Christian Ritter aus seinem Buch "Kopfhörer raus, das ist klausurrelevant". Daher fällt es mir leicht zu sagen: Ja, ich schenke der Lesebühne auch 2013/2014 mein Vertrauen. In der Hoffnung, dass der Hubschrauber endlich zur Landung ansetzt.  



11 octobre 2012

The Sons of Rolf and Detlef: "Die Reise des Goldfischs"

Die Gefahr, zum Frankfurter Theaterkritiker zu werden, nehm ich doch gern in Kauf: Das wird sowieso nicht passieren, dafür komme ich viel zu selten in den Hochgenuss der (Hoch-)Kultur. Wenn es mich dennoch einmal in das Frankfurter Theaterleben verschlägt, sei es beispielsweise zu "Die Physiker" ins Schauspielhaus oder eben in die Schmiere zu "Die Reise des Goldfisch", hat es sich mehr als gelohnt. 

Natürlich habe ich viele der Pointen und Andeutungen nicht verstanden. Wenn Klischees über verschiedene Frankfurter Stadtteile im Staccato herausgeschossen werden, kann ich als Frankfurter-Neu-Würstchen nur schwer mithalten. Das macht aber nichts, denn gelacht habe ich trotzdem genug. 


Die Storyline ist simpel. Der zurückgebliebene, an mehr als einem Buchstabenfehler leidende Förderschüler Lukas kauft von gesammelten Flaschenpfand einen Goldfisch ohne Rückenflosse, den er liebevoll "Nemo" nennt. Beim Kauf einer gemischten Süßigkeitentüte in Susis Trinkhalle vergisst er den Beutel aus der Zoohandlung mitsamt Nemo. Der Goldfisch wird fortan weitergereicht und trifft dabei auf jede Menge skuriller Frankfurter Gestalten aus verschiedenen Stadtteilen und Vororten von Fechenheim über Kronberg bis nach Bäd(!) Vilbel...

Hinter der Inszenierung stehen das Komiker-Duo "The Sons of Rolf and Detlef", die mit "Der Reise des Goldfisch" seit 2006 ihr zweites Bühnenprogramm überaus erfolgreich platzierten. Das Ganze erinnert an das typische Theaterspiel der Parkbank, auf die Schauspieler unterschiedliche Rollen einnehmen und improvisieren. 

The Sons of Rolf and Detlef
Natürlich werden dabei Vorurteile und Stereotype bis unter die Gürtellinie ausgereizt. "The Sons of Rolf and Detlef" machen das aber mit soviel Humor, dass die Witze nur selten sehr flach sind. Am Ende des Abends geht man mit einer Mischung aus Mitleid und der Hoffnung nach Hause, dass es die Hälfte der Charaktere doch auf keinen Fall so im 'wahren Leben' geben kann. Eins steht jedenfalls fest: Es lohnt sich sehr "Die Reise des Goldfischs" von der Zoohandlung über Mülltonnen und Nidda bis hin zu dem abgestanden Rest in einer Binding-Flasche zu verfolgen!

Aktuelle Termine immer unter: www.sorad.de




10 septembre 2012

Die Lesebühne ihres Vertrauens

Wenn eines fehlt in Frankfurt, dann sind es kleine, witzige Events à la "Riskier dein Bier!", Poetry Slam oder Impro-Theater neben der freilich finanziell und inhaltlich wunderbar ausgestatteten  Hochkultur. Das dachte ich zumindest bis gestern, bevor ich die "Lesebühne ihres Vertrauens" entdeckte. 

"Wir machen kein Theater, verstellen uns nicht, das hier ist kein Wettbewerb. Wir lesen einfach nur Texte und singen Lieder." Mit diesem nur auf den ersten Blick banalen Satz eröffneten die Gastgeber den Abend. Und tatsächlich: hier ging es einmal nicht um Wettbewerb und Ausscheiden, sondern einfach nur um den Genuss, den Slamern beim Vorlesen ihrer selbstgeschriebenen Texte zuzuhören. 

Die Lesebühne ihres Vertrauens
Jeden zweiten Sonntag im Monat veranstalten Tilman Birr, Lisa Danulat, Elis und Severin Groebner die Lesebühne im Frankfurter Ponyhof. Zwar waren diesmal nur Tilman und Severin anwesend (nach spontaner, nicht repräsentativer Umfrage soll wohl Elis besonders gut sein, da er die "Portion Wahnsinn" mit bringt), die vermeintliche Lücke füllten sie jedoch mit den zwei überragenden Gästen Andreas Weber und André Herrmann.

Seit spätestens 2011 muss man sich nun nicht mehr nur in der Leipziger Poetry-Slam-Szene auskennen, um André Herrmann zu kennen. Gemeinsam mit seinem "Team totale Zerstörung" gewann er letztes Jahr die Slam-Meisterschaft in Hamburg. Beste Erkenntnis des Abends, in der sich die eine oder der andere bestens wiedererkennen dürfte, ist folgender Satz aus Andrés Geschichte über das alljährliche Ehemaligen-Treffen am 3. Weihnachtsfeiertag in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt: "Da ich weder besonders gut im Zukunftspläne schmieden noch sonderlich spontan bin, bleibt wohl nur ein Überleben in der Faultierwelt".

Musikalisch nicht gaaanz sauber, humorvoll, grandios. Das alles ist die Lesebühne. Was lernen wir? In L.A. ist nur das Wetter gut (Tilman). Österreicher sind im Ausland so beliebt, weil sie sowieso für Deutsche gehalten werden, wenn sie sich daneben benehmen (Severin). Auch mit vierzig ist man noch ein Kind und soll sich ordentlich anziehen auf Familienfeiern (Andreas). Sabine muss weg (André). 

Die nächste Lesebühne kommt bestimmt. Und ich bin dabei.  



24 juillet 2012

Hipstertum trifft Schützenfest

Es geht ein Gespenst um in zahlreichen Großstädten - das Hipstertum. Berlin ist dabei wohl DIE (deutsche) Hipster-Hauptstadt. Das Label "Hipster" wird als Fremdzuschreibung meist negativ konnotiert, ob es überhaupt als Selbstzuschreibung verwendet wird, bleibt offen!? Verschiedene Stereo-Type aka Klischees sind jedoch eindeutig identifizierbar. Ein wenig Selbstironie ließ dabei die zweite Hipster-Olympiade vermuten. Ein Trugschluss? 

Der Blog Kultmucke.de veranstaltete nach 2011 nun schon zum zweiten Mal die weltweite Hipster-Olympiade:

Quelle: kultmucke.de
"Auch in diesem Jahr gibt es in Berlin Hipster, Fashion-Victims und Modekuriositäten wie Sand am Meer. Und was einst als ironischer Ausdruck des eigenen Individualismus begann, ist in vielen Berliner Innenstadtbezirken mittlerweile längst zum Breitensport geworden. Deshalb ist es wieder an der Zeit die Berliner Hipster gegeneinander antreten zu lassen und den „Hipster des Jahres 2012“ zu krönen."



In den olympischen Diziplinen Hornbrillen-Weitwurf, Mate-Kisten-Wettrennen, Hipster-Vintage-Bart-Basteln, Jutebeutel-Sackhüpfen, Skinny-Jeans-Tauziehen, Konsumprodukte-der-Preis-ist-heiß, Konfetti-Hürden-Lauf uvw. traten zwölf Teams gegeneinander an.

Mate-Kisten-Wettrennen

Die Beschreibung des Events und die geplanten "Sportarten" ließen ein sehr witziges, selbstironisches Event erwarten. Tatsächlich löste die Hipster-Olympiade mitunter das eine oder andere Schmunzeln aus. Sowohl Publikum als auch die teilnehmenden Athleten und Athletinnen würde man jedoch auf den ersten Blick größtenteils nichts als Hipster beschreiben. 


Jute-Beutel-Hüpfen festgehalten mit IPhone

Überhaupt wurde die Olympiade von den Veranstaltern und vielen Teilnehmenden viel zu ernst genommen. Wenn das Hip-Hopper-Team (ja, Hip-Hopper, nicht Hipster!) den Schiedsrichter anpöbelt, erinnert das eher an ein Fußball-Spiel zwischen dem 1. FC Lok und Dynamo Dresden. Und wenn die Moderatoren das Team "Die Dehnbaren" (sehr kreativ!), bestehend aus 12jährigen Mädels, vorstellt mit "ach ja, ab zwölf ist alles dehnbar", fühlt man sich nicht mehr wie auf einem hippen, frischen, alternativen Event, welches das Hipstertum selbstironisch auf die Schippe nimmt, sondern fühlt sich erinnert an die Bomben-Stimmung eines dieser tollen Dorffeste, auf denen der Schützenkönig zum Sieg die Weinkönigin serviert bekommt. Traurig, aber wahr.


22 février 2011

Monster, Mythos, Medium

"Wie war Hitler möglich? Wie konnten Hitler und der Nationalsozialismus, die für Krieg, Verbrechen und Völkermord verantwortlich waren, bis zum Schluss auf eine breite Akzeptanz in Deutschland bauen? Warum waren viele Deutsche bereit, ihr Handeln auf den »Führer« auszurichten und somit die NS-Diktatur aktiv zu unterstützen?" Eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums sucht nach Antworten - und das nur noch bis zum 27. Februar 2011.


Die Ausstellung ist die bislang erste, die sich explizit mit der Person Hitlers und den Beziehungen und Anziehungen Hitler/deutsche Bevölkerung auseinandersetzt. Überhaupt ist sie erst die zweite Ausstellung, die den Namen Hitlers im Titel trägt - aus Angst, die falschen Leute anzuziehen. Diese Angst blieb unbestätigt. Die Ausstellung besuchten bislang über 250.000 Menschen.

Quelle: Tagesspiegel/Foto: dpa


Quelle; Foto: dpa
Quelle; Foto: Sebastian Ahlers
Die Person Hitlers und die Faszination der Menschen zu ihm stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. In der Tat gewinnt man interessante Einblicke in Hitlers Jugend und seine Zeit als Soldat, in die Entstehung der NSDAP und das Um-sich-Scharen der späteren Führungsclique um Goebbels, Himmler, Röhm etc. Die biographische Annäherung liefert allerdings nur bedingt Erklärungen, wie die Figur "Hitler" aus seinem unscheinbaren, erfolgslosen jüngeren Ich wurde. Die Psychologie der Faszination wird versucht, über die umfangreichen Propagandainstrumentarien darzulegen - so bspw. das kollektive Sammeln fürs Winterhilfswerk, die KdF, die "Volksgemeinschaft", der Führerkult usw. Deutlich wird die ideologische Vereinnahmung der Gesellschaft v.a. durch Installationen, die die propagierte Wirklichkeit der (Opfer-)Realität gegenüberstellen. Interessant ist auch die Darstellung des Führerstaates. Im hyperbürokratischen Staatsapparat waren die Zuständigkeiten so zerfallen, dass die jeweils Verantwortlichen nur noch um die bestmögliche Ausführung des "Führerwillens" wetteiferten bzw. ihre Interpretation davon.

Quelle; Foto: Haus der Geschichte
Die Ausstellung spielt mit der Faszination, die Hitler auslöst (e) - und das bis heute. Im letzten Trakt wird die Auseinandersetzung mit Hitler nach 1945 dargelegt: So gab es fast kein Jahr, indem Hitler nicht Titelthema des Magazin SPIEGEL war. Auch zahlreiche satirische Abhandlungen werden gezeigt, wie Chaplins Film "Der große Diktator". Insgesamt bleiben die Ausgangsfragen jedoch weiterhin unbeantwortet, vielleicht werden sie uns immer ein Rätsel bleiben. Die Person Hitlers geht im Laufe der Ausstellung etwas verloren, dafür erhält man wieder mal einen guten Überblick über die NS-Geschichte. Wirklich neu ist also nichts (wie auch?) - die Ausstellung lohnt sich dennoch allemal. Bis zum 27. Februar ist sie noch geöffnet, wer sie besuchen will, sollte sich also beeilen!

Webauftritt der Ausstellung.

18 octobre 2010

Du bist Theaterturbine.

Nach anderthalbjähriger Abstinenz konnte ich am Wochenende mal wieder eine wunderbare Show der Leipziger Impro-Theater-Gruppe "Theaterturbine" genießen. Ein mir bisher unbekanntes Programm der Gruppe versprach wie gewohnt Schauspiel auf hohem (und manchmal etwas niedrigerem) Niveau mit viel Charme, Witz und Verrücktheit.



Katrin Werner und Thorsten Giese gründeten die Theaterturbine im September 2002 und können nunmehr auf ein Ensemble von 15 Schauspielern und Musikern zurückgreifen, aus dem für jede Show neue Zusammensetzungen (von 3-5 Schauspielern) gebildet werden können. Anfangs gab es zwei verschiedene Shows, von denen "Riskante Spiele" bis heute überlebt hat. Hinzu kamen "Gurke oder Banane?" und jüngst "Das Labor".

"Riskante Spiele"

...habe ich bereits mehrmals gesehen. Es ist die wohl urtypische Impro-Show. Gespielt werden verschiedene Szenen (unter bestimmten Spielregeln), deren Rahmenbedingungen vom Publikum bestimmt werden. (Ort: Bahnhofsklo, Zeit: 5 Uhr morgens, Beruf: Feuermann, Genre: Bollywood-Film etc.). Oder Songs. Oder Gedichte. Oder oder. Diese Show verspricht eigentlich immer, gut zu sein - natürlich kommt es auf die Tagesform der Schauspieler an, allerdings sorgen kleine Szenen immer leichter für schnelle Lacher und werden nie langweilig.

Theaterturbine beschreibt es so:
"Eine abwechslungsreiche Show mit vielen verschiedenen Improvisationsspielen. Sie möchten eine Oper, einen Western und ein Ballett? Oder doch lieber einen Blues und einen Shakespeare? Spontan kann ein Schlager gesungen werden, vielleicht als Duett, oder das Genre wird plötzlich gewechselt oder sogar der ganze Handlungsort. Sie bestimmen - wir spielen." (Quelle: theaterturbine.de)

"Gurke oder Banane?"


Dieses Programm stammt ursprünglich von den "Gorillas" in Berlin, einer anderen Impro-Gruppe, die - man munkelt - sehr gut sein soll. Hierbei spielen 3 Schauspieler, wobei sich immer als Regisseure abwechseln und die Rahmenbedingungen des Gespielten gemeinsam mit dem Publikum abstecken. Es ist eine Art Wettkampf, bei dem am Ende das Publikum entscheidet, welcher Regisseur die "Gurke oder Banane" bekommt (wobei der Erfolg der Regie zu großen Teilen von der Leistung der Schauspieler bestimmt wird).
Theaterturbine:
"Drei Regisseure im Clinch. Sie lassen spielen, sie lassen singen, sie inszenieren und integrieren. Sie lassen tanzen, tanzen selbst, sie buhlen um die Kunst des Publikums! Denn als Mitglieder einer Stiftung entscheiden die Zuschauer, wer mit einem Stipendium die große Karriere startet oder mit der Gurke nach Hause geht." (Quelle: theaterturbine.de)
"Das Labor"
 Dieses Programm ist das wahrscheinlich persönlichste Programm. Die Schauspieler mischen sich schon vor der Show unters Publikum, führen persönliche Gespräche über Beruf und Freizeit, Gott und die Welt und lassen sich so für das spätere Schauspiel inspirieren. Das Publikum wird intensiv eingebunden, was nicht jedem gefallen mag, jedoch sehr schön ist, wenn man die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse später auf der Bühne improvisiert dargestellt sieht. Es entstehen nicht kleine Szenen oder Spiele wie in den anderen Shows, sondern eine längere Geschichte. Das Ganze ist natürlich um einiges anspruchsvoller und so kann es auch teilweise zu kleinen Gähnern kommen. Gestern Abend fand ich es daher insgesamt ein wenig schlechter als die anderen mir schon bekannten Shows, am Tag danach finde ich es aber um Längen besser.

"Dieser Abend ist ein Versuchsfeld, eine Ausprobierbühne für alles Neue und Schräge. Fast alles ist möglich: Komplexe Geschichten, assoziative Strukturen - Freiraum der Fantasie" (Quelle: theaterturbine.de)
In der ersten "Halbzeit" wurde eine Art Krimi in der Anglerszene vor dem Völkerschlachtdenkmal gespielt, in dem die Steinsoldaten zum Leben erwachten und englische Touristen ermordeten und das Anglerehepaar Schmittke mit Problemen im Bett kämpfte. Teil 2 handelte von dem englischen Sir Gwendolin, der den Pferdestall seines Onkels abfackelte, nachdem Butler George dessen Anwesen erbte sowie von einer liebenswürdigen Stadtwerkerin ("Gas.Strom.Scheiße"), die Oberbürgermeister Jung vom Stadtwerke-Verkauf abbrachte und in den Postboten verliebt war.

Man erlebt Pointen, die aus der Hüfte geschossen kommen, neben längeren Szenen, die aber meist schnell durch einen Situationswechsel unterbrochen werden. Das Spektrum reicht von genial gespielt bis zu genial daneben. Das ist wunderbar menschlich und nah am Publikum dran. Theaterturbine macht einfach Spaß.