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31 juillet 2014

Deutschboden

Moritz von Uslar - arroganter Wessi, Journalist, Bildungsbürger, Großstädter trifft ihn: den ostdeutschen Proll - böse, widerlich, asozial, beinhart, abstoßend. Kann das gut gehen? Die größte Überraschung, so Uslar am Ende seines Buches, sei es, dass er in der Zeit keinen auf die Fresse bekommen hat.
 
Drei Monate will Uslar in das Zusammenleben in der ostdeutschen Provinz eintauchen und teilnehmend beobachten. Dabei ist ihm der exakte Ort egal, es soll eine Kleinstadt sein, größer als ein Dorf, kleiner als eine Stadt. Zu Beginn versucht der Autor seinen Berliner Freunden bei Steak und Champagner den Plan zu erklären, von dem er selbst noch nicht ganz überzeugt ist: 
 

"Ich haue ab von hier, dort hin, wo kaum ein Mensch je vor uns war - nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt. Dort suche ich mir einen Boxclub, trainiere mit, hänge rum und tue nichts, außer die ganze Zeit nur zuzuhören und zuzugucken, was passiert, und abends stelle ich mich da hin, wo der totale Blödsinn erzählt wird, auf Parkplätze, an Tankstellen, in Pilslokale, und nebenbei erfahre ich alles über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart"

 

 
 
Ihn interessiere eigentlich nichts, sagt Uslar. Somit versucht er alle Klischees zunächst wegzudrängen. Gleichzeitig ist ihm klar, dass das nicht mal ansatzweise funktionieren wird. So steht er und inszeniert sich selbst als arrivierter Westdeutscher und zelebriert seine Vorurteile geradezu. Gerade weil er aufgesetztes Gutmenschentum vermeidet, wirkt das Buch authentisch.
 
Für drei Monate zieht er also in die Pension "Haus Heimat" der Stadt Oberhavel (so sein fiktiver Name für die Kleinstadt), wo als einzige Speise "Topfwurst" auf der Karte steht und er zum größten Teil der einzige Gast bleibt. Beim ersten Streifzug durch die "Innenstadt" springt ihm die enorme Anzahl von Nagelstudios ins Auge, die als eine der wenigen Geschäftsformen langfristig zu überleben scheinen. Andere Geschäfte schätzen ihre Überlebenschance oft selbst sehr gering ein oder erweitern ihr Sortiment um kreative Zusatzangebote: die Schneiderei ist gleichzeitig Steuerbüro, in der Videothek kann man Grillzeug erwerben.
 
 
 
In der Dorfkneipe 'Schröder' treffen sich allabendlich die gleichen Männer zum Feierabendbier bzw. zur Feierabendmolle (auch wenn sie oft keinen Feierabend im eigentlich Sinne haben). Hier lernt Uslar Raoul kennen, der für ihn eine Art Türöffner in die Gesellschaft Oberhavels ist. Raoul, Mitglied der Punkrockband '5 Theets Less' (!), ist so was wie der inoffizielle Babo der Oberhavel Mitt-Zwanziger-Dreißiger, die überwiegend ausgebildete Handwerker sind, und nun Hartz-IV-Empfänger mit wenig Perspektive auf einen sozialen Aufstieg. Dank Raouls Standing darf Uslar fortan offen mit Aufnahmegerät mit den jungen, männlichen Oberhavelern abhängen (natürlich herrscht Frauenmangel). Highlight des Buches ist dabei das Kapitel über den Abend an der Aral-Tankstelle, an dem im Grunde nichts und doch soviel passiert:


"Ich fragte Eric, warum alle diese Freunde so komplett anders waren als er, sein Bruder und die Jungs in der Band. Er sah mich an durch seine Sonnenbrillengläser. Er war überrascht. Auch amüsiert. Ihn interessierte die Frage.
Eric: Sind die so anders?
Ich bestätigte: Die sind völlig anders. Ja.
(...)
Eric erklärte: Ich glaube, das liegt daran, dass diese Jungs jünger sind als wir. Er Eric, sei 25, André, Fred und die anderen seien 20 und 21. Jahre. Es seien nur drei, vier Jahre Unterschied, aber diese Jahre machten viel aus.
(...)
Eric wollte noch etwas sagen. Ich sah, dass die leichte Anstrengung im Kopf etwas war, was ihm Freude bereitete, das Nachdenken lag ihm, bloß bekam Eric die Dinge, die in seinem Kopf waren, manchmal nicht in Worte gefasst und ausgespuckt. Seine abgeblätterten Fingernägel. Ich dachte: Ihr dummen Klischees, ihr seid doch alle wahr. Einer, der sich in der Kleinstadt die Fingernägel schwarz lackierte, der grübelte eben auch gerne nach, der wollte mehr wissen, wollte ein bisschen nachdenklich sein.
Eric: Die Jungs, verstehst du, haben die DDR nicht mehr miterlebt. Aber Rampa, Raoul und ich, wir kommen von früher. Wir haben das alte Deutschland noch mitgemacht."

***

"Die Schnitzelmeisterschaft, so erfuhr der Reporter, war das andere Riesending, der zweite gesetzte Termin im Sommerkalender der Kleinstadt. Zwanzig, dreißig Jungs nahmen an einer Festtafel im Restaurant Larifari Platz; dann ging es simpel darum, so viel paniertes Schnitzel wie nur irgend möglich in sich hineinzufressen. (...) dem Sieger winkten 200 Euro, dem zweiten Platz einhundert, dem dritten 50 Euro. Im letzten Jahr hatte Fred mit 1,3 Kilo den ersten Platz belegt, in diesem Jahr, so Raoul, würde sich die Tankstelle praktisch geschlossen anmelden, man wolle alle drei ersten Plätze heim nach Oberhavel holen."

***

"Wie in der Gaststätte Schröder, im Probenraum, bei jeder Autofahrt (...), herrschte auch auf der Aral-Tankstelle Witzzwang. Eine Wortmeldung an deren Ende nicht laut wiehernd gelacht werden konnte, muss auch hier als durchgefallen gelten."

***

"Gerüchte, welcher Investor die große Wiese an der Tankstelle kaufen wollte: McDonald's, so wusste einer, wollte kommen. McDonald's, so André, wäre für das Städtchen natürlich ein Hauptgewinn. Rossmann sollte demnächst neben Lidl eröffnen, das wäre für die Mädchen natürlich schön.
Raoul: Hier kommt niemand mehr." 

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"Sein Bericht überzeugt, weil er nicht klüger sein will als das Klischee", schreibt die FAZ. In der Tat verschwand auch meine anfängliche Skepsis über das Aufwärmen alter Klischees und Sozialromantik von Seite zu Seite. "Alte Kacke, gehen mir die Penner, gehen mir die Alkoholiker, Hirntoten, Eingefallenen, Zusammengefallenen und sonst wie Hinüberen und Weggetretenen in diesem Ort auf den Sack“, schreibt Uslar einmal zu Beginn. Diese Ehrlichkeit und der Verzicht auf vermeintliche Moral machen das Buch verdammt glaubwürdig. Von Seite zu Seite findet man die Protagonisten liebenswerter: Wirt Heinz Schröder, die unnahbare Bedienung Maria, Box-Trainer Maik, die Band Raoul, Eric und Rampa und all die anderen Männer von der Tankstelle: Blocky, Schubi, Phase, Hief Lätscha, Hundertzehnprozent und wie sie alle heißen. Sie alle haben sich ihren Platz am Rande der Gesellschaft nicht selbst ausgesucht, sie sind Charaktere mit tristen, aber letztendlich alltäglich-langweiligen Biographien, gefangen zwischen kommunistischer Jugend und teilweise rechter Vergangenheit, arbeitslos, perspektivlos, frauenlos, aber ruhig und im Leben stehend - und Besitzer von aufgemotzten Autos, deren Motor sie allzu gerne aufheulen lassen. Moritz von Uslar selbst wird einem nicht minder sympathisch auf diesen 400 Seiten. Er erwartet zu Beginn nichts aufregendes und findet am Ende nichts spannendes: "Ich war Reporterdarsteller. Mich interessierte eigentlich nichts, das war ja das Geile." Wie er es jedoch schafft, den ganz normalen, eigenartigen, langweiligen Oberhavelern näherzukommen, ihre Charaktere zu zeichnen und ihr ereignisloses Leben eindrucksvoll zu beschreiben, ist schlicht grandios. Deutschboden! Kauft, lest und genießt! Es lohnt sich. Versprochen.


Moritz von Uslar (2010): Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 19,95 Euro.


6 novembre 2013

Ein Hologramm für den König

Dave Eggers' Roman ist sicher kein Epos wie Alaa al-Aswanis „Der Jakubijân-Bau“. Dafür spricht schon, dass der Autor kein Saudi sondern Amerikaner ist. Nichtsdestotrotz gibt er einige interessante Einblicke in die saudi-arabische Gesellschaft. Vielmehr noch beschäftigt er sich aber mit dem Niedergang der USA als führende Wirtschaftsmacht.

An der saudischen Küste des Roten Meeres soll eine neue Stadt entstehen, die sich am Vorbild Dubais orientiert: Die King Abdullah Economic City (KAEC). Im Jahr 2005 gab Abdullah tatsächlich den Startschuss für das Mega-Projekt. Abseits der übrigen saudischen Gesellschaft sollen Frauen in KAEC sogar ein paar Rechte haben, zum Beispiel soll ihnen erlaubt werden, Auto zu fahren. Hauptcharakter des Romans ist Alan Clay, der für eine amerikanische Firma den Auftrag an Land ziehen soll, die gesamte IT-Infrastruktur in KAEC aufzubauen. Im Mittelpunkt seiner Präsentation steht eine Technik, die ein lebensgroßes Hologramm der Person, mit der man gerade telefoniert, in den Raum projiziert. Von allem überzeugt werden muss natürlich vorher noch König Abdullah, schließlich geht es ja um die Millionen der saudischen Königsfamilie. 


Aber Abdullah scheint sich nicht (mehr) sonderlich für das Mega-Projekt zu interessieren (wie das in der Realität aussieht, ist unbekannt). So müssen Alan und sein Team ihre Präsentation in einem riesigen Zelt aufbauen, in dem zunächst weder Klimaanlage noch W-Lan funktionieren (zumindest eine Internetverbindung ist für die Übertragung eines Hologramms aus London nicht ganz unwesentlich). Jeden Tag aufs Neue verharren sie in dem Zelt und warten auf die Anreise des Königs - sie werden jeden Tag aufs Neue vertröstet:
"- Dann sind Sie also hier, um sich ein Bild von der Lage zu machen, sagte sie, drückte die Zigarette aus und zündete sich eine neue an.
- Ich versuche wirklich bloß, mir ein Bild von der zeitlichen Planung zu machen. Wann wir damit rechnen können, irgendwas Neues über den König zu erfahren, so was eben.
- Was hat man Ihnen erzählt? Ich hoffe, die haben Ihnen nichts versprochen.
- Nein, nein, sagte er. Die haben sich recht deutlich geäußert. Aber ich hoffe dennoch, dass es bald soweit ist. (...)
- Tja, das wäre gut für uns alle. Der König war schon eine Weile nicht mehr hier.

- Wie lange ist eine Weile?
- Nun ja, ich bin seit achtzehn Monaten hier, und er hat sich noch kein einziges Mal blicken lassen." 
Alan Clay steht dabei sinnbildich für den Niedergang der Weltmacht Amerika. Mitte 50, verschuldet, kann er die Studiengebühren für seine Tochter nicht mehr bezahlen und liegt darüber im ständigen Clinch mit seiner Ex-Frau. Er war führend beteiligt an der Verlagerung von Produktionsschritten mehrerer Unternehmen aus den USA in Niedriglohnländer und scheiterte letztendlich an seinen eigenen Rationalisierungsmaßnahmen. Metaphorisch ist wohl auch seine Geschwülst im Nacken, die er mehrfach mit unsterilisierten Messern und Nadelstichen "untersucht" und von der er glaubt, dass sie - verbunden mit dem Rückenmark - für die ganze Misere verantwortlich sei. Die Schilderung dieser Vorgänge ist dabei so plastisch, dass es einem mehrfach kalt den Rücken runterläuft (ähnlich wie das Blut Alans, nachdem er das Messer/die Nadel entfernt hat).
"Er ging zum Spiegel und fand die Nadel. Er hatten den Trick vom Kuchenbacken im Kopf - den Zahnstocher reinstecken, sehen, ob was kleben bleibt. Wenn er sauber rauskommt, ist der Kuchen fertig. 
Er sucht nach einem Streichholz. Er hatte keine Streichhölzer. Er war betrunken und hatte es satt, nach Sachen zu suchen. Die Nadel kam ihm steril genug vor. Er drehte sich zum Spiegel, hielt die Geschwulst mit der linken Hand, die Nadel in der rechten und zielte. (...)"
Die Zeit des Wartens - zu keiner Zeit ist klar, ob Abdullah heute, nächste Woche oder Ende nächsten Monats auftauchen wird - bringt Alan mehr oder weniger freiwillige Einblicke in die saudische Gesellschaft. Bei einem Roadtrip mit seinem Fahrer Yousuf, mit welchem er sich anfreundet, lernt Alan, dass sein Humor mal mehr, mal weniger gut ankommt. Im Haus der Ärztin, die ihm die Geschülst entfernt, gehen beide mit Männershorts und oberkörperfrei schnorcheln, weil es dann für die Nachbarn von oben so aussieht, als seien zwei Männer im Wasser. Und auf einer Party in der dänischen Botschaft lernt er die Vorzüge illegal gebrannten Alkohols kennen.

"-Salam, sagte er.
- Salam, sagte Alan.
- Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen.
- Nein, danke. Ich gehe bloß spazieren. 
- Machen Sie Fotos?
- Ja, richtig. Wunderschöner Morgen.
- Ich habe Sie von oben beobachtet. 
Alan sah sich um und versuchte abzuschätzen, von welcher Stelle weiter oben der Mann ihn beobachtet hatte. Der Mann lächelte grimmig. 
- Sie machen viele Fotos.
- Kann sein, sagte Alan. 
Irgendwas passierte hier, aber konnte nicht den Finger drauflegen. Dann wusste er es. 
- Amerikaner, fragte der Mann?
Ah. Wie immer spürte Alan spontan die Lust zu lügen.
- Ja, sagte er. 
- Die vielen Fotos. Arbeiten Sie für die CIA oder so?
Das Lächeln des Mannes wirkte jetzt echter, und das schien irgendwas in Alan zu lösen.
- Bloß freiberuflich, witzelte Alan. Nicht fest angestellt.
Der Kopf des Mannes schnellte ein wenig zurück, als hätte er etwas Unangenehmes gerochen, irgendwas Unnatürliches. Dann legte er den Gang ein, und weg war er."
Auch seine Potenz kann sinnbildlich für die amerikanische Wirtschaftskraft interpretiert werden, sie versagt immer dann, wenn sie gefordert wird. Durch die Briefe an seine Tochter, die er nie abschicken wird,  findet er mehr und mehr zu sich selbst. Die Beschreibung des Reichtums am Golf und der Armut in den Wüstenstädten sowie die gescheiterte Existenz Alans sind immer gewürzt mit Erinnerungen an bessere Zeiten und mit Globalisierungskritik.

Ob König Abdullah tatsächlich eines Tages in KAEC auftaucht, lass ich hier mal offen, um nicht das Ende zu verraten. Jedoch kommt es in diesem wunderbaren Roman gar nicht so sehr auf das Ende an. Ab Januar 2014 wird er übrigens verfilmt - leider mit Tom Hanks. Man sollte ihn unbedingt vorher noch lesen!

Zum Weiterlesen:
Eggers, D. (2013): Ein Hologramm für den König. Kiepenheuer & Witsch, Köln.




16 juillet 2012

Der Jakubijân-Bau: Mikrokosmos der ägyptischen Gesellschaft?

Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani veröffentlichte 2002 einen wahrhaft großen Roman über das Ägypten der frühen 1990er Jahre. Episoden über die Bewohner des Jakubijân-Baus in der Kairorer Innenstadt sollen dabei die ägyptische Gesellschaft in diesem Mikrokosmos widerspiegeln. Auch wenn es sich um eine fiktive Erzählung handelt, lässt sich vermuten, dass al-Aswani viele Elemente davon selbst erlebt hat. Nicht zuletzt befindet sich seine Zahnarzt-Praxis selbst im Jakubijân-Bau. 


"Im Jahre 1934 beschloss Hagop Jakubijân, Millionär und damals Oberhaupt der armenischen Gemeinschaft in Ägypten, ein grosses Wohnhaus zu errichten, das seinen Namen tragen sollte. Er wählte dafür die beste Stelle in der Sulaiman-Pascha-Straße und beauftragte mit dem Bau ein bekanntes italienisches Architekturbüro, das ihm einen überzeugenden Plan vorlegte: zehn eindrucksvolle Geschosse im prächtigen klassisch-europäischen Stil: Balkone, geschmückt mit steingehauenen griechischen Gesichtern, Säulen, Treppen und Gänge in naturbelassenem Marmor, ausserdem das neueste Modell eines Schindler-Aufzugs."
 Nun ist der Jakubijan-Bau nur Mittel zum Zweck, dient er doch dazu, sehr unterschiedliche Charaktere aus verschiedenen sozialen Schichten, unterschiedlichen Religionen und Herkünften, mit unterschiedlichen Werten, Erinnerungen, Bedürfnissen und Ansichten zusammenzubringen. Ihre jeweiligen Geschichten sind dabei zunächst unabhängig voneinander, sind aber durch zahlreiche Facetten miteinander verwoben. Die spannenden Erzählstränge sind jedoch noch viel aufregender, wenn man sich einmal vor Augen führt, was Alaa al-Aswani mit der Thematisierung von "Tabuthemen" wie Korruption, Homosexualität, Folter, sexueller Ausbeutung und islamistischer Gewalt in Ägypten (freilich vor dem sogenannten arabischen Frühling) ausgelöst haben muss.

Manchmal hat man den Eindruck, man liest eine ägyptische Seifenofer à la GZSZ, jedoch findet sich in dem unglaublich dichten Buch an nahezu jeder Stelle Kritik "an den herrschenden Verhältnissen". Al-Aswani erzählt die Geschichten von sehr vielen unterschiedlichen Charakteren, sodass man sehr oft den Überblick verliert und zurückschlagen muss auf die ersten Seiten, auf denen die Figuren beschrieben werden. Schon bald stellt sich jedoch heraus, dass vier, fünf Figuren besonders wichtig sind.


Der gealterte Casanova Saki Bey al-Dassûki ist dabei eine der unterhaltsamsten Personen. Er steht für die Glorifizierung der Zeit bis in die 1950er Jahre, in der Kairo noch eine sehr europäisch geprägte Stadt war. Solche Aussagen à la "Früher war sowieso alles besser" hörten wir auch selbst nicht selten im Rahmen des Field Trips nach Kairo. Melancholisch erinnert Saki sich an diese Zeit, hört Chansons von Edith Piaf und vermisst die Kneipen, die noch alkoholische Getränke ausschenkten.

"Saki Bey gehört zu jenen Männern, die dem weiblichen Charme hoffnungslos verfallen sind. Für ihn ist die Frau nicht eine Leidenschaft, die aufflammt und, sobald gesättigt, erstirbt, sondern ein Universum aus Faszination, die sich in immer neuen Bildern zeigt, verlockend vielfältig: die blühende, volle Brust mit den vorstehenden Spitzen wie köstliche Trauben; der frische, weiche Hintern, bebend, als erwartete er seinen Überraschungsangriff von hinten; die gefärbten Lippen, die Küsse schlürfen und genussvoll stöhnen; das Haar in all seinen Offenbarungen - lang und ruhig fallend oder kurz und wild mit krausen Zöpfen oder halblang und solide häuslich oder auch kurz als Bubikopf, Hinweis auf unübliche knabenhafte Sexarten; dann die Augen, ach diese Blicke, wie hinreißend sie sind, gleichgültig ob falsch oder geheimnisvoll, dreist oder scheu, oder gar tadelnd, zornig oder missbilligend."
Saki ist dabei der Vertreter einer höheren Schicht, die aber langsam dem Untergang geweiht ist. Ganz anders sind die Bewohner des Dachs zu betrachten. Vom übrigen Gebäude unabhängig wohnt dort eine eher ärmere Schicht, u.a. die Dienstboten und Hausmädchen der Bewohner des Jakubijân-Baus, die dort in spärlichen Kammern hausen, die ursprünglich als Abstellkabuffs gedacht waren. Die Kinder rennen barfuss und halbnackt herum. Die Frauen verbringen den Tag damit, Essen zu kochen und miteinander zu streiten. Buthaina und Taha sind zunächst ein Paar, bevor sie sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln, jedoch beide gefangen in einer Auswegslosigkeit, weil sie mehr wollen, als ihnen zu steht. Taha wird nicht auf der Polizeischule aufgenommen, weil er nicht genügend Geld hat, die Polizisten zu schmieren und wendet sich anschließend dem islamischen Fundamentalismus zu. Buthaina kommt erst innerhalb ihrer verschiedenen Jobs weiter, in dem sie feststellt, dass sie "einen schönen, erregenden Körper besitzt, dass ihre großen honigfarbenen Augen, ihre vollen Lippen, ihre kräftige Brust und ihr wohl gerundeter Hintern mit seinen wippenden Backen, dass all dies wichtige Accessoires im Umgang mit anderen Menschen sind" und  ihren Körper zu verkaufen beginnt.

Dem Neurreichen Hagg Muhammed Asâm folgen wir auf dem Weg ins ägyptische Parlament. Seinen Parlamentssitz hat er sich dabei vom Generalsekretär der regierenden Partei erkauft. ("Also bitte, Sie reden mit Kamal al-Fuli. Dreißig Jahre Parlamentserfahrung. Es gibt keinen Kandidaten in unserem geliebten Ägypten, der ohne unsere Zustimmung siegen würde, so Gott will.") Im privaten muss er sich mit seiner Zweitehefrau rumschlagen, für die er eineWohnung im Jakubijân-Bau gemietet hat und von der seine erste Ehefrau nichts mitkriegen darf. Entgegen der Vereinbarung im Ehevertrag ist sie schwanger geworden. Als sie partout nichts von einer Abtreibung wissen will, zwingt Hagg sie dazu. Die geistigen Führer kommen dabei nicht weniger schlecht weg. Der eine, auf der Seite des Regimes, versucht die Ehefrau im  Namen des Islams zur Abtreibung zu bewegen. Der andere, gegen das Regime, predigt einen sehr fundamentalistischen Islam und bringt Taha (siehe oben) dazu, durch einen Terroranschlag in den Tod zu rennen. 

Wenn Alaa al-Aswanis also all diese Geschichten erzählt, thematisiert er dabei sicherlich so einiges, worüber sonst in Ägypten nicht gesprochen wurde, bspw. Zwangsabtreibung, Korruption, Prostitution, schmierige Geschäfte, Terrorismus und Folter. Das tägliche Leben in Ägypten kann dabei leicht mit einer überheblichen Distanz betrachtet werden. Man sollte jedoch stets aufpassen, dabei nicht mit einer eurozentristisch gefärbten Arroganz, die kranke und korrupte Gesellschaft zu beklagen. Einige Facetten der beschriebenen Gesellschaft sind dabei der "unseren" gar nicht so fern. 

Stets fesselnd und unterhaltsam und dabei nur selten unrealistisch(?) erzählt al-Aswani das Leben der Bewohner des Jakubijan-Baus. Die Lektüre seines Romans, der 2006 verfilmt wurde, sei hiermit jedem wärmstens empfohlen. 

 Al-Aswani, Alaa (2002): Der Jakubijan-Bau. Roman aus Ägypten



20 octobre 2011

"Fangen Sie an, Fritz"

Vor einiger Zeit habe ich bereits die Erinnerungen von Fritz Stern vorgestellt. In seinem Gesprächsband mit Helmut Schmidt stellt man einmal mehr fest, wie wichtig es ist, sich (unsere) Geschichte im eigenen Bewerten und Handeln stets vor Augen zu führen. Zwei Herren mit interessanter Biografie und inzwischen fortgeschrittenem Alter sprechen drei Tage miteinander. Am besten sind jene Stellen, an denen sie mal nicht einer Meinung sind.


Zentrales Thema ist natürlich der Nationalsozialismus - Stern ist Historiker, Amerikaner deutsch-jüdischer Herkunft, der aus Deutschland fliehen musste; Schmidt Alt-Bundeskanzler, Soldat im 2. Weltkrieg und Politiker der ersten Stunde nach dem Ende des Krieges. Sehr eindrucksvoll schildern sie ihre jeweiligen Eindrücke aus dieser Zeit, die selbstredend unterschiedlicher nicht sein können.

Persönlich ist mir bis heute nicht klar, dass bestimmte Dinge nicht gesehen wurden. Stern bemüht immer wieder Nietzsche, so zum Beispiel auch zur Erklärung dieses Phänomens: "[...] aus der innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist." Er unterstellt den Deutschen eine Verdrängung der Wirklichkeit, quasi kein Nicht-Wahrnehmen, sondern ein Nicht-Wahrnehmen-Wollen. Das ist natürlich eine ziemlich große These, aber zumindest sollte sie doch nachdenklich stimmen. Und so beginnt auch die Diskussion der beiden:
Schmidt: [...] Ich muss Ihnen hier bekennen: Ich habe erst während des Krieges begriffen, dass die Nazis Verbrecher waren. [...] ich habe nur begriffen, dass die verrückt sind, nicht dass sie Verbrecher sind. [...]
Stern: Helmut, entschuldigen Sie, wenn ich es so sage: Dazu gehörte ein gewisser Wille, es nicht zu sehen. Dazu gehörte das, was Nietzsche die "Feigheit vor der Wahrheit" genannt hat. Die Realität war, dass die Nazis die Straße beherrschten in dem Sinne, dass sie Andersdenkende oder ehemalige politische Feinde oder Juden verhafteten, jeden, der ihnen nicht passte. [...] Diese Realität habe ich als Kind vollkommen begriffen.
[...]
Schmidt: [...] Ich glaube, den Deutschen war diese Ekel-Propaganda zuwider, man konnte es nicht mehr hören, dieses ewige "Der Jude ist schuld". Die Deutschen wolltes es eigentlich nicht wissen.
Stern: Das ist meines Erachtens ungeheuer wichtig: Sie wollten es nicht wissen. [...] (S. 78ff.)
Spontan ist man mit Stern auf einer Linie, wobei Schmidt an vielen verschiedenen Beispielen schildert, dass er nichts mitbekommen hat. Fraglich bleiben öffentliche Aktionen, die die Deutschen mitbekommen haben mussten, wie die Reichskristallnacht oder auch vermeintlich weniger schlimme Taten, wie die Bücherverbrennungen (Stern: [...] Das war an und für sich nicht zu begreifen, dass man im 20. Jahrhundert vor deutschen Universitäten große Scheiterhaufen  errichtet und Zehntausende von Büchern verbrennt und dass das schweigend hingenommen wird. [...] Es gibt kaum etwas, was so radikal primitiv, so babarisch wäre, wie Bücher zu verbrennen. Die Aktion [...] hätte eigentlich Ekel auslösen müssen, hätte dazu führen müssen, dass man sagt, wir können uns doch nicht von solchen Leuten regieren lassen. (S. 74f.))

Vom zentralen Thema des Nationalsozialismus kommen sie nie ganz weg, aber das ist auch gut so. Nicht minder interessant sind jedoch die anderen Themen, vom Aufstieg Chinas (Schmidt: "Es wäre nicht gerecht, die gegenwärtige Entwicklung Chinas als bloß ökonomischen Fortschritt zur klassifizieren.", S. 38), über die historische Bedeutung des Marxismus (Stern: "Aber ist ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit nicht notwendig, damit ein Gemeinwesen überhaupt funktionieren kann?", S. 240), bis hin zur heutigen FDP (Schmidt: "wie heißt er noch, Westerwelle", S. 132). Resultat ist ein sehr geistreiches und unterhaltsames Gespräch. Am Ende wünscht man sich, Helmut Schmidt und Fritz Stern hätten noch weitere drei Tage miteinander gesprochen.


Stern, Fritz; Schmidt, Helmut (2010): Unser Jahrhundert: ein Gespräch. München. Beck. 


24 juillet 2011

Five Germanys I have known

Der amerikanische Historiker Fritz Stern ist in Deutschland v.a. durch seine Freundschaft zu Helmut Schmidt bekannt. Auf die "deutsche Frage" spezialisiert, hat er auch ganz persönliche Erinnerungen und Gedanken zu seinem Geburtsland. Diese schreibt er in seiner Autobiografie "Fünf Deutschland und ein Leben" nieder. Spannend, lehrreich, witzig -  das Buch ist sehr zu empfehlen.


Fünf verschiedene Deutschland hat Fritz Stern im Laufe seine Lebens erlebt: die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die BRD, die DDR und das wiedervereinigte Deutschland. Wenn man es genau nimmt, beschreibt er sogar ein sechstes - das Kaiserreich aus Briefen und Tagebucheinträgen seiner Eltern. Viel besser als es jedes geschichtswissenschaftliche Buch vermag, beschreibt Stern die Verhältnisse in den 1920er und 30er Jahren, so wie er sie erlebt hat. Die scheinbar geglückte Integration der deutschen Juden im Kaiserreich und der Weimarer Republik wird mit dem Aufstieg Hitlers und der NSDAP jäh gestoppt. Stern und seine Familie emigrieren in die USA, tief enttäuscht von ihrem Heimatland und v.a. ihren Mitbürgern. Höchst spannend ist die sich allmählich verändernde Bewertung der politischen Verhältnisse seitens seines Vaters, die ihnen am Ende keine Möglichkeit lassen, in Deutschland zu bleiben. Stern beschreibt den damaligen Werdegang kurz als "Angstweg". 

Angekommen in New York, verachtet Stern Deutschland. Diesen Hass überwindet er erst im Laufe der Zeit durch die historische Aufarbeitung der deutschen Geschichte, durch die Begegnung mit (deutschen) Zeitgenossen und durch spätere Reisen in die damalige BRD und DDR. Klaren Aussagen folgt immer eine fundierte Begründung. Die langen Analysen machen das Buch an vielen Stellen jedoch auch zäh. Da er in den USA lebt und lehrt, bewertet er die (Zeit-)Geschichte von außen, was insbesondere bei Urteilen über die DDR und ihre Bevölkerung zunächst skeptisch stimmt. Diese Perspektive macht das Buch jedoch sehr spannend, da es ihm gelingt, große Linien in der Entwicklung Deutschlands zu identifizieren, die er aber stetig mit kleinen Details und Anekdoten verbindet.   

Wer sich mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert beschäftigen möchte, die entlang des Lebens eines wahrlich großen Denkers erzählt wird, sollte "Fünf Deutschland und ein Leben" lesen. Neben kritisch-witzigen Kommentaren werden gleich noch ein paar Wissenslücken gefüllt oder wieder aufgefrischt. Sehr lesenswert ist ebenso das Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Fritz Stern über das 20. Jahrhundert. Es liest sich sehr gut, ist witzig und originell. Hier ein kurzer Auszug:
Helmut Schmidt: Da wir nun einmal bei dem Thema sind, Fritz: Ich hatte mir drei Fragen aufgeschrieben. Antisemitismus hat es in vielen europäischen Staaten gegeben. Meine Frage ist: Was waren die entscheidenden Ursachen dafür, dass der Antisemitismus sich in Deutschland bis zum millionenfachen Genozid übersteigern konnte. Oder anders gefragt: Wie groß darf unser Vertrauen darauf sein, dass wir Deutschen künftig psychotischen Gefährdungen erfolgreich widerstehen werden? Oder noch anders gefragt: Ist die deutsche Nation in höherem Maße verführbar als andere europäische Nationen – und warum ist das so? Das sind drei Fragen, die aber eigentlich auf ein und dieselbe Frage hinauslaufen. Und – mir fällt keine Patentantwort ein.
Fritz Stern: Die gibt’s auch nicht, eine Patentantwort. Aber ich möchte – 
Schmidt: Unter uns gesagt: Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere. 
Stern: Alle Nationen sind verführbar, auch die amerikanische, bei der es allerdings noch nicht ausprobiert wurde. – Ich will versuchen, Ihre Frage Punkt für Punkt zu beantworten, mit Teilantworten auf Ihre verschiedenen Fragen, und dazu eben ein paar Notizen machen, damit ich mich richtig daran erinnere, also, wenn es Antisemitismus gab...
Schmidt: Nicht verstanden. 
Stern: Antisemitismus – 
Schmidt: Sie brauchen nicht laut reden, nur langsam. Ich versteh immer nur die Hälfte, die andere Hälfte muss ich kombinieren. Das habe ich gelernt. Aber wenn Sie zu schnell reden, kommt mein Computer nicht mit. Es ist eine Begleiterscheinung des Alters.
[...]
Literatur:

Stern, Fritz (2007): Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. München: Beck. [engl. Five Germanys I have known]

Stern, Fritz; Schmidt, Helmut (2010): Unser Jahrhundert: ein Gespräch. München. Beck.