Affichage des articles dont le libellé est Krise. Afficher tous les articles
Affichage des articles dont le libellé est Krise. Afficher tous les articles

28 mai 2015

Bahnstreik oder "Bis(s) zum Abendgrauen"

Ich geb's ja zu, die Voraussetzungen waren schwierig. Wer schon auf die verrückte Idee kommt, zur besten Feierabend-Zeit(!) vor dem Pfingst-Wochenende (!!) in den Zug nach Hamburg(!!!) zu steigen, sollte dies am besten während des GDL-Streiks tun. Alles andere wäre doch langweilig.

Die Gladiatorenkämpfe beginnen damit, die Ellenbogen auszufahren und möglichst viele Menschen davon abzuhalten, vor einem selbst den hoffnungslos überfüllten Zug zu betreten. Bewährt haben sich beispielsweise Taktiken wie das Lockern von Rollator-Bremsen im falschen Moment oder das Abdrängen von Eltern mit Kinderwagen mittels des eigenen Rollkoffers. Den Unmut der ohnehin immer gestressten Fahrgäste der Deutschen Bahn sollte man anschließend noch erhöhen, indem man beginnt, ihnen die Sinnhaftigkeit von Streiks zu erklären. "Ein Streik, der keinem weh tut, ist kein Streik", sagte ich. Vor Fassungslosigkeit blieb der ältere Herr neben mir mit offenem Mund stehen, sodass ich passieren konnte.

Freilich konnte man im einzigen Zug in einem Zeitfenster von fünf Stunden Richtung Norden keine Sitzplätze mehr reservieren. Schon bitter, dachten wir uns und machten es uns im Bordbistro bequem. Noch immer standen zahlreiche Fahrgäste auf dem Bahnsteig, mehr noch als sich ohnehin schon im Zug stapelten. Die DB-Mitarbeiterin, die draußen schnell noch zehn Zigaretten innerhalb von zwei Minuten rauchte, schüttelte entgeistert den Kopf. Zwanzig Minuten nach der regulären Abfahrtszeit plötzlich eine Durchsage "Sehr geehrte Fahrgäste: Dieser Zug wird Frankfurt nicht verlassen. Alle Fahrgäste, die keinen Sitzplatz haben, müssen bitte aussteigen. Dieser Forderung werden wir auch mithilfe der Bundespolizei nachgehen." Schon bitter, dachten wir, streckten die Füße auf den Bistro-Tisch vor uns aus und winkten den aussteigenden Fahrgästen. Überraschenderweise folgten die meisten Menschen im Zug (ohne Sitzplatz) der Aufforderung widerstandsfrei, in unserem Wagon auch ohne Einwirken der Bundespolizei - die zwar ebenso schlecht bezahlt ist wie die meisten Lokführer, aber aufgrund ihres Beamtenstatus leider nicht streiken darf.

Vierzig Minuten später verließ der Zug doch noch den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Umsteigezeit von 13 Minuten in Hannover würde uns damit wohl nicht mehr reichen. Die Stimmung im Bordbistro war trotzdem gut. Grund dafür war der direkte Draht zur DB-Zapfanlage. Gegenüber von uns saßen zwei Halbstarke auf dem Weg zur Reeper-Bahn, ein Zahnarzt aus Basel sowie ein schüchterner Typ, der seine Oma besuchte, so wie jedes Wochenende. Neben uns eine schwer verständliche Schwäbin samt Enkelin, von denen man nicht wusste, wer von beiden die lautstarke Männer-Runde mehr anhimmelte sowie drei unnahbare Mittfünfzigerinnen, denen man die Woche in Paris deutlich im Gesicht ansah. Den allgemeinen Bier-Vorsprung im Abteil mussten wir natürlich schnellstmöglich aufholen.

- Halbstarker 1: "Wir sind seit 16 Uhr unterwegs."
- Mittfünfzigerin 1: "Das ist ja gar nix. Wir sind seit 13 Uhr unterwegs."
- Zahnarzt: "Ich komm aus Basel."
- Halbstarker 2: "Wo kommt's ihr her?"
- Mittfünfziger 2: "Aus Paris."
- Halbstarker 2: "Aus Paaaaariiiis? Wieso fährt man da wieder weg. Nach Paris gibt's doch nur One-Way-Tickets."

Die Schlange zur Verkaufstheke wird länger. Mittlerweile ist die Curry-Wurst aus. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Chili con Carne. Einer der beiden Halbstarken geht zum fünften Mal seit der Räumung des besetzten Zugs zur Theke, um sich ein Bier zu holen. Er stolpert, lässt ein Glas fallen und selbiges aufkehren.


- Zahnarzt: "Meine Freundin, also mittlerweile Frau, hat mich gezwungen, Twilight zu gucken. Ich dachte immer, was ist das denn? Da fliegt einer rum und alle Frauen gehen voll drauf ab."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Zahnarzt: "Aber dann! Dann hab ich es mir mal angeschaut und das ist ja schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Und ist ja klar, dass die Frauen darauf abgehen."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Halbstarker 2: "Captain Niveau: wir sinken."

Wir stoßen an und nehmen uns vor, Pfingsten für einen Twilight-Marathon zu nutzen, falls wir nicht mehr ankommen sollten. Der Zahnarzt versucht dem Halbstarken inzwischen klar zu machen, dass dieser aussieht wie der eine Arzt von Grey's Anatomy. Dummerweise kann ihm keiner folgen, sodass das Bordbistro die nächsten 20 Minuten damit beschäftigt ist, den Namen dieses einen Arztes rauszufinden. Der Schwaben-Enkelin ist deutlich anzusehen, dass sie schon längst weiß, um wen es sich dreht.

- Zahnarzt: "Grey's Anatomy. Na der eine Arzt mit den blauen Augen."
- Halbstarker 1: "Dreamy!"
- Zahnarzt: "Neeeein! Der hat kurze Haare! ... Grey's Anatomy, kennen Sie das?"
- Mittfünfzigerin 1: "Wie? Nein."
- Zahnarzt: "Das ist so eine Arztserie! So eine Soap. Wie Lindenstraße oder Reich und Schön"
- Mittfünfzigerin 3: "Reich und schön? Das sind wir selber."
- Zahnarzt: "Aber Lindenstraße, ich hab mir das neulich mal angeschaut. Das ist schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Die spielen alle noch mit wie vor 20 Jahren. Man sieht die aufwachsen. Wie bei Big Brother."


Wieder wird neues Bier geholt. Dem schließe ich mich an, liegen wir doch hoffnungslos zurück. Mittlerweile ist das Fassbier alle. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Weizenbier. Mittlerweile sind sogar die Jungs vom Zahnarzt genervt. Twilight, der eine Arzt von Grey's Anatomy und Klausi Beimer aus der Lindenstraße scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie wenden sich dem schüchternen Jungen zu, der seine Oma besucht, wie jedes Wochenende.

- Halbstarker 1: "Wie heißt du?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Arnold?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 1: "Arni?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Haben Sie schon Arnold Schwarzenegger kennengelernt?"
- Mittfünfzigerin 1: Nur, dass er da bei euch hockt."
- Halbstarker 1: "Arnold, wo steigst du aus?"
- Schüchterner Typ: "In Hannover, mit den netten Damen"
- Halbstarker 2: "In Hannover? Mit den Königinnen? Du hast ja mehr Glück als Verstand!"

Die beiden Halbstarken versuchen die plötzlich eingetretene, peinliche Stille durch das Abspielen von elektronischer Musik zu füllen. Sogar der Zahnarzt aus Basel schweigt. Die Stimmung droht zu kippen.

- Mittfünfzigerin 1: "Kann man das mal ausmachen?"
- Halbstarker 1: "Aber wieso denn? Ist doch schöne Musik!"
- Mittfünfzigerin 2: "Ihr müsst auch mal Rücksicht nehmen auf alte Frauen"
- Halbstarker 2: "Ich wollte Sie gerade zum Tanzen auffordern."
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal. Dafür haben wir die falschen Schuhe an."
- Halbstarker 1: "16cm-Absätze? In dem Alter sollte man auf Ballerinas umsteigen."
- Halbstarker 2: "Wie, Sie wollen nicht mit mir tanzen? Nicht mal Salsa?"
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal."
- Halbstarker 1: "8cm? Die trag ich zum Frühstück."
- Halbstarker 2: "Ich mach nur den Grundschritt und eine Drehung."
- Mittfünfzigerin 3: "Vielleicht ein anderes Mal."
- Halbstarker 2: "Dann krieg ich Ihre Nummer?"

Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn. Zugfahren kann so schön sein. Danke, Herr Weselsky, für die wunderbare Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung. Dafür nimmt man dann gern einmal drei Stunden Verspätung in Kauf. Mein bisheriger Rekord liegt übrigens bei 12 Stunden. Das hatte allerdings Witterungsgründe. Ich würde mir trotzdem einen Erfolg in der Schlichtung wünschen. Denn wenn die Bahn ihre Mitarbeiter anständig bezahlt, muss sie sich wenigstens nicht mehr mit bösen Lokführern rumschlagen, sondern kann sich wieder ihren eigentlichen Feinden widmen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Schon bitter, dachten wir und freuten uns, dass uns zumindest am Pfingstwochenende der Twilight-Marathon erspart blieb.

"DR. AVERY!", rief der Zahnarzt dem Zug hinterher, nachdem er ausgestiegen war.


 

31 juillet 2014

Deutschboden

Moritz von Uslar - arroganter Wessi, Journalist, Bildungsbürger, Großstädter trifft ihn: den ostdeutschen Proll - böse, widerlich, asozial, beinhart, abstoßend. Kann das gut gehen? Die größte Überraschung, so Uslar am Ende seines Buches, sei es, dass er in der Zeit keinen auf die Fresse bekommen hat.
 
Drei Monate will Uslar in das Zusammenleben in der ostdeutschen Provinz eintauchen und teilnehmend beobachten. Dabei ist ihm der exakte Ort egal, es soll eine Kleinstadt sein, größer als ein Dorf, kleiner als eine Stadt. Zu Beginn versucht der Autor seinen Berliner Freunden bei Steak und Champagner den Plan zu erklären, von dem er selbst noch nicht ganz überzeugt ist: 
 

"Ich haue ab von hier, dort hin, wo kaum ein Mensch je vor uns war - nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt. Dort suche ich mir einen Boxclub, trainiere mit, hänge rum und tue nichts, außer die ganze Zeit nur zuzuhören und zuzugucken, was passiert, und abends stelle ich mich da hin, wo der totale Blödsinn erzählt wird, auf Parkplätze, an Tankstellen, in Pilslokale, und nebenbei erfahre ich alles über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart"

 

 
 
Ihn interessiere eigentlich nichts, sagt Uslar. Somit versucht er alle Klischees zunächst wegzudrängen. Gleichzeitig ist ihm klar, dass das nicht mal ansatzweise funktionieren wird. So steht er und inszeniert sich selbst als arrivierter Westdeutscher und zelebriert seine Vorurteile geradezu. Gerade weil er aufgesetztes Gutmenschentum vermeidet, wirkt das Buch authentisch.
 
Für drei Monate zieht er also in die Pension "Haus Heimat" der Stadt Oberhavel (so sein fiktiver Name für die Kleinstadt), wo als einzige Speise "Topfwurst" auf der Karte steht und er zum größten Teil der einzige Gast bleibt. Beim ersten Streifzug durch die "Innenstadt" springt ihm die enorme Anzahl von Nagelstudios ins Auge, die als eine der wenigen Geschäftsformen langfristig zu überleben scheinen. Andere Geschäfte schätzen ihre Überlebenschance oft selbst sehr gering ein oder erweitern ihr Sortiment um kreative Zusatzangebote: die Schneiderei ist gleichzeitig Steuerbüro, in der Videothek kann man Grillzeug erwerben.
 
 
 
In der Dorfkneipe 'Schröder' treffen sich allabendlich die gleichen Männer zum Feierabendbier bzw. zur Feierabendmolle (auch wenn sie oft keinen Feierabend im eigentlich Sinne haben). Hier lernt Uslar Raoul kennen, der für ihn eine Art Türöffner in die Gesellschaft Oberhavels ist. Raoul, Mitglied der Punkrockband '5 Theets Less' (!), ist so was wie der inoffizielle Babo der Oberhavel Mitt-Zwanziger-Dreißiger, die überwiegend ausgebildete Handwerker sind, und nun Hartz-IV-Empfänger mit wenig Perspektive auf einen sozialen Aufstieg. Dank Raouls Standing darf Uslar fortan offen mit Aufnahmegerät mit den jungen, männlichen Oberhavelern abhängen (natürlich herrscht Frauenmangel). Highlight des Buches ist dabei das Kapitel über den Abend an der Aral-Tankstelle, an dem im Grunde nichts und doch soviel passiert:


"Ich fragte Eric, warum alle diese Freunde so komplett anders waren als er, sein Bruder und die Jungs in der Band. Er sah mich an durch seine Sonnenbrillengläser. Er war überrascht. Auch amüsiert. Ihn interessierte die Frage.
Eric: Sind die so anders?
Ich bestätigte: Die sind völlig anders. Ja.
(...)
Eric erklärte: Ich glaube, das liegt daran, dass diese Jungs jünger sind als wir. Er Eric, sei 25, André, Fred und die anderen seien 20 und 21. Jahre. Es seien nur drei, vier Jahre Unterschied, aber diese Jahre machten viel aus.
(...)
Eric wollte noch etwas sagen. Ich sah, dass die leichte Anstrengung im Kopf etwas war, was ihm Freude bereitete, das Nachdenken lag ihm, bloß bekam Eric die Dinge, die in seinem Kopf waren, manchmal nicht in Worte gefasst und ausgespuckt. Seine abgeblätterten Fingernägel. Ich dachte: Ihr dummen Klischees, ihr seid doch alle wahr. Einer, der sich in der Kleinstadt die Fingernägel schwarz lackierte, der grübelte eben auch gerne nach, der wollte mehr wissen, wollte ein bisschen nachdenklich sein.
Eric: Die Jungs, verstehst du, haben die DDR nicht mehr miterlebt. Aber Rampa, Raoul und ich, wir kommen von früher. Wir haben das alte Deutschland noch mitgemacht."

***

"Die Schnitzelmeisterschaft, so erfuhr der Reporter, war das andere Riesending, der zweite gesetzte Termin im Sommerkalender der Kleinstadt. Zwanzig, dreißig Jungs nahmen an einer Festtafel im Restaurant Larifari Platz; dann ging es simpel darum, so viel paniertes Schnitzel wie nur irgend möglich in sich hineinzufressen. (...) dem Sieger winkten 200 Euro, dem zweiten Platz einhundert, dem dritten 50 Euro. Im letzten Jahr hatte Fred mit 1,3 Kilo den ersten Platz belegt, in diesem Jahr, so Raoul, würde sich die Tankstelle praktisch geschlossen anmelden, man wolle alle drei ersten Plätze heim nach Oberhavel holen."

***

"Wie in der Gaststätte Schröder, im Probenraum, bei jeder Autofahrt (...), herrschte auch auf der Aral-Tankstelle Witzzwang. Eine Wortmeldung an deren Ende nicht laut wiehernd gelacht werden konnte, muss auch hier als durchgefallen gelten."

***

"Gerüchte, welcher Investor die große Wiese an der Tankstelle kaufen wollte: McDonald's, so wusste einer, wollte kommen. McDonald's, so André, wäre für das Städtchen natürlich ein Hauptgewinn. Rossmann sollte demnächst neben Lidl eröffnen, das wäre für die Mädchen natürlich schön.
Raoul: Hier kommt niemand mehr." 

---- 

"Sein Bericht überzeugt, weil er nicht klüger sein will als das Klischee", schreibt die FAZ. In der Tat verschwand auch meine anfängliche Skepsis über das Aufwärmen alter Klischees und Sozialromantik von Seite zu Seite. "Alte Kacke, gehen mir die Penner, gehen mir die Alkoholiker, Hirntoten, Eingefallenen, Zusammengefallenen und sonst wie Hinüberen und Weggetretenen in diesem Ort auf den Sack“, schreibt Uslar einmal zu Beginn. Diese Ehrlichkeit und der Verzicht auf vermeintliche Moral machen das Buch verdammt glaubwürdig. Von Seite zu Seite findet man die Protagonisten liebenswerter: Wirt Heinz Schröder, die unnahbare Bedienung Maria, Box-Trainer Maik, die Band Raoul, Eric und Rampa und all die anderen Männer von der Tankstelle: Blocky, Schubi, Phase, Hief Lätscha, Hundertzehnprozent und wie sie alle heißen. Sie alle haben sich ihren Platz am Rande der Gesellschaft nicht selbst ausgesucht, sie sind Charaktere mit tristen, aber letztendlich alltäglich-langweiligen Biographien, gefangen zwischen kommunistischer Jugend und teilweise rechter Vergangenheit, arbeitslos, perspektivlos, frauenlos, aber ruhig und im Leben stehend - und Besitzer von aufgemotzten Autos, deren Motor sie allzu gerne aufheulen lassen. Moritz von Uslar selbst wird einem nicht minder sympathisch auf diesen 400 Seiten. Er erwartet zu Beginn nichts aufregendes und findet am Ende nichts spannendes: "Ich war Reporterdarsteller. Mich interessierte eigentlich nichts, das war ja das Geile." Wie er es jedoch schafft, den ganz normalen, eigenartigen, langweiligen Oberhavelern näherzukommen, ihre Charaktere zu zeichnen und ihr ereignisloses Leben eindrucksvoll zu beschreiben, ist schlicht grandios. Deutschboden! Kauft, lest und genießt! Es lohnt sich. Versprochen.


Moritz von Uslar (2010): Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 19,95 Euro.


8 mai 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 4

Jetzt also doch. Die Feuchtigkeit ist zurück. Oder vielmehr war sie nie weg.  Gehen Sie zurück auf Los und ziehen Sie keine DM 4.000,-- ein.

"Doch auch jeglich pessimistischere Schätzung ließ uns nicht erahnen, dass wir Ende März noch immer an den Nachwehen der feucht-fröhlichen Nacht zehren werden." (Teil 2) Ende März? Wenn ich jetzt in meinen nicht  vorhandenen Kalender schaue, sieht mich des Mai'ens schönstes Lächeln an. Und das Lachen ist fies. 

Was war passiert? Beim Rausreißen des halb verlegten Holzes (Teil 3) schlägt die Wünschelrute des Parkettleger aus. Er findet Wasser. Zumindest misst er Estricht, Querleisten und seine Mutter und stellt fest, dass die Wohnung noch nass ist. Die Trocknungsfirma wird zurückgerufen. Auch diese misst und stellt fest, dass die Wohnung trocken ist. "Für uns ist die Sache erledigt". Und nun wird gestritten. Bis nicht ein unabhängiger Gutachter Recht gesprochen hat, wird natürlich kein neues Holz bestellt (auch wenn das Holz diesmal nicht aus Schweden, sondern aus Österreich geliefert werden soll). Natürlich kommt der Gutachter nicht sofort und spricht Recht, sondern lässt sich Zeit, so ein bis zwei Wochen. Ist klar, schließlich müssen ja erst die Sitzplätze für die Presse ausgelost werden. Und dann nochmal.

In der Zwischenzeit liefern sich die Bewohner der Wohnung (wohnen bitte nicht im klassischen Sinne verstehen) ein heiteres Scharmützel mit dem Wohnungseigentümer, in Auszügen folgend:


- A: Bitte lüften Sie morgens und abends jeweils 10 Minuten stoß, kippen Sie die Fenster tagsüber und schließen Sie diese nachts. 
- B: Okay.
- A: Die Fenster waren heute tagsüber nicht weit offen! 
- B: Ja, wir haben Sie gekippt.
- A: Sie müssen diese den ganzen Tag weit aufmachen. Das habe ich Ihnen bereits das letzte Mal deutlich gemacht. Im Übrigen ist die Wohnung wieder nass geworden, weil Sie nicht richtig gelüftet haben. 
- B: Wir sollten auch das Risiko etwaigen Regens und Sturm beachten. Tagsüber ist keiner in der Wohnung.
- A: Öffnen Sie die Fenster tagsüber. Sonst hat das Konsequenzen. 

- A: Sie haben die Fenster heute trotz Regens weit aufgelassen. 
- B: Ja, tagsüber ist keiner in der Wohnung. Heute morgen schien die Sonne.
- A: Wir haben hier eine Ausnahmesituation. Geben Sie auf mein Eigentum acht. Sonst hat das Konsequenzen.

- A: Sie haben in letzter Zeit nicht geheizt. Das ist der Grund dafür, dass die Wohnung noch nass ist.
- B: Ja, wir hatten 20 Grad im Schatten.
- A: Bitte heizen Sie. Sonst hat das Konsequenzen. 
- B: Ooookay.

- A: Sie hatte heute die Fenster nicht weit offen.
- B: Ja, wir haben geheizt.
- A: Bitte heizen Sie bei offenem Fenster! Sonst hat das Konsequenzen.


Wenn die Fenster offen sind und so ein laues Lüftchen weht, schalten alle unmittelbar in den Wohlfühlmodus. Besonders die Tauben, die uns fortan jeden Morgen besuchen Es sind diesselben Tauben, die wir bereits vom Dachboden verscheucht hatten (Teil 1). Inzwischen kommen die Vögel allerdings nicht mehr zu Besuch. Sie werden vom Lärm der Trocknungsgeräte verscheucht, die seit des Gutachters Spruch wieder in unserer Wohnung stehen und vor sich hinsingen. Der kam nämlich tatsächlich noch. Nur die Presse kam nicht. Der Masterplan des Gutachters, mit dem die Wohnung endlich trocken werden soll, sieht wie folgt aus: 1) Die Trocknungsgeräte laufen. 2) Es wird geheizt. 3) Die Fenster sind offen. Übrigens: bis die Wohnung nicht wieder trocken ist, wird kein neues Holz bestellt. Weder aus Österreich, noch aus Schweden. Ist ja klar.

Die Wochen vergehen. Und dann sitzt du in einem netten Straßencafé, trinkst einen doppelten Espresso gegen die Müdigkeit, denn an durchschlafen ist schon lange nicht mehr zu denken. Du willst dich mit deinen Leidensgenossen beraten, wie es nun weitergehen soll. Doch die Entscheidung ist schon längst gefallen. Klappe zu, Affe tot. Warum erst jetzt nach fünf langen Monaten? Nunja - hinterher ist man immer schlauer. Trotzdem hätte es nicht so enden dürfen.


Demnächst: "Wie man in Frankfurt eine Wohnung findet, Part III." Das hatten wir doch schonmal: Part I & Part II. Hat sehr viel Spaß gemacht.




22 avril 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 3

Langsam tut es nur noch weh. Zunächst musste ich nur die Szenerie beschreiben (Teil 1), dann mit ein wenig Sarkasmus aushelfen (Teil 2). Nur jetzt fällt mir (fast) nichts mehr ein. 

Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Die Lieferzeit dieses einen bestimmten Holzes, das nur in Schweden erhältlich ist, aber so unbedingt erforderlich war, beträgt drei bis vier Wochen. So hieß es. Nach sechs Wochen ist es dann also tatsächlich da.

Es ging los. Der Parkettleger beginnt seine Arbeit mit der Ansage "Ende nächster Woche sind wir fertig. Die Zimmer und das bissl Schiss Flur geht schnell." Ende gut, alles gut? Eh... Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Von wem stammt eigentlich dieser beschissene Satz?

Nein! Das konnte unmöglich das Ende vom Lied sein. Am zweiten Tag stellt der Parkettleger fest, dass das Holz, was 6 Wochen brauchte, um 1800km zurückzulegen, unbrauchbar ist. WTF? Wieviel Pech kann man eigentlich haben? Holz darf/muss einen Wasseranteil von neun Prozent haben, wenn es verlegt werden soll. Unser Holz: 16 Prozent. Verlegt man das Holz, wird es sich bei der nächsten Hitzewelle oder beim nächsten Heizen zusammenziehen, was Fugen in Breite eines Zollstocks zur Folge hätte. Nahe liegender Verdacht: Unsere Wohnung ist bestimmt noch nass! Falsch. Boden: 1 Prozent Feuchtigkeit, Wände: 0 Prozent, Luft neun Prozent. "Das habe ich in 33 Berufsjahren noch nicht erlebt", so der Parkettleger. 

Das verlegte Holz muss also wieder raus. Ausgang offen. Un. Fass. Bar. Das ist wie, als hättest du vier Monate kein Bier getrunken, dann wird dir Ende nächster Woche ein ganzer Kasten versprochen und kurz vor Ende heißt es "Ne, sorry, das Bier ist verdorben." Wie soll man da eigentlich noch reagieren: Hysterie? Depression? Amok? Keine Sorge, das ist alles nicht mein Stil.

Fortsetzung folgt. Leider.



19 mars 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 2

Wir waren naiv. Dass die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nicht ausreichen würde, um den Albtraum vergessen zu lassen, war ja schon klar. Doch auch jeglich pessimistischere Schätzung ließ uns nicht erahnen, dass wir Ende März noch immer an den Nachwehen der feucht-fröhlichen Nacht zehren werden.

Der Parkettboden ist rausgerissen, die Tapete hat das Zeitliche gesegnet, überall hängen Kabel aus der Wand. Du sitzt in der Küche, machst die Tür hinter dir zu und alles scheint wie immer. Mal abgesehen von der Dschungelatmosphäre, die durch die ganzen Pflanzen entsteht, welche sonst in der Wohnung verteilt sind. Und abgesehen von dem Dreck, den du jedes Mal reinträgst, wenn du die Küche betrittst. 

"Wie könnt ihr hier nur wohnen?", fragen sie von außen und ahnen nicht, wie wunderschön es sich hier lebt. Schon im alten Sparta wussten sie, dass man nicht viel im Leben braucht. Du verlässt die Küche, stolperst über eine der verbliebenen Querleisten, die daran erinnern, dass die Wohnung normalerweise fünf Zentimeter höher liegt und schaust in dein Zimmer. Da stehst es: dein Bett, in dem sich - mehr noch als sonst - der Großteil der Zeit zu Hause abspielt, daneben ein Pappkarton, der als Schreibtisch dient und der Koffer, aus dem du seit Wochen lebst. 

Wieder in der Küche, willst du eine von Hundert Seiten lochen, die du im letzten halben Jahr mit mathematischen Formeln vollgeschieben hast. Dass du oftmals zu keinem sinnvoll erscheinenden Ergebnis kamst, ist weniger essentiell als die Frage: "Wo befindet sich der Locher?" Gepackt von Enthusiasmus schreitest du nach oben auf den Dachboden, wo seit Wochen all dein Hab und Gut parkt und durchsuchst die zahlreichen Kisten. Frei nach Murphys Gesetz findest du den Locher natürlich erst in der letzten aller Kisten, ganz hinten in der Ecke, neben den fünf Brettern, die mal dein Bücherregal waren. 

Endlich! Wieder in der Küche. Die Seite ist gelocht. Du fragst dich, wie lange das noch so weitergehen soll? Und: wie lange wohnst du eigentlich schon in diesem Zustand? Drei Wochen, so hieß es, muss die Wohnung ohne Boden und Tapete trocknen. Niemand hat erwähnt, dass der Parkettleger noch eine Woche braucht, um ein Angebot zu erstellen. Niemand konnte vorher wissen, dass das Angebot dann noch eine Woche Urlaub auf der Ablage der Hausverwaltung macht, natürlich mit unterster Priorität, die Hausverwaltung muss ja schließlich noch zahlreiche andere Häuser verwalten. Und wie soll man denn auch arbeiten, wenn dauernd irgendwer anruft, um sich zu erkundigen, wann das Angebot denn endlich eine Ablage weiter nach oben rutscht? Niemand hat dir erzählt, dass die Versicherung eine Woche brauchen wird, bis sie das Angebot genehmigen kann, denn der zuständige Mitarbeiter war ganz plötzlich verreist. Niemand wusste schließlich, dass wenn das Angebot dann mal genehmigt ist, das Holz für die neuen Dielen erstmal bestellt werden muss. Holz gibt es natürlich nur an einem Ort zu erwerben: bei IKEA. Ist das Holz dann bestellt, beträgt die Lieferzeit aus Schweden drei bis vier Wochen. Das konnte nun wirklich niemand ahnen. 

Du sitzt also in der Küche und merkst, wie du plötzlich nur noch in Wochen denkst. Wie lange dauert es wohl, bis die Dielen dann verlegt sind? Bestimmt eine Woche. Abgeschliffen werden müssen sie noch, so heißt es, und lackiert. Und dann  ist die Wohnung immer noch nicht tapeziert. Hm - bestimmt eine Woche. Ängstlich drängt sich dir die Frage auf, ob man Tapete erst bestellen muss und aus welchem skandinavischen Land diese dann geliefert wird. Aber das kann ja zum jetzigen Zeitpunkt nun wirklich keiner wissen. Bis dahin machst du einfach die Küchentur hinter dir zu, denn dann scheint alles wie immer zu sein. Mal abgesehen von der Dschungelatmosphäre. Und dem Dreck, den du immer reinträgst.

16 janvier 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 1

Tiefschlaf. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Die Tür wird aufgerissen. Du erwachst. Und in deiner Wohnung steht drei Zentimeter hoch Wasser. Kein Traum. Sondern die nackte Realität.

Kurz vor Weihnachten also ein besonderes Geschenk. Ein Wasserschaden ist so ein Ereignis aus der Kategorie „passiert-immer-nur-den-anderen-aber-garantiert-nicht-einem-selbst“. Und dann passiert er doch. Roboterartig versucht man das Richtige zu tun und ist dabei doch vollkommen überfordert. Groteske Szenerien spielen sich ab: Die Feuerwehr steht auf dem Schlauch. Die „Unter-Nachbarn“ sind im Urlaub, auch noch auf einem anderen Kontinent. Die Polizei darf die Tür aufbrechen, jedoch nur um zu schauen, ob Gefahr im Verzug ist. Dass der Laptop im Regen steht, darf vorerst keinen interessieren. Plötzlich steht ein Krankenwagen vor dem Haus. Ist der nicht mehr ganz so jungen Nachbarin vor Aufregung etwas passiert? Nein, sie ist nur ausgerutscht und hingefallen.  Alles halb so wild, „denn es ist niemand erschossen worden wie in diesem Amerika“ (Zitat, nicht mehr ganz so junge Nachbarin). Das Treppenhaus gleicht den Niagarafällen. Zwei Tauben kacken den Dachboden voll. Aber das passiert ja immer nur den anderen und garantiert nicht einem selbst. „Ihr werdet alle sterben“ (Zitat, Einsatzleiter Feuerwehr).

Und so läuft man nach drei Stunden Schlaf und heller Aufregung noch eine Weile wie ein Zombie herum. Jeder reagiert anderes auf die Situation – wobei: Geteiltes Leid ist doch halbes Leid. Stimmt das? Welche Versicherung greift hier? Sind wir überhaupt versichert? Wer hat Schuld? Dann kommen die Trockenmaschinen. Sie müssen einmal pro Tag geleert werden und machen das folgende dezente Geräusch „WWWHHHH&&&&&&&%%%%%%%“ (Zitat, Trockenmaschine). Einmal pro Tag geleert werden... War da nicht Weihnachten? Egal. Bis ins neue Jahr ist wieder alles gut.
 
„WWWHHHH&&&&&&&%%%%%%%“
. Das neue Jahr beginnt. Plötzlich gleicht das Holzparkett, das doch von allen Seiten so gelobt wird, einem mittelhohen Gebirge. „Ihr könnt ja eine Murmelbahn daraus bauen“ (Zitat, Gutachterin Versicherung). Das Parkett in der gesamten Wohnung muss raus, anschließend der Boden drei Wochen lang austrocknen. Und das geht nur, wenn sich nichts mehr in der Wohnung befindet: keine Möbel, keine „Klamoden“ (Zitat, Mitbewohnerin), keine Menschen. Unter dem Parkett kommt eine erdeähnliche Substanz zum Vorschein. Wahrscheinlich Erde. Frohes neues Jahr!

Übrigens: neu tapeziert werden muss auch. „Wir haben Spaß am zerstören" (Zitat, Bauarbeiter). Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Immerhin wird somit mal general-aufgeräumt. Und am Ende sieht es bestimmt besser aus als vorher. Mal abgesehen von der weißen Raufasertapete, welche die alte, hässliche, wunderschöne Tapete ersetzen wird. Leider verschwindet so auch der Charme des Unfertigen, der doch von allen Seiten so gelobt wird. Aber alles halb so wild, „denn es ist niemand erschossen worden wie in diesem Amerika“ (Zitat, nicht mehr ganz so junge Nachbarin)

Dann sitzt man also in dieser gar nicht so wilden Misere und sucht ein Obdach. Drei Tage raus (die optimistische Schätzung). Doch bevor man überhaupt jemanden fragen kann, hat man schon vier, fünf Schlafplätze angeboten bekommen. Frei von jeglichem Sarkasmus, frei von Verbitterung oder Humor ist das nun wirklich ein sehr gutes Gefühl! „Danke!" (Zitat, ich)


Fortsetzungen: Teil 2, Teil 3, Teil 4.


1 mai 2012

Sarkozy oder Hollande? Le Pen!

Sarkozy oder Hollande? Fast 50 Prozent der wahlberechtigten Franzosen interessierte diese Frage bei der ersten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl nur am Rande. Das ist zunächst natürlich kein Problem. Das Eichhörnchen auf Koffein (Sarkozy) ist so unbeliebt wie noch kein amtierender Präsident vor ihm. Und Hollande besticht vor allem durch eins: Langeweile. Ein weiterer Name löst da viel mehr Emotionen aus (und das bereits bei allen Präsidentschaftswahlen seit 1974): Le Pen.*

16,9 Prozent setzten Frankreich im Jahre 2002 in Aufruhr. Jean-Marie Le Pen überholte damals überraschend den sozialistischen Kandidaten Jospin und zog in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ein. Zehn Jahre später kann seine Tochter Marine (inzwischen Jean-Maries Nachfolgerin) diesen Coup nicht wiederholen. Dies stimmt jedoch nur auf den ersten Blick. Denn mit 18,5 Prozent erreicht sie heute über sechs Millionen Wählerinnen und Wähler (bei 45 Millionen Wahlberechtigten, wovon 36 Millionen gewählt haben).


Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National (FN), die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 83jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich 2011 vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (43) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Marine versucht nun, das Image ihres Vater einerseits zu konservieren und anderseits loszuwerden. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie einer "Entdämonisierung" der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch diese Kader hält sie mit brillianter Rhetorik bei der Stange. So verglich sie 2011 die Straßengebete von Muslimen mit einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums". Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung direkt aus ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"), aber verstanden wurde sie trotzdem.


Die FN positioniert als "Systemfeind". Ihre Attraktivität gewinnt sie durch eine effiziente und sehr intelligente Propaganda. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Ein zentrales Element ihres Diskurses ist dabei die Schaffung kollektiver Feindbilder. Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment). Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. So werden klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen" gezogen. Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet ein gemeinsames Feindbild und verbreitet ihr Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre hinweg einen enormen sozialen Einfluss entwicklen.

Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und "Deutsche mit Migrationshintergrund" geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit, Armut und Staatsverschuldung kämpfen. Die ‚kleinen Leute‘ wählen schon lange nicht mehr linke Parteien der Arbeiterklasse, sondern die Front National.  


Wenn also über sechs Millionen Franzosen am rechten Rand wählen, dann ist das nur das offensichtliche Problem. Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’. Wenn Sarkozy zurzeit versucht, die FN rechts zu überholen, dann kann er das nur machen, weil es fruchtet. Nichtsdestotrotz wird er von vielen FN-Wählern gehasst. Marine Le Pen soll insgeheim auf einen Wahlsieg Hollandes und eine anschließende Abspaltung rechter Teile von Sarkozys UMP hoffen, die sie in einer sich neu zu gründenden rechten Partei unter ihrem Vorsitz aufnimmt. Nächster Halt für Marine: Präsidentschaftswahl 2017. Ihr Einfluss wird bis dahin wachsen. Düstere Vorstellung.

* Erstveröffentlichung auf renardteipelke.blogspot.com 

31 mars 2012

Kairo, die Letzte: Gewerkschaften als lebendige Demokratie

Mein Kairo-Aufenthalt liegt nun bereits über einen Monat zurück. Daher möchte ich die "lose Serie über Kairo" zu Ende bringen. Fraglich ist, ob man bei fünf Posts von einer Serie sprechen kann - zumal die Themen wirklich sehr spezielle Aspekte problematisiert haben. Das ist schlecht, denn es gäbe noch so viel weiteres zu erzählen. Wer Lust auf mehr hat, kann aber mal auf diesem Blog vorbei schauen. Heute ein weiteres, sehr spezielles Thema: die Gewerkschafsbewegung in Ägypten. 

Wenn in Deutschland die U-Bahnen im Depot bleiben, Kindergärten geschlossen sind und der Müll nicht abgeholt wird, gehört das zum ganz normalen gesetzlich geregelten Ablauf von Tarifverhandlungen. Am Ende konnte die Gewerkschaft Ver.di, die den öffentlichen Dienst vertritt, ein sattes Lohnplus für ihre Mitglieder und auch die nichtorganisierten Angestellten verbuchen. Streiks nerven immer die Betroffen, aber dafür sind sie da. Und man hat das Gefühl, dass solche Arbeitskämpfe trotz allem auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen.

Sonnige Zukunft für die Gewerkschaftsbewegung?*
Wenn in Ägypten die Arbeit niedergelegt wird, ist das in erster Linie vor allem eins: illegal. Hinzu kommt, dass Streiks nicht gerade hoch angesehen sind in der ägyptischen Gesellschaft. Seit der ersten Gewerkschaftsgründung im 19. Jahrhundert war die Arbeiterbewegung immer wieder staatlicher Repressionen ausgesetzt. Aktuell gilt nach wie vor das Gewerkschaftsgesetz von 1976, welches unabhängige Gewerkschaften verbietet. Arbeiter waren gewissermaßen zwangsorganisiert in einem hierarchischen und zentralisierten Gewerkschaftsverband, der dem ägyptischen Arbeitsministerium unterstellt war. 

Allgemein kann man von einem erodiertem Arbeitsrecht in Ägypten sprechen. Arbeiter müssen bei der Vertragsunterzeichung gleichzeitig ihre Kündigung unterschreiben. Diese wird dann zu gegebener Zeit herausgeholt und jegliche Proteste bzw. juristischen Vorgänge gegen einen Rauswurf werden damit im Keim erstickt - schließlich hat man ja selbst die Kündigung eingereicht. Darüber hinaus ist der ägyptische Arbeitsmarkt von sehr geringen Löhnen, einer hohen Arbeitslosigkeit und einem großen informellen Sektor (informell heißt dabei nicht illegal) geprägt.

Schon fünf Jahre vor dem sogenannten ägyptischen Frühling kam es jedoch immer wieder zu Arbeiterprotesten, die eine neue Intensität erreichten. 2009 konnte sich dann aufgrund zahlreicher internationaler Solidaritätsbekundungen die erste unabhängige Gewerkschaft etablieren. In Folge des Umbruchs seit Anfang 2011 gründeten sich über 200 weitere unabhängige Gewerkschaften sowie zwei unabhängige Dachverbände.


Generalstreik am Tahrir: Hohe Beteiligung sieht anders aus!
Inwieweit diese neue Gewerkschaftsbewegung eine positive Zukunft hat, bleibt abzuwarten. Die Entwicklungen seit Anfang 2011 stehen im Konflikt mit der nach wie vor bestehenden Gesetzgebung. Ein gemäß den Standards der International Labour Organisation (ILO) ausgearbeitetes, neues Gewerkschaftsgesetz wird bis heute vom Obersten Militärrat blockiert. Als am 11. Februar 2012 zum landesweiten Generalstreik aufgerufen wurde, war die Beteiligung nur sehr gering. Ein Generalstreik ist ein durchaus mächtiges Mittel, wie Griechen, Belgier oder Spanier immer wieder beweisen. In Deutschland ist ein solcher übrigens verboten. 

In einer zunehmend globalisierten Welt scheint sich das alte Machgefälle zwischen Arbeit und Kapital unaufhaltbar in Richtung Kapital zu verschieben. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine starke, unabhängige Vertretung der Arbeiterinteressen von entscheidender Bedeutung. Nicht nur für ökonomische Überlegungen wie die Senkung von Armut, Herstellung sozialer Gerechtigkeit oder Begrenzung der Lohnunterschiede sind starke Gewerkschaften unabdingbar. Auch als demokratischer Akteur sind sie für die Gesellschaft enorm wichtig und stehen letzendlich als Zeichen für eine lebendige Demokratie. Teilen wir gemeinsam die Hoffnung, dass der Erfolg der ägyptischen Gewerkschaftsbeweung gelingt!

*Fotos von RT und DO.

9 février 2012

Kairo, die Erste

Im Jahr 2011 kam jemand auf die grandiose Idee, die Bewegungen für Demokratie und bessere (Über-)Lebensstandards im arabischen Raum, als "Arabischen Frühling" zu bezeichnen. Inzwischen wird von der sogenannten "Arabellion" gesprochen. Über die Kreativität der Wortschöpfungen lässt sich streiten, Fakt ist jedoch, dass sich seit nunmehr über 12 Monaten einiges getan hat. Tunesien schaut auf seine erste frei gewählte zivile Regierung, in Syrien geht das Morden weiter und in Ägypten merkt man so langsam, dass auch nach dem Sturz Mubaraks so einiges im Argen liegt. Spannend genug, um hinzufahren.

Während sich Europa über vermeintlich faule Griechen aufregt, die auch noch so "dreist" sind gegen die schmerzhaften Einsparungen zu protestieren, geht es in Ägypten teilweise um das nackte Überleben. Das neue Parlament hat sich gerade konsituiert, da zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass der Militärrat vieles will, aber auf keinen Fall seine Macht abgeben. Und dass Mubarak nur die Spitze des Problem war. Wer sich über die aktuelle Situation ein wenig mehr informieren möchte, dem sei diese sehr interessante Dokumentation empfohlen: 


Umso spannender ist es, sich das Ganze im Rahmen einer Exkursion mal vor Ort anzuschauen. Natürlich machen wir keinen Abenteuer-Tourismus. Das wäre unangebracht und gefährlich. Aber wir beschäftigen uns mit spannenden Themengebieten, die alle von den aktuellen Ereignissen beeinflusst werden. Beispielsweise wird die Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen immer prekärer. In Ägypten gibt es nicht zuletzt so viele Werke transnationaler Unternehmen, weil die Lohnkosten so gering sind. Im Spannungsfeld des ägyptischen Umbruchs ergeben sich nun neue Chancen für den Aufbau einer vom Staat unabhängigen Gewerkschaftsbewegung. Ich erhoffe mir viel von den Gesprächen zur Thematik mit Akteuren wie dem CTUWS oder der Journalistin Nadine Skandar. Aber dazu später mehr. Zunächst auf eine erkenntnisreiche, eindrucksvolle Exkursion! Cheers. 

Gewerkschaften im Spannungsfeld des ägyptischen Umbruchs

Zum Weiterlesen:
Powision, Ausgabe 11: "Wege aus der Demokratie"



23 novembre 2011

"We can have sex with cats, but we cannot change the system"

Slavoj Žižek benutzt gern Sex-Metaphern. Überhaupt ist seine Sprache plakativ und provokativ - das macht er ganz bewusst; nicht zuletzt deshalb ist der Kapitalismuskritiker so berühmt geworden. Wenn er über Neoliberalismus als Idelogie spricht, sind seine Ausführungen jedoch nicht nur äußerst spannend, sondern auch überzeugend.

Als Žižek nach der Anmoderation der unter dem Titel "Gedankensquash" laufenden Veranstaltung den Moderator fragt, was denn Gedankensquash eigentlich sein soll, kann dieser keine wirkliche Antwort geben. Das liegt vermutlich daran, dass der Titel völlig egal ist - wer schon mal was von Žižek gehört/gelesen hat, weiß ohnehin, worüber er reden wird. Und so geht es dann auch weniger um sein jüngst auf deutsch erschienenes Buch "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert.", sondern vielmehr um seine Sicht auf den Kapitalismus, Neoliberalismus und die weltweite (Finanz-)Krise. 

Quelle
Žižek ist Philosoph, Psychoanalytiker und einer der Popstars unter den Kapitalismuskritikern. Er selbst bezeichnet sich als "altmodischen Marxisten", der sich fragt, welche marxistische Revolution heute vorstellbar sei, angesichts der Verbrechen, die im Namen des Marxismus begangen worden sind. Auffallend ist die ausgeprägte Mimik und Gestik, die er benutzt, wenn er spricht. Fast schon wirkt er ein wenig verhaltensgestört, wenn er sich ständig das Mikro (Headset) vom Kopf reißt, in seinen Bart fasst oder in seine Hände schnäuzt. Sein Sprachfehler kommt erschwerend hinzu. All das spielt aber nur am Rande eine Rolle. Am Anfang unterhält er sich mit dem Moderator auf Deutsch, der es während des gesamten Vortrages ziemlich schwer hat ("I only insulte good friends"), bevor er dann "in die Sprache des Imperialismus" wechselt, in der er sich erkennbar sicherer fühlt. 

Žižek am 22.11.2011 im Literaturhaus Frankfurt
Er beginnt seine Ausführungen mit folgender Feststellung: "the situation is catastrophic, but we don't take it seriously". Eng verbunden ist damit der Begriff des Warenfetischismus von Marx, heute sind die gesellschaften Praktiken jedoch noch schlimmer; Menschen würden etwas denken, aber anders handeln als sie denken  - oder auch so tun, als ob etwas wahr wäre, auch wenn sie wissen, dass es falsch ist. Dieses ständige Sich-in-die-Tasche-Lügen fängt klein an bei Begrüßungsritualen ("Nice to meet you" - obwohl man eigentlich gern die Straßenseite gewechselt hätte) bis hin zum kapitalistischen System. So ist der Neoliberalismus heute zur Ideologie geworden, scheinbar real existierend und entfaltet damit eine enorme Wirkungsmacht. Er durchdringe alle Lebensbereiche, drei kleine Beispiele seien hier genannt:
1. Bologna-Reform: Studierende als sich selbst vermarktende Einheiten, deren Leistungen durch überall vergleichbare Credit Points ausgedrückt werden; Bildung kein Selbstzweck.
2.  "outsource your sex life": romantisches Element geht verloren, "fall in love" wird zu "to be in love without the fall"
3.  Angekündigtes und wieder abgesagtes Referendum in Griechenland. Sofort setzt bei uns der Schock ein - wie können die Griechen nur ("this is a serious economic question, why will you ask the people?")
Heute kann man global Bewegungen beobachten, die gegen die neoliberale Logik protestieren. Ihnen wird vorgeworfen, sie wüssten nicht, was sie wollen. Žižek sieht das nicht als Problem, er kann jedoch das Herumdoktern innerhalb des "Systems", ohne das System selbst abzuschaffen, nicht nachvollziehen. Das liberal-demokratische System der Repräsentation sei nicht mehr in der Lage, bspw. den globalen Finanzsektor zu kontrollieren. Der globale Kapitalismus unterminiere die Demokratie.


Žižek zur Krise der Demokratie auf Youtube:


“In the long term [...] the capitalism did always engender a demand for freedom, democracy and so on. [...] This eternal marriage between democracy and capitalism is approaching divorce. [...] Capitalism functions perfectly without democracy.”
Es reiche also nicht, den Kapitalismus in einer neoliberalen Logik zu zähmen, sondern diese vielmehr selbst in Frage zu stellen. Denn: "the light of the end of the tunnel  is probably a train". TINA-Argumente ("there is no alternative") lehnt Žižek ab. Die Menschheit kann zum Mond fliegen, wird demnächst den Mars ansteuern, im privaten sei eben jener Sex mit Tieren vorstellbar, aber sobald nach einem besseren Gesundheitssystem gefragt wird, soll dies unmöglich sein. 

Žižek bietet keine einfache Lösung an, er will zunächst die richtigen Fragen stellen. Wer gleich Forderungen formuliert, trete selbst in das Raster normierter Institutionen ein. Hier kann man ihm den Vorwurf machen, es sich zu leicht zu machen, vielleicht widerspricht er sich hier auch selbst. Allerdings ist doch genau dieses kritische Hinterfragen vermeintlich objektivierter Tatsachen sowie der Logiken, nach denen die Welt und man selbst ganz persönlich funktioniert, der Grundstein aller Veränderungen. Und die richtigen Fragen zu stellen, ist mit Žižek höchst unterhaltsam. 

Zum Weiterlesen:
Žižek, S. (2011): "Welcome to interesting times!", in Powision, 6(1), S. 58-63.

19 mai 2011

Filmtipp: Todespolka.

Die letzten zwei Montage war ich in der Sneak Preview der Passage Kinos. Bei "Polnische Ostern" fand ich es ein wenig befremdlich, dass ein paar Leute mitten im Film den Saal verlassen haben - zugegeben, der Film war ziemlich flach, aber es ist eben auch die Sneak Preview mit Überraschungseffekt. Diese Woche verließ ca. 1/3 des Publikums den Saal - verständlicherweise, denn der Film war sehr anstrengend.

Der Film spielt "ein halbes Jahr nach der 'freundlichen Übernahme' durch die Bürgerpartei. [...] Die beim Volk beliebte populistische Politikerin Sieglinde Führer [haha!] sät Hass, Intoleranz und Gewalt. Nicht nur für Abweichler brechen schwere Zeiten an. [...]" (Film)




Im Mittelpunkt steht eine große Polkashow zu Ehren von Sieglinde Führer, in der neben Polka- und  österreichischer Volksmusik auch immer wieder die Dame selbst zu Wort kommt. Unter Sprechchören ("Siggi, Siggi, Siggi...") fordert sie den Austritt Österreichs aus der EU, die Abschiebung von (kriminellen) Ausländern sowie die Errichtung von Arbeitslagern für islamistische Terroristen, Homosexuelle, Kinderschänder und ähnliches 'Pack'. Übertragen wird das Event auf allen Kanälen im Fernsehen und läuft überall - auf der Tankstelle, auf der Polizeistation oder in den privaten Haushalten von denen, die es leider nicht persönlich zur Show geschafft haben.

Ein Medizinstudent, der dem Ganzen ablehnend gegenübersteht, wird von der Nachbarschaft kritisch beäugt und nimmt selbstverständlich Drogen. Nachbarin A: "Ich hab gehört, der spritzt sich Haschisch!" Sein farbiger Kommilitone besucht ihn ab und zu und wird natürlich gleich als sein Drogendealer abgestempelt. Nach und nach werden die Nachbarn eingeführt. Eine Familie ist schlimmer als die andere und allesamt glauben an die glorreiche Zukunft Österreichs mit Sieglinde Führer.

Die Story nimmt ihren Lauf als einer der Nachbarn seine Frau zum Sex zwingt und ihren Kopf dabei mehrmals gegen die Bettkante stößt. Im Glauben, sie sei tot, schleppt er sie in den Garten. Just in diesem Moment bekommt der Medizinstudent Besuch. Für die Nachbarn ist sofort klar: "Der Neger war's!" Es beginnt eine wilde Hetzjagd, zu deren Ende mehr Personen tot als lebendig sind.



Das alles ist unglaublich überzogen (als die Totgeglaubte wieder aufsteht, wird sie kurzerhand erschossen, um den anderen Mord zu vertuschen), manches hätte einfach nicht sein müssen und oft ist es einfach zu unrealistisch (der Chef des Polizeireviers ist der Cousin von Sieglinde). Aber darum geht es auch gar nicht. Das Groteske schockiert. Am Ende sind die einzig anständigen die Medizinstudenten, ein Mann mit geistiger Behinderung sowie eine Domina. Sie stehen den vermeintlich "braven Bürgern" gegenüber.

Das Erschreckende ist, dass Österreich (von weitem betrachtet) wirklich einen fragwürdigen Weg einschlägt. Ich kenne mich zu wenig mit dem Land aus, als dass ich eine fundierte Analyse liefern könnte. Verbot von Minaretten (weil sie nicht ins 'Landschaftsbild' passen), FPÖ und Haider-Kult sind da allerdings gefährliche Indizien. Damit steht Österreich wohl nicht allein in Europa und Deutschland ist keinesfalls besser. Ich erinnere nur an das meistverkaufte Buch 2010 ("meine rassistischen Äußerungen  waren aber gar nicht rassistisch gemeint! Darf ich jetzt in der SPD bleiben?"). Umso mehr brauchen wir eine engagierte Zivilgesellschaft, die couragiert auftritt und in der die Menschen gegenseitig auf sich acht geben. Dann nämlich können Filme, die heute noch Überzeichnungen sind, niemals Realität werden. Amen! 

6 janvier 2011

Rückblick: Von der Scheinheiligkeit à la française oder dem "modèle républicain"

Soeben habe ich den alten Blog offiziell abgeschaltet. Er war angelegt für das Jahr in Frankreich, als eine Art Reisetagebuch. Löschen werde ich ihn nicht, denn es stecken sehr viele niedergeschriebene Erinnerungen darin. Einen meiner liebsten Posts möchte ich jedoch noch einmal hier publizieren, unverändert.

Erstmals veröffentlicht am 15. März 2010: [Von der Scheinheiligkeit à la française oder dem "modèle républicain"]

Eine Reflexion.

Viele von euch wissen sicherlich, dass Franzosen von einer gewissen Arroganz geprägt sind. Jedenfalls würden aus-dem-Bauch-heraus einige unter euch sicherlich zustimmen. Das fängt bei der Tatsache an, dass die Franzosen ihre Kultur, vor allem aber ihre Sprache gegen jegliche Einflüsse von außen schützen. Sicherlich - bei der deutschen Neigung, Anglizismen einfach zu adaptieren, muss man sich mitunter schon wundern. Von "Public Viewing" über "Coffee to go" bis hin zu "Kiss&Ride" scheinen "wir Deutsche" alles latent zu internalisieren. Die Franzosen hingegen erfinden für jedes noch so alltägliche Wort eine französische Entsprechung. Okay, ein Notebook ist ein "ordinateur portable" [tragbarer Computer...äh...naja, eine tragbare Datenverarbeitungsanlage], aber warum für die E-Mail mit der lediglich phonetisch ähnlichen Entsprechung "mél" nun auch noch ein Wort gefunden werden muss, bleibt offen.

Doch eigentlich denke ich über etwas ganz anderes nach. Seit der Französischen Revolution leben die Menschen in Frankreich unter der Trias "Liberté, Égalité, Fraternité" [Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit]. Dabei scheint mir die Égalité das zentrale Element. Mitunter habe ich das Gefühl, dass man Égalité jedoch durch Unité oder besser noch Uniformité ersetzen könnte. Denn die valeurs du modèle republicain [Werte des republikanischen Models] stehen zwar offiziell für die Gleichheit jeder/s Lebensweise, Religion, Hautfarbe, (sexuellen) Identität, Geschlechts, sozialen Status etc. In Wirklichkeit schützen sie natürlich die Kultur der Mehrheit. Der Franzose ist weißer Hautfarbe, Katholik und heterosexuell.

So kommen mir die Debatten in Frankreich über die nationale Identität (initiiert von Sarko-K.O. ;), Integration und Religion vor allem ziemlich scheinheilig vor. Wie ich bereits anklingen ließ, besteht die Idee der französischen Republik seit 1789 darin, aus allen in Frankreich lebenden Menschen Bürger der einen, unteilbaren, demokratischen Republik zu machen. Wichtig ist vor allem das Konzept der Laizität, also der Trennung von Religion und Staat. Dieses Konzept, was ursprünglich gegen die katholische Kirche ausgerichtet war, richtet sich heute in erster Linie gegen den Islam. Seit 2004 ist das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Bereichen, insbesondere Schulen, verboten. Das Tragen einer Kette mit Kruzifix-Anhänger dagegen nicht. Im Moment läuft alles darauf hinaus, dass das Tragen der Burqa gänzlich verboten wird. Über die Burqa kann man natürlich sehr geteilter Meinung sein (religiöses Symbol - Symbol der Unterdrückung der Frau?). Fakt ist jedoch, dass die verwendeten Argumente gegen die Burqa scheinheiliger nicht sein könnten.

Das Modell der Republik, die die gleichen Werte teilt, richtet sich ein wenig allgemeiner gesprochen gegen jede Form von Multikulturismus. In den französischen Denk-Schemata gibt es schlicht keine Unterschiede, keine Menschen mit verschiedenen Hintergründen, keine Subkulturen... Alle sind französisch. Soweit die Theorie.

Die Realität sieht ein wenig anders aus. Frankreich fühlt sich bedroht. Einige sprechen von der "crise de sens" [Sinnkrise], vom Kulturverfall, von den negativen Ergebnissen der Globalisierung oder von der Risikogesellschaft, die auf die neuen komplexen Probleme keine Antwort findet. Schon lange bevor Westerwave den rhetorischen Giftkoffer öffnete (freilich in anderem Zusammenhang) spricht Frankreich von "Dekadenz", aber natürlich auch vom "Problem der Immigration" sowie von "anti-französischem Rassismus". Maßgeblich mitverantwortlich ist die rechtsextreme Front National unter Jean-Marie Le Pen (die seit den 1980er Jahren dritte politische Kraft Frankreichs ist und bei den gestrigen Regionalwahlen in der Lilloiser Region 20% holte). Le Pen ist ein wahnsinnig intelligenter Rhetoriker. Zwar nimmt ihn die Mehrheit der Franzosen als merkwürdig und gefährlich wahr, dennoch hat er es geschafft, ihr Denken nachhaltig zu verändern.

Egalität und die Werte der Republik bestimmten also das französische Selbstverständis. Ziel ist dabei die Inklusion. Meiner Meinung nach wird jedoch weniger Inklusion als Exklusion vollzogen. Eine Grenze zwischen "nous" und "eux" [wir/ihr] wird konstruiert. "Wir" wird dabei nie definiert, vielmehr ein Gefühl der kollektiven Bedrohung in Abgrenzung zu den anderen geschaffen.

Ich möchte nicht falsch verstanden und gerne hart kritisiert werden. Das beschriebene Phänomen ist ebenso verallgemeinert wie subjektiv. Auch möchte ich überhaupt nicht sagen dass "wir Deutsche" besser wären. Im Gegenteil. Durch unsere historisch bedingten Komplexe haben wir allerdings nicht dieses "deutsche Model". Aus diesem Grund kommen mir die Debatten und Probleme der Franzosen nur einfach nur so wahnsinnig français vor.