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28 mai 2015

Bahnstreik oder "Bis(s) zum Abendgrauen"

Ich geb's ja zu, die Voraussetzungen waren schwierig. Wer schon auf die verrückte Idee kommt, zur besten Feierabend-Zeit(!) vor dem Pfingst-Wochenende (!!) in den Zug nach Hamburg(!!!) zu steigen, sollte dies am besten während des GDL-Streiks tun. Alles andere wäre doch langweilig.

Die Gladiatorenkämpfe beginnen damit, die Ellenbogen auszufahren und möglichst viele Menschen davon abzuhalten, vor einem selbst den hoffnungslos überfüllten Zug zu betreten. Bewährt haben sich beispielsweise Taktiken wie das Lockern von Rollator-Bremsen im falschen Moment oder das Abdrängen von Eltern mit Kinderwagen mittels des eigenen Rollkoffers. Den Unmut der ohnehin immer gestressten Fahrgäste der Deutschen Bahn sollte man anschließend noch erhöhen, indem man beginnt, ihnen die Sinnhaftigkeit von Streiks zu erklären. "Ein Streik, der keinem weh tut, ist kein Streik", sagte ich. Vor Fassungslosigkeit blieb der ältere Herr neben mir mit offenem Mund stehen, sodass ich passieren konnte.

Freilich konnte man im einzigen Zug in einem Zeitfenster von fünf Stunden Richtung Norden keine Sitzplätze mehr reservieren. Schon bitter, dachten wir uns und machten es uns im Bordbistro bequem. Noch immer standen zahlreiche Fahrgäste auf dem Bahnsteig, mehr noch als sich ohnehin schon im Zug stapelten. Die DB-Mitarbeiterin, die draußen schnell noch zehn Zigaretten innerhalb von zwei Minuten rauchte, schüttelte entgeistert den Kopf. Zwanzig Minuten nach der regulären Abfahrtszeit plötzlich eine Durchsage "Sehr geehrte Fahrgäste: Dieser Zug wird Frankfurt nicht verlassen. Alle Fahrgäste, die keinen Sitzplatz haben, müssen bitte aussteigen. Dieser Forderung werden wir auch mithilfe der Bundespolizei nachgehen." Schon bitter, dachten wir, streckten die Füße auf den Bistro-Tisch vor uns aus und winkten den aussteigenden Fahrgästen. Überraschenderweise folgten die meisten Menschen im Zug (ohne Sitzplatz) der Aufforderung widerstandsfrei, in unserem Wagon auch ohne Einwirken der Bundespolizei - die zwar ebenso schlecht bezahlt ist wie die meisten Lokführer, aber aufgrund ihres Beamtenstatus leider nicht streiken darf.

Vierzig Minuten später verließ der Zug doch noch den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Umsteigezeit von 13 Minuten in Hannover würde uns damit wohl nicht mehr reichen. Die Stimmung im Bordbistro war trotzdem gut. Grund dafür war der direkte Draht zur DB-Zapfanlage. Gegenüber von uns saßen zwei Halbstarke auf dem Weg zur Reeper-Bahn, ein Zahnarzt aus Basel sowie ein schüchterner Typ, der seine Oma besuchte, so wie jedes Wochenende. Neben uns eine schwer verständliche Schwäbin samt Enkelin, von denen man nicht wusste, wer von beiden die lautstarke Männer-Runde mehr anhimmelte sowie drei unnahbare Mittfünfzigerinnen, denen man die Woche in Paris deutlich im Gesicht ansah. Den allgemeinen Bier-Vorsprung im Abteil mussten wir natürlich schnellstmöglich aufholen.

- Halbstarker 1: "Wir sind seit 16 Uhr unterwegs."
- Mittfünfzigerin 1: "Das ist ja gar nix. Wir sind seit 13 Uhr unterwegs."
- Zahnarzt: "Ich komm aus Basel."
- Halbstarker 2: "Wo kommt's ihr her?"
- Mittfünfziger 2: "Aus Paris."
- Halbstarker 2: "Aus Paaaaariiiis? Wieso fährt man da wieder weg. Nach Paris gibt's doch nur One-Way-Tickets."

Die Schlange zur Verkaufstheke wird länger. Mittlerweile ist die Curry-Wurst aus. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Chili con Carne. Einer der beiden Halbstarken geht zum fünften Mal seit der Räumung des besetzten Zugs zur Theke, um sich ein Bier zu holen. Er stolpert, lässt ein Glas fallen und selbiges aufkehren.


- Zahnarzt: "Meine Freundin, also mittlerweile Frau, hat mich gezwungen, Twilight zu gucken. Ich dachte immer, was ist das denn? Da fliegt einer rum und alle Frauen gehen voll drauf ab."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Zahnarzt: "Aber dann! Dann hab ich es mir mal angeschaut und das ist ja schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Und ist ja klar, dass die Frauen darauf abgehen."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Halbstarker 2: "Captain Niveau: wir sinken."

Wir stoßen an und nehmen uns vor, Pfingsten für einen Twilight-Marathon zu nutzen, falls wir nicht mehr ankommen sollten. Der Zahnarzt versucht dem Halbstarken inzwischen klar zu machen, dass dieser aussieht wie der eine Arzt von Grey's Anatomy. Dummerweise kann ihm keiner folgen, sodass das Bordbistro die nächsten 20 Minuten damit beschäftigt ist, den Namen dieses einen Arztes rauszufinden. Der Schwaben-Enkelin ist deutlich anzusehen, dass sie schon längst weiß, um wen es sich dreht.

- Zahnarzt: "Grey's Anatomy. Na der eine Arzt mit den blauen Augen."
- Halbstarker 1: "Dreamy!"
- Zahnarzt: "Neeeein! Der hat kurze Haare! ... Grey's Anatomy, kennen Sie das?"
- Mittfünfzigerin 1: "Wie? Nein."
- Zahnarzt: "Das ist so eine Arztserie! So eine Soap. Wie Lindenstraße oder Reich und Schön"
- Mittfünfzigerin 3: "Reich und schön? Das sind wir selber."
- Zahnarzt: "Aber Lindenstraße, ich hab mir das neulich mal angeschaut. Das ist schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Die spielen alle noch mit wie vor 20 Jahren. Man sieht die aufwachsen. Wie bei Big Brother."


Wieder wird neues Bier geholt. Dem schließe ich mich an, liegen wir doch hoffnungslos zurück. Mittlerweile ist das Fassbier alle. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Weizenbier. Mittlerweile sind sogar die Jungs vom Zahnarzt genervt. Twilight, der eine Arzt von Grey's Anatomy und Klausi Beimer aus der Lindenstraße scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie wenden sich dem schüchternen Jungen zu, der seine Oma besucht, wie jedes Wochenende.

- Halbstarker 1: "Wie heißt du?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Arnold?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 1: "Arni?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Haben Sie schon Arnold Schwarzenegger kennengelernt?"
- Mittfünfzigerin 1: Nur, dass er da bei euch hockt."
- Halbstarker 1: "Arnold, wo steigst du aus?"
- Schüchterner Typ: "In Hannover, mit den netten Damen"
- Halbstarker 2: "In Hannover? Mit den Königinnen? Du hast ja mehr Glück als Verstand!"

Die beiden Halbstarken versuchen die plötzlich eingetretene, peinliche Stille durch das Abspielen von elektronischer Musik zu füllen. Sogar der Zahnarzt aus Basel schweigt. Die Stimmung droht zu kippen.

- Mittfünfzigerin 1: "Kann man das mal ausmachen?"
- Halbstarker 1: "Aber wieso denn? Ist doch schöne Musik!"
- Mittfünfzigerin 2: "Ihr müsst auch mal Rücksicht nehmen auf alte Frauen"
- Halbstarker 2: "Ich wollte Sie gerade zum Tanzen auffordern."
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal. Dafür haben wir die falschen Schuhe an."
- Halbstarker 1: "16cm-Absätze? In dem Alter sollte man auf Ballerinas umsteigen."
- Halbstarker 2: "Wie, Sie wollen nicht mit mir tanzen? Nicht mal Salsa?"
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal."
- Halbstarker 1: "8cm? Die trag ich zum Frühstück."
- Halbstarker 2: "Ich mach nur den Grundschritt und eine Drehung."
- Mittfünfzigerin 3: "Vielleicht ein anderes Mal."
- Halbstarker 2: "Dann krieg ich Ihre Nummer?"

Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn. Zugfahren kann so schön sein. Danke, Herr Weselsky, für die wunderbare Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung. Dafür nimmt man dann gern einmal drei Stunden Verspätung in Kauf. Mein bisheriger Rekord liegt übrigens bei 12 Stunden. Das hatte allerdings Witterungsgründe. Ich würde mir trotzdem einen Erfolg in der Schlichtung wünschen. Denn wenn die Bahn ihre Mitarbeiter anständig bezahlt, muss sie sich wenigstens nicht mehr mit bösen Lokführern rumschlagen, sondern kann sich wieder ihren eigentlichen Feinden widmen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Schon bitter, dachten wir und freuten uns, dass uns zumindest am Pfingstwochenende der Twilight-Marathon erspart blieb.

"DR. AVERY!", rief der Zahnarzt dem Zug hinterher, nachdem er ausgestiegen war.


 

6 août 2014

"Vorsicht, fickende Elche", oder: Wie ich plötzlich jede Woche wandern ging

Damals, im Familienurlaub, stand eine Aktivität besonders hoch im Kurs: das Wandern. Über Wiesen und Felder, Berge und Wälder, Schluchten und Buchten: bevorzugt dabei die Strecken, die wir in den letzten fünf Jahren schon zwanzigmal gelaufen sind. Als das Wandern allmählich vom Fahrrad fahren abgelöst wurde, verabschiedete ich mich so langsam aus den Familienurlauben. Als Teenie werden die irgendwann einfach uncool, gar sozial verpönt bei der eigenen Peer-Group. Nun, da ich langsam stark auf die 30 zugehe, gewinnt die längst überwunden geglaubte Aktivität wieder an Bedeutung.
 
Alles fing an, als ich erfuhr, dass man in Frankfurt, in Hessen und darüber hinaus gewissermaßen dazu verpflichtet ist, am 1. Mai einen (Wander-)Ausflug zu machen. Meinen ersten 1. Mai im goldenen Westen sollte ich im Kreis Bergstraße auf der Weinlagenwanderung verbringen. Wein ließ mich hellhörig werden. An einem Feiertag wandern und Alkohol trinken. Das kannte ich doch aus dem testosterongesteuerten Osten, wo man(n) an Christi Himmelfahrt seine Männlichkeit zelebriert und dabei ganz unmännlich gern mal mit dem Kajak kentert oder einen Salto vom Fahrrad in den Straßengraben macht. Hab ich zumindest mal gehört. Die Weinlagenwanderung ist toll, nur sollte man sie auf keinen Fall am 1. Mai machen. Wenn man Glück hat, hat man an sonnenklaren Tagen sogar einen wunderschönen Ausblick auf das Atomkraftwerk Biblis. Wenn das mal keine Reise wert ist! 


 
Zum Frankfurter Pflichtprogramm gehört daneben auch der jährliche Ausflug auf den Feldberg. Hat man erst mal die knapp 45minütige Fahrt mit der "U"-Bahn Richtung Oberursel-Hohemark überstanden, von wo der Aufstieg idealerweise beginnt, wird einem schlagartig klar, dass man hier im reicheren Teil des sowieso schon gut betuchten Frankfurter Speckgürtels angekommen ist. Diese Erkenntnis wird beim erfolgten Abstieg in Richtung Königstein nochmals verstärkt, wie schon Maria und Josef schmerzlich erfahren mussten (siehe vielbeachteter Zeit-Artikel, vom 26.12.2011). Falls man den Feldberg-Ausflug trotz der raketenartig herabschießenden Mountainbiker überlebt hat, kann man im lokalen Café zwischen Säulengang und Marmorterrassen bei einem Soja-Latte Macciato und Apfelstrudel für 113,50 Euro dem kläglichen Versuch der örtlichen High Society lauschen, ihre Kinder zweisprachig aufwachsen zu lassen, also hessisch und denglisch (bzw. henglisch muss es wohl in diesem Fall heißen).

Apropos Leute mit überzogenem Selbstbewusstsein: als (Groß-)Städter meint man manchmal, die als selbstverständlich wahrgenommenen Standards müssten überall gelten. So wollten wir uns nach abgeschlossener 25km-Wanderung entlang des Rheins den kleinen Luxus erlauben, den noch anstehenden 45minütigen Aufstieg zur Jugendherberge durch eine Busfahrt zu ersetzen. Smartphone raus, alles klar: Öffi-App schickt uns mit dem Regio in den Nachbarort, von dort bringt uns der Bus auf den Berg. Bei entspannten acht Minuten Umsteigezeit dürfte ja wohl nichts schief gehen. Denkste! Am Haltestellenschild stand plötzlich "ALB". Während ich noch überlegte, welchen jugendlichen Slang ich nach YOLO und SWAG schon wieder nicht mitbekommen hatte, las ich aus den entsetzen Gesichtern meiner Wander-Selbsthilfe-Gruppe, dass es sich hierbei um einen Anruflinienbus handelte, den man - falls man auf die abwegige Idee kommen sollte, ihn benutzen zu wollen - anderthalb Stunden vorher anrufen musste. Naja, was soll's. Die Zeit, bis das Taxi kam, verbrachten wir im örtlichen Bubble-Tea-Laden und luden die aktuellen Schnappschüsse bei Instagram hoch. Und Öffi wusste es ja immerhin auch nicht besser.


Aus Fehlern lernt man, hab ich gehört. Und so bereiteten wir uns beim Nibelungensteig ungleich besser vor. Die passenden ÖPNV-Verbindungen suchten wir uns diesmal sogar einen Tag(!) vorher raus und druckten diese aus(!!). Nach dreimaligem Verlaufen inklusive Schluss-Spurt kamen wir an der finalen Bushaltestelle an. Pointe diesmal: Bus fährt nur von Montag bis Freitag. Gestrandet waren wir in einem 100-Seelen-Dorf, ohne dass wir eine dieser Seelen zu Gesicht bekamen, wir hatten keinen Handy-Empfang und es gab nicht mal einen Bubble-Tea-Laden. Die ältere Dame, die uns gefühlte drei Stunden später (die Wölfe heulten schon) für zwei Waffeln in den nächsten Ort mit einer Busverbindung zurück in die Zivilisation fuhr, hat sich sofort einen Platz in meiner Top5 der nettesten Menschen im goldenen Westen gesichert - gleich hinter der netten Seele, die mir damals einen Federweißer ausgab, als ich ihn dringend benötigte.

Fazit: Es gibt wohl kaum eine größere Herausforderung als zu wandern. Dies stößt nur leider nicht überall auf die gebührende Anerkennung. Als wir neulich am Vierwaldstädter See mit vor Stolz geschwollener Brust von unserer Wanderung auf dem "Weg der Schweiz" erzählten, meinten unsere Schweizer Mitcamper: "Das ist doch kein Wandern! Da hat's nicht mal einen Berg!" Was soll man dazu noch sagen? Die nächste Wanderung kommt bestimmt. Und sei es nur, um herauszufinden, dass Lorelei in Wirklichkeit ein Mann war, im passenden Moment in einer Felsspalte zu pupsen oder den wunderschönen Ausblick aufs ortsnahe Atomkraftwerk zu genießen.  


9 avril 2014

Dragoslav schlägt Kool and the Gang, oder: Wie ich einmal ein Pferderennen besuchte

Hier also ein weiteres Beispiel aus der Reihe "Ich geh ja jetzt stark auf die 30 zu". Tanzen gehen und die Nacht durchmachen war gestern, heute heißt es Pferderennen.

Neulich hab ich von dieser Bürgerinitiative gehört, die sich für den Erhalt der Frankfurter Pferderennbahn einsetzt. Aha, dachte ich, es gibt also eine Rennbahn in Frankfurt. Gut zu wissen. Oder? Warum auch immer Bürgerinitiativen so oft auf die abstruse Idee kommen, sich "Pro Irgendwas" zu nennen, beispielsweise wie diese rassistische Bewegung "Pro NRW", die ja letztendlich immer nur gegen etwas sind, in dem Fall also gegen Ausländer, ist freilich eine andere Frage. Zum Saisonauftakt im Jubiläumsjahr des Frankfurter Renn-Klubs e.V. durfte ich also nicht fehlen und machte mich auf den mühsamen Weg ins ferne Niederrad. 

Wie immer wenn man etwas zum ersten Mal macht, geht es entweder schief oder ist schnell vorbei. Aber lassen wir das. Völlig jungfräulich zahlten wir also den (zum Glück ermäßigten) Eintritt, bekamen ein Programmheft und irrten sodann völlig ziellos auf dem Gelände rum. Der Reiz des Pferderennens liegt natürlich nicht darin, dass ein bestimmtes Pferd, von dem man Fan ist, gewinnt, sondern jenes, auf das man gesetzt hat. Also etwas so, als würde man immer hoffen, dass der FC Bayern gewinnt, nur weil es wahrscheinlich ist. Das erste Rennen schauten wir uns als neutrale Zuschauer an und siehe da: es gewann das favorisierte Pferd. Ist ja einfach, dachten wir. 

schöne Pferde, schöne Skyline

Beim zweiten Rennen wollten wir also das große Geld machen und setzten e i n e n Euro auf das favorisierte Pferd und siehe da: es wurde nicht mal fünfter. Vielleicht sollte man sich vorher doch mal mit den Regeln beschäftigen oder damit wie man den Wettschein ausfüllt... Es gibt mehrere Wettformen mit unterschiedlichen Logiken, verriet Wikipedia. Je wahrscheinlicher die Gewinnchance, desto geringer fällt auch der erwartbare Gewinn aus. Als Anfänger trauten wir uns jedoch über die beiden Typen "Sieg" (also ein bestimmtes Pferd gewinnt) und "Platz-Zwilling" (zwei Pferde kommen unter die ersten drei Plätze) nicht hinaus. Nach einigen sieglosen Runden gewann ich doch tatsächlich bei einem Euro Einsatz 1,70€. Immerhin ein Anfang. 

Schon bald spürten wir die Sucht in uns größer werden. In fünfzig Prozent der Rennen gewann das Pferd mit der besten Quote (also Sieg wahrscheinlich, Gewinn gering). Darauf konnte man sich folglich nicht verlassen. Neben den Quoten sowie den Prognosen einzelner lokaler Zeitungen konnte man sich vor den Rennen von den Pferden selbst ein Bild machen. Im sogenannten Führring kann man sich Pferd und Reiter anschauen und muss dabei völlig überzeugende Argumente abliefern wie "Das Fell sieht gut aus!", "Auf Sand kommt er besser zurecht" oder "Guter Arsch" So taten es zumindest unsere Nebenmänner und -frauen. Oder man lässt sich einfach von den wunderbaren Namen beeinflussen, hier meine persönliche Top 5:

5. Ambizioso
4. Pleasantpathfinder
3. Earl of Heinz
2. Queenoftheprairie
1. Kool and the Gang

Und dann weißt du es auf einmal. Du sieht dieses Pferd, es sieht so elegant aus ("guter Arsch"), du verliebst dich, es kackt dir vor die Füße und du spürst: Dragoslav wird gewinnen. Du setzt alles auf Sieg (1 Euro), gehst auf die Tribüne, die Pferde galoppieren an dir vorbei, Dragoslav liegt hinten, Enttäuschung macht sich breit, doch dann: Aus. Aus. Aus. Das Rennen ist aus. Dragoslav gewinnt. Mit breiter Brust galoppierst du zum Schalter und holst dir deine 7,60€ ab (auf Dragoslav hatten nicht allzu viele Leute gesetzt).

Fazination Pferderennen. So wichtig wie die meisten Zuschauer sahen wir natürlich nicht aus. Schließlich gehen wir ja auch nicht auf den Golfplatz. Aber sei's drum, ich habe 7,60€ gewonnen. Bei siebenmaligen Einsatz von einem Euro hab ich also Gewinn gemacht. Beim nächsten Mal werden wir sicherlich viel professioneller und kaltschnäuziger rangehen und unglaublich reich werden. Hüh.

20 février 2014

"Ich glaube, ich habe die Frage nicht verstanden" oder: Wie ich einmal eine Master-Arbeit schrieb

Die Einführung des neuen Studiensystems hat viele Vor- und Nachteile. Zum Beispiel kann ich beim Schreiben meiner Master-Arbeit auf umfassende Erfahrung zurückgreifen, schließlich habe ich damals bereits eine Abschlussarbeit verfasst. Ob das jetzt ein Vor- oder Nachteil ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Die Bachelor-Arbeit war natürlich nur eine Aufwärm-Übung. Zwar saß ich auch damals lange Zeit an diesen meinen geistigen Ergüssen, über die fragt man sich allerdings aus heutiger Perspektive mitunter: "Warum eigentlich?". Naja, zumindest war sie nicht so grausig wie meine allererste Hausarbeit, in der ich frisch an der Uni mit rechtskonservativen Argumenten gegen den EU-Beitritt der Türkei plädierte. Vermutlich werde ich mir dieselbe Frage in zwei Jahren mit Blick auf meine Master-Arbeit stellen. Vorerst versuche ich jedoch noch Ordnung in meine super wichtigen, unglaublich wirren Gedanken zu bringen.

Im Gegensatz zur Aufwärm-Übung beinhaltet meine zweite Thesis einen empirischen Teil. Methodisch wird der dann untersucht mittels problemzentrierter, teil-standardisierter, leitfadengestützter (Experten-) Interviews mit narrativen Elementen. Aha. Gesundheit. Wenn man die dann geführt hat, transkribiert und auswertet, fragt man sich jedoch manchmal, ob deutsch wirklich die eigene Muttersprache ist. Hört sich oftmals nämlich nicht so an.


Beispiel 1: Aus Subjekt, Prädikat, Objekt besteht ein Satz, hab ich in der Schule gelernt. Wirklich?

- Ich: "Und wenn jetzt meinetwegen, sagen wir mal, ein Standort rationalisiert wird und aber die Mitarbeiter nicht entlassen in dem Sinne, also schon entlassen werden, aber die gleiche Anzahl an Mitarbeitern wieder an einem anderen Standort aufgenommen werden neu. Ist ja zumindest mal - vielleicht ist es ein utopischen Szenario - aber..."
- Interviewpartner: "Ich glaube, ich habe die Frage nicht verstanden."



Beispiel 2: Manchmal verstehen die Interviewten jedoch auch den größten Kauderwelsch:

- Ich: "Ist das quasi eher so, gut, hier vielleicht nicht, also so, wo quasi die Produktion gespiegelt ist, dass man ähnliche Teile herstellt oder vielleicht auch ähnliche..."
- Interviewpartner: "Das ist ein heikles Thema."           



Beispiel 3: Schwierig wird es natürlich, wenn man sich in fremden Sprachen unterhält, z.B. denglisch:

- Ich: Yes so I am also interested in company restructuring or relocation as you know. And I'm sure that relocation always causes opposition or Widerstand on the ground of course. Äh... you know what I mean... But from a European point of view does it really matter where the jobs are located? So wether they are in Poland or in Germany or in Spain and so on?   



Beispiel 4: Nur was soll man machen, wenn die Interviewpartner verwirrter sind als man selbst?   

- Ich: Wie wichtig sind Mitglieder für eine Gewerkschaft?   
- Interviewpartner: Wie wichtig ist bei Ihnen die Uni, wie wichtig ist Ihr Professor?           
- Ich: Also ich frag das deshalb, weil die deutschen Gewerkschaften immer als recht stark gelten aufgrund der Sozialpartnerschaft, aufgrund dieser institutionell zugesicherten Stellung, Tarifverhandlungen etc. Während das in anderen Ländern ja nicht so ist, und da eher wirklich die Masse der Mitglieder entscheidend ist, die dann eben...          
- Interviewpartner: [redet ohne Punkt und Komma] Hab ich Ihre Frage jetzt beantwortet oder hab ich zuweit ausgeholt?           
- Ich: Ja, also Sie haben sie insofern beantwortet, also Sie haben sie nicht so richtig beantwortet, weil Sie sozusagen nicht gesagt gesagt haben, ob...
- Interviewpartner: Achso, die erste Frage war Mitglieder genau.            
- Ich: Die war sozusagen vorangestellt, aber ja.  



Beispiel 5: Ja/Nein-Fragen sind immer heikel. Aber ein bisschen Mitarbeit ist doch zu erwarten, oder? Nein. 

- Ich: Und wenn du jetzt zum Beispiel erst nach zwei Jahren eingetreten bist, heißt das so die Mehrzahl der normalen Angestellten sind auch nicht gewerkschaftlich organisiert hier?            
- Interviewpartner: Ja.
- Ich: Und ist das ein Problem?
- Interviewpartner: Ja.



Beispiel 6: Richtig böse wird es, wenn der Interviewpartner irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und anfängt zu pöbeln:

- Interviewpartner: (...)  So als schwammige Allgemeinantwort auf eine schwammige Allgemeinfrage
- Ich: Ist doch super.
***
- Interviewpartner: Also das ist halt, die Frage unterstellt so ein bisschen, dass es vorher nicht gut funktioniert hat.
***
- Interviewpartner: Ich möchte vielleicht trotzdem nochmal eine kurze Sache dazu sagen wollen. Die letzte Frage - ist ja vielleicht schonmal durchgedrungen, also wir verhandeln ja schon mit Unternehmen. Mich hat die Frage ein bisschen stutzig gemacht, weil es so klingt, als sei da noch überhaupt gar nichts da. So darauf wollte ich nochmal kurz drauf verweisen.
- Ich: Okay, ja also ich stelle ja mit den Fragen auch nur Fragen und will gar keine Behauptungen aufstellen, vielleicht manchmal ein bisschen provozieren, aber das war auch schon alles.
- Interviewpartner: Ja, naja manchmal ist ja eine Frage so gestellt, dass man denkt, uups, implizit heißt das ja das und das.


Was soll man da noch sagen? Man bedankt sich für das erfrischende Gespräch und denkt an die alten Zeiten zurück, in denen man noch Arbeiten schreiben konnte, ohne den eigenen Elfenbeinturm zu verlassen. Aber das war ja auch irgendwie langweilig. To be continued?

11 février 2014

U-Bahn-Gespräche #4

Meine Expertise ist gefragt: ich soll einen Rucksack des Outdoor-Herstellers Reuters empfehlen. Mit der Provision melde ich mich dann im Golfclub an und schlichte Streit. In der übrigen Zeit bekämpfe ich die Vermüllung Frankfurts. Dies und vieles mehr erlebt man nur an einem Ort: in der U-Bahn. 

Seit der RMV, je nach Wochentag, mal S-Bahnen und mal U-Bahnen nur eingeschränkt fahren lässt, sind die jeweils übrigen natürlich besonders voll. Wenn man gemütlich nach Hause fahren will, nervt das natürlich. Für die Feldforschung sind das allerdings ideale Verhältnisse.

Gespräch in der U-Bahn#4 (überwiegend passiv)

- A: Die suchen aber nur ab Juni oder Juli.
- B: Da ist doch noch der Abiball.
- A: Ist doch scheißegal.
- B: Ich hab aber schon ein Kleid.
- A: Hat ja keiner gesagt, dass du auch Au-pair machen musst. Ist doch sowieso scheiße, ich hab dich nicht gebeten mitzukommen.
- B: Bist du jetzt die Besitzerin von Neuseeland oder was?
- A: Na nee.
- B: Ich will eh erst im August. Vorher noch bisschen chillen.
- A: Die suchen aber nur ab Juni oder Juli. August ist zu spät.
- B: Aber dann kann ich nicht zum Abiball.
- A: Scheiß auf den Abiball. Wir reden hier von Neuseeland. Hast du nicht der Hobbit gesehen?
- B: Was hat das damit zu tun?
- A: Der spielt in Neuseeland.

(B denkt nach, ihr Gesicht nimmt dabei Züge an, als würde Gollum ihr Abiballkleid tragen.) 

- B: Wenn wir uns bei den gleichen Familien bewerben, dann sind wir ja Konkurrenz.
- A: Du hast eh keine Chance.
- B: Was soll das denn jetzt heißen? Nur weil ich nicht wusste, dass Herr der Ringe in Neuseeland spielt?
- A: Quatsch. Ich hab mich schon bei acht Familien beworben, die Bewerbungsfrist ist fast vorbei. Ist ja auch schon Februar.
- B: Ich will aber erst im August.
- A: HALLO? DAS IST ZU SPÄT. Die suchen nur für Juni und Juli, wie oft soll ich das noch sagen?

(B scheint kurz eingeschüchtert. Ihr Blick trifft meinen, sie merkt, dass ich krampfhaft versuche, nicht zu lachen.)

- B: Finden Sie das lustig? Ich will nunmal zum Abiball.
- Ich: Kann ich verstehen.

Ich merke, ich werde alt. Sie? Ernsthaft?

- B: Und geht auch noch später?
- A: Ja, ich glaube dann wieder ein halbes Jahr später.
- B: Vielleicht kann ich ja dann dein Kind nehmen. Ich deine Nachfolgerin oder so.

(A ist kurz perplex. Sie scheint kein besonderes Interesse daran zu haben, B ihrer zukünftigen Gastfamilie zu empfehlen)

- A: Ich bleibe doch 10 Monate.
- B: Ich dachte, du wolltest noch Work&Travel machen?
- A: Das... entscheide ich dann spontan.

Ich gebe den Kampf gegen mein akutes Bedürfnis zu grinsen auf und steige aus.



18 janvier 2014

"Hände klatschen" oder: Wie ich einmal an einem Sushi-Kurs teilnahm

Ich geh ja jetzt stark auf die 30 zu und da dürfen selbstverständlich dem Alter entsprechende Wochenend-Aktivitäten nicht fehlen. Tanzen gehen und die Nacht durchmachen war gestern, heute heißt es Sushi-Kurs. 

Der Sushi-Kurs war ein Geschenk aus der Kategorie Gutschein, also diese Art von Geschenken, die einem einfällt, wenn man sonst keine Ideen hat, in der Hoffnung, dass der Beschenkte diesen sowieso nicht einlösen wird. Nein, kleiner Scherz, in diesem Fall haben sich die Schenkenden wirklich Gedanken gemacht, wussten sie doch um meine Liebe für Sushi und das gelegentliche Sushi-selbst-Zubereiten. So habe ich also im Januar 2014 den Gutschein aus dem Jahr 2012 schließlich doch noch eingelöst.

Trotzdem macht man sich im Vorfeld so seine Gedanken. Wer nimmt denn sonst an solchen Kursen teil? Sind es die gleichen Leute, die beim Aufguss in der Sauna immer die besonders witzigen Sprüche raushauen? Oder die älteren Herren, die sich im Hochsommer für den Museumsbesuch einen Schal umwerfen und darüber rätseln, in welchem Winkel der Maler den Pinsel aufgesetzt hat? Mein Tipp: Mitfünfziger Singles. Here we go! 


Vor Ort erwarteten mich dann zwei Pärchen. Eines ging gerade auf die 30 zu und hat den Kurs bestimmt in Form eines Gutscheins geschenkt bekommen. Also jene Art von Geschenken... Nennen wir sie Susi und Alex. Das andere Pärchen, Ralf und Doris, ist sonst samstags wahrscheinlich auf dem Golfplatz unterwegs. Und suuuuper entspannt. Ralf hatte sich sogar am Morgen mal nicht rasiert, wie Doris uns erzählte. Dann war da noch Sabine, richtig, Mitte 50 und Single. Und schon konnte es losgehen. 

Der sympathische Sushi-Koch führte uns in die Küche und in die Grundregeln des Sushi-Zubereitens ein. Die beiden Pärchen bildeten jeweils Teams, ich wurde allerdings - wie schon früher im Sport-Unterricht - zuletzt gewählt und durfte mit Sabine arbeiten. Bevor wir irgendwas anfassen durften, mussten wir erstmal "Hände klatschen", also die Hände befeuchten und das Wasser gut verteilen. Das wurde selbstverständlich zum Running Gag. So lernten wir verschiedene Formen von Temaki, Maki, Nigiri oder Chirashi-Sushi kennen und ich Sabines hilfreiche Kommentare schätzen, ohne die ich sicher nicht in der Lage gewesen wäre, den Reis vom Algenblatt zu unterscheiden. Nur Susi hatte ein noch größeres Problem: sie mochte keinen Fisch. Warum man dann zu einem Sushi-Kurs geht, bleibt ihr Geheimnis, aber zum Glück gab es ja noch jede Menge Gemüse-Sorten, die Eingang in die eine oder andere Sushi-Rolle finden sollten. Dumm nur, dass sie auch keine Avocado mochte und Sesam sowieso nicht. Alex war das sichtlich peinlich. Nur Ralf und Doris waren die ganze Zeit suuuper entspannt.



Drei Stunden später durften wir alle produzierten Sushi-Teilchen mit nach Hause nehmen. Sabine nahm besonders viel Wasabi mit, denn sie ist "eher so die Scharfe, nicht?" ...... Ja. Meerrettich schmeckt mir auch, antwortete ich. Um nicht missverstanden zu werden, es hat echt Spaß gemacht. Nur ist mein Sushi-Bedarf ob der drei Kilo Reis im Magen für die nächste Zeit erstmal gedeckt. Vielleicht geh ich bis dahin mit Sabine in die Sauna. Oder mit Ralf und Doris auf den Golfplatz. Oder was man sonst am Wochenende so macht.

30 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #3

Der Luxus einer Haltestelle, die sich direkt vor der Haustür befindet, ist leider vorbei. Die nächste S- und U-Bahnhaltestelle ist ganze 8-Gehminuten und 2-Fahrradminuten entfernt. Da verschätzt man sich mitunter in der Zeit.. 

Manchmal habe ich es morgens so eilig, dass nicht mal mehr Zeit für ein kurzes Frühstück bleibt. Wenn es hart auf hart kommt, verlasse ich dann das Haus, ohne etwas im Magen zu haben. Zum Glück befindet sich auf dem Weg zur Haltestelle "Helga's Schlemmerlädchen". Helga wurde wohl noch nie darüber aufgeklärt, dass die deutsche Sprache sich von der englischen durchaus unterscheidet. Und so werden meine müden Augen schon frühmorgens hart auf die Probe gestellt, ähnlich wie in "Susi's Blumenladen" oder "Olaf's Schloss- und Schlüsselmacherei". Da hat der Helga ihr Deutschlehrer aber einen schlechten Job geleistet. Da ich ihn persönlich allerdings nicht kenne, betrete ich doch ab und zu Helgas Schlemmerlädchen. 

Gespräch vor dem Betreten der U-Bahn (aktiv):

- Helga: Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?
- Ich: Ich hätte gern ein Brötchen mit Tomate/Mozarella.
- Helga: Die haben wir zur Zeit nicht. Erst wieder, wenn die Schulferien vorbei sind.
- Ich: Dann nehme ich...
- Helga: Aber wir haben jede Menge andere, mit Käse, mit Wurst, ...
- Ich: Nee, die sind mir alle zu trocken.

(Helgas Gesicht schläft ein. Ich realisiere langsam, was ich gerade gesagt habe.)

- Ich: Also das ist meine rein persönliche Meinung.
- Helga: Wir machen da immer soo viel drauf.
- Ich: Ja, also...
- Helga: Die sind wirklich nicht trocken.
- Ich: Ich nehme lieber eine Quarktasche.
- Helga: Das liegt ja jetzt auch wirklich nahe.

Ich verlasse Helgas Laden und gehe davon aus, dass sie sich beim nächsten Mal eh nicht mehr an mich erinnern wird (Nach den Ferien sollte sie mich aber mit den Worten: "Wir haben wieder Tomate-Mozarella-Brötchen im Angebot, da müssen Sie nicht immer die trockenen Brötchen essen" begrüßen) und betrete die U-Bahn. Ich setze mich auf einen Vierersitz und bekomme schon bald Gesellschaft. Die ältere Dame schaut mir zu und beobachtet, wie ich die Papiertüte, in der sich bis vor drei Minuten die Quarktasche befand, auf mein Bein lege. Dann:


Gespräch#3 in der U-Bahn (aktiv):

- Ältere Dame: Sie schmeißen die Papiertüte aber jetzt nicht wirklich auf den Boden?
- Ich: Nein... ich werde sie, sobald ich ausgestiegen bin, in einen Mülleimer entsorgen.
- Ältere Dame: Das will ich Ihnen geraten haben!
- Ich: Ich weiß aber auch nicht, warum wir darüber jetzt reden müssen?
- Ältere Dame: Mich regt die Vermüllung in Frankfurt so auf.
- Ich: Und was hab ich damit zu tun?
- Ältere Dame: Ich mein ja nur.

Die nächsten fünf Minuten schweigen wir uns eisern an. Sie beginnt drei Haltestellen, bevor sie aussteigen muss, mit den Vorbereitungen. Ich merke, dass ihr noch was auf der Zunge liegt.

- Ältere Dame: Ich wollte Sie jetzt nicht persönlich angreifen. 
- Ich: Schon gut.

Sie lächelt mir zu und ich merke, dass ich in Zukunft wirklich früher aufstehen sollte, damit die Zeit auch noch für ein Frühstück reicht.



15 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #2

Je schlechter das Wetter, desto voller werden auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Somit steigt die Gefahr, in fremde Gespräche involviert zu werden.

Wer oft Zug fährt, kennt das Phänomen: Der Deutsche bleibt lieber unter sich. In ICs und ICEs gibt es neben den zahlreichen 2er-Sitzen auch die wesentlich komfortableren 4er-Sitze. Die stehen für Beinfreiheit und haben einen wesentlich größeren und stabileren Tisch. Die Hürde für andere Bahnreisende scheint schier gigantisch zu sein, sich an einen dieser 4er-Sitze zu setzen, wenn schon eine(!) Person einen Platz belegt. Es muss sich schon um einen besonders vollen Zug handeln, in welchem alle Doppelsitze belegt sind, dass jemand auf die Idee kommt, sich dazuzugesellen. An guten Tagen sitze ich also allein und genieße Platz und Ruhe. In der U-Bahn scheint diese Hürde keiner zu kennen. So endet die Beinfreiheit und an Ruhe ist sowieso nicht zu denken. 

Eines schönen Tages sitze ich also in der U-Bahn, habe wie immer meine Kopfhörer auf und höre Musik. Bis...

Gespräch#2 in der U-Bahn (passiv):

- Frau: Ich kann es immer noch nicht fassen.
- Mann: Bitte mach kein Drama draus.
- Frau: Ich verstehe einfach nicht, warum du abgesagt hast.
- Mann: Es hat geregnet und ich hatte einfach keine Lust, nass zu werden.
- Frau: Und wieso sind die anderen dann gegangen?
- Mann: Die gehen bei jedem Wetter. Du kannst mir aber glauben, es hat von Freitag Mittag bis Sonntag Abend nur geregnet. 
- Frau: Bei mir nicht.
- Mann: Du warst ja auch nicht in Frankfurt.
- Frau: Leider Gottes, sonst hätte ich dafür gesorgt, dass du auf den Golfplatz gehst. Du kannst dich dort jetzt nicht mehr sehen lassen.
- Mann: Das ist mir sowas von egal.
- Frau: Und du hast am Telefon abgesagt?
- Mann: Ja, klar. Ich habe sogar vorgeschlagen, dass wir es verschieben, aber das wollten sie nicht.

(längere Pause)

- Frau: Was sagt denn Rita dazu?
- Mann: Die ist deiner Meinung.
- Frau: Siehst du.

(längere Pause)

- Frau: Und die haben im Regen gespielt?
- Mann: Ich hab um 9 Uhr angerufen. Das Problem ist, dass es um 11 Uhr nicht geregnet hat.
- Frau: Toll, dann hättest du ja auch gehen können.
- Mann: Das wusste ich ja noch nicht.
- Frau: Der wird jetzt Stimmung gegen dich machen im Club.
- Mann: Das ist mir sowas von egal. Der geht höchstens einmal im Monat hin.
- Frau: Aber der hat doch da eine wichtige Position, nicht?
- Mann: Ja, er ist Finanzminister.

(längere Pause)

- Frau: Wie, von Deutschland?
- Mann: Nein, vom Golfclub.
- Frau: Du kannst dich da nicht mehr blicken lassen.
- Mann: Das ist mir sowas von egal.
- Frau: Ich werd nochmal mit Rita drüber reden.
- Mann: Tu das.

(Sie verlassen die U-Bahn)

12 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #1

Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert vom gut ausgebauten, vergleichsweise preiswerten Frankfurter ÖPNV-Netz. Busse und Straßenbahnen, S- und U-Bahnen fahren schnell, in gutem Takt und die lokale Nahverkehrsgesellschaft schafft es sogar im Winter, Gleise und Oberleitungen vom Eis zu befreien! Gerade zu Beginn des Herbstes werden die Wagen jedoch wieder voller, die Gerüche intensiver und die Fahrten daher unangenehmer. Versüßt werden sie lediglich von dem einen oder anderen Gespräch, dass man zwangsweise verfolgen muss oder sogar in selbiges involviert wird.

Seit meinem Umzug fahre ich länger und öfter U-Bahn. Die neue Wohnung liegt "weiter draußen", sodass der faule Mensch an sich, sein Fahrrad mehr und mehr zu Hause stehen lässt. Da auf einem Vier-Sitzer in den neueren Wagen sogar vier Menschen Platz haben (wer die alten Wagen der U5 kennt, weiß wovon ich spreche), lauscht man zunehmend den Gesprächen der Mitfahrenden. Klar, normalerweise habe ich Kopfhörer auf und höre Musik, aber erstens soll man die ja nicht so laut aufdrehen (schlecht für die Ohren!) und zweitens bin ich schlicht und ergreifend neugierig. Je leiser die Musik, desto besser versteht man die Gespräche. Und da ich die Kopfhörer ja weiterhin trage, bekommt sogar niemand mit, dass ich weniger der Musik lausche als den vermeintlich interessanten Gesprächsinhalten der 1-3 Mit-auf-dem-Vierersitz-Sitzenden (ja, Headsets legitimieren es heute sogar, Selbstgespräche zu führen). 

Manchmal wird man auch selbst mit der Aufmerksamkeit seiner Mitfahrenden beschenkt. Ungewöhnliche Situation, bleibt doch der Deutsche an sich lieber anonym. Dabei schrecken dann nicht mal die Kopfhörer ab, die ich trage. Hallo? Ich hör doch hier wohl offensichtlich Musik! Manche Menschen kennen keine Scheu. Und so wurde ich Teil des folgenden Gesprächs: 

Gespräch#1 in der U-Bahn (aktive Beteiligung):

- Frau 1: Entschuldigung, ich habe eine Frage zu Ihrem Rucksack.
- Ich: Okay... 
- Frau 1: Der ist von Reuters, oder?
- Ich: Von Deuter.
- Frau 1: Ja, soll eine ganz gute Marke sein. (zu ihrer Begleiterin): Gabi, vielleicht solltest du doch nochmal über Reuters nachdenken. 
- Frau 2: Was hat der gekostet?
- Ich: Weiß ich nicht mehr genau, ich glaube, so 80 Euro.
- Frau 1: Und hat es sich gelohnt?
- Ich: Ja, ich bin sehr zufrieden.
- Frau 1: Und wieviel Liter hat der?
- Ich: Moment mal, das müsste hier stehen.... 26 Liter.
- Frau 1: Und reicht das aus?
- Ich: Für meine Bedürfnisse schon.
- Frau 1: Und Regenschutz hat er auch?
- Ich: Ja, hier unten.
- Frau 1: Also Gabi, ich denke, der wär was für dich.
- Frau 2: Ich informier mich nochmal.
- Frau 1: Und was transportieren Sie damit so?
- Ich: Meistens meinen Laptop und ein paar Bücher, wenn ich in die Uni-Bibliothek fahre. 
- Frau 1: Ach und zum Verreisen ist der zu klein? Gabi, dann ist der vielleicht doch nichts für dich.
- Ich: Kommt drauf an. Wenn man nur übers Wochenende wegfährt, dann reicht der schon.

(längere Pause)
 
- Frau 1: Und wieviele T-Shirts bekommen Sie da rein?
- Ich: ... keine Ahnung. 
- Frau 1: Nicht sehr viele, oder? Wenn man dann noch einen Pullover mitnehmen möchte. 
- Ich: Übers Wochenende nehm ich nicht soviel mit. 
- Frau 1: Aha. 

Gabis Freundin, Gabi und ich schwiegen uns die nächsten 2 Minuten an. An der nächsten Station stieg ich aus, wünschte den Damen einen schönen Abend und rief bei Reuters an, um mich als Verkäufer zu bewerben.

9 septembre 2013

Und sonntags grüßt die Lesebühne

Gestern ist mir etwas Merkwürdiges passiert. Eine längst vergessene Empfehlung meinerseits aus dem letzten Jahr hat die von der Realität ansonsten hermetisch abgeschottete Blogosphäre verlassen und wurde auf eben jener Bühne lobend(?) erwähnt, für die ich einst die Werbetrommel geschlagen habe: auf der Lesebühne ihres Vertrauens

Was war passiert? Wie so oft im letzten Jahr, besuchte ich auch im September 2013 die Lesebühne ihres Vertrauens, eine Veranstaltung, auf der die drei festen Mitglieder, Tilmann Birr, Severin Groebner und Elis gemeinsam mit wechselnden Gästen ihre Texte vortragen und Lieder singen. Wie letztes Jahr im September war Elis nicht dabei, was die beiden anderen jedoch nicht davon abhielt, reichlich aus Elis' Sprüchetüte zu zitieren. Irgendwann erinnerte sich Severin doch tatsächlich an meinen Blogartikel aus dem letzten Jahr, der meinen ersten Besuch der Lesebühne (September 2012) resümierte. Darin schrieb ich: 

"Jeden zweiten Sonntag im Monat veranstalten Tilman Birr, Lisa Danulat, Elis und Severin Groebner die Lesebühne im Frankfurter Ponyhof. Zwar waren diesmal nur Tilman und Severin anwesend (nach spontaner, nicht repräsentativer Umfrage soll wohl Elis besonders gut sein, da er die "Portion Wahnsinn" mit bringt), die vermeintliche Lücke füllten sie jedoch mit den zwei überragenden Gästen Andreas Weber und André Herrmann"

In Severins Kopf blieb hängen, dass ich Elis hier lobend erwähne, obwohl er, wie gestern auch, auf der September-Bühne fehlte. Severin: "Elis erhält sogar positive Kritik, wenn er nicht auf der Bühne steht". Diese Gegebenheit nehme ich doch gern zum Anlass, die Lesebühne erneut wärmstens zu empfehlen.  

Severin, Tilmann, Elis (Quelle: Lesebühne)
Nach meiner ersten Saison Lesebühne, bei der ich an fast allen zweiten Sonntagen im Monat anwesend war, halte ich mein positives Urteil aufrecht. Es fetzt! Alle drei Lesebühnen-Mitglieder machen Spaß. Severin, der Exil-Wiener, der in Bornheim wohnt (obwohl er, wie wir gestern erfahren durften, kürzlich umgezogen ist), besticht durch die Perspektive des Österreichers auf die Deutschen ("Österreicher sind im Ausland so beliebt, weil sie sowieso für Deutsche gehalten werden, wenn sie sich daneben benehmen"). Tilmanns Erlebnisse als Reiseführer in Berlin werden nur von seinen Liedern getoppt. Besonders angetan hat es mir dabei sein Lied "Burnout", aus dem ich oft selbst im Alltag zitiere: "Früher schlief ich gerne länger, jetzt bin ich Berufsanfänger". Und Elis? Nachdem ich ihn nun tatsächlich auf der Bühne erleben durfte, bestätigt sich das Urteil meiner damaligen Begleitung, die schon seit mindestens 1732 Fan der Lesebühne ist: Ja, er ist der Beste. Und ja, das liegt an der Portion Wahnsinn. 



Natürlich waren nicht alle Lesebühnen gut, es gab auch schwächere Abende: 
  • Wenn Severin ein Lied vorträgt, das noch nicht fertig ist, er also Text, aber noch keine Musik hat, dann hätte das Lied sicher auch noch bis zum Oktober warten können. Und wenn er dann ein zweites Lied singt, welches schon so alt ist, dass er Schwierigkeiten hat, sich an den Text zu erinnern, dann hat eben jene Freundin, die mich auch gestern wieder begleitete, vielleicht gar nicht mal so unrecht: "Severin und Lieder, das passt einfach nicht zusammen"
  • Wenn der gestrige Gast Anselm Neft deutlich raushängen lässt, dass er mit dem Ponyhof-Publikum eher weniger klar kommt. Meine Freundin: "Er ist halt eher so der ernste Germanist." - "Wie meinst du das?" - "Wer Gryphius zitiert, kann nur ein ernster Germanist sein" Sie meint das übrigens ausschließlich positiv.
  • Wenn Elis (in der letzten Lesebühnen-Saison, gestern war er ja nicht da) an mehreren Abenden die selben (zugegeben sehr guten) Texte vorträgt. Macht sonst nur Andy Strauß beim "Word! Poetry Slam Meets Rap"

Aber es fällt wirklich leicht, solche Schwächen zu verzeihen: Als Großstädter erfreue ich mich einfach an Liedern wie "Ich bin ein Landproll, wie immer randvoll, Goldkrone, Goldkrone". Nicht nur aufgrund seiner Auftritte vor dörflichen Kulturvereinen regt Tilmann an, hässlichen Menschen einfach mal zu sagen, dass sie scheiße aussehen. Natürlich völlig wertfrei, ist ja klar! Und als Student im 287. Semester freue ich mich ebenso über Geschichten aus dem (längst vergangenen) Uni-Alltag des zweiten Gastes Christian Ritter aus seinem Buch "Kopfhörer raus, das ist klausurrelevant". Daher fällt es mir leicht zu sagen: Ja, ich schenke der Lesebühne auch 2013/2014 mein Vertrauen. In der Hoffnung, dass der Hubschrauber endlich zur Landung ansetzt.  



24 mai 2013

Wie man in Frankfurt eine Wohnung findet, Teil 3.

Verrückt ist, wer im Oktober in Frankfurt/Main eine Wohnung sucht. So dachte ich. Wenn man hingegen bereits in FFM wohnt, wird es viel leichter sein, eine Wohnung zu finden. So dachte ich. Heute weiß ich: Verrückt ist, wer überhaupt eine Wohnung in FFM sucht. 

Okay - wir haben die Wohnung "freiwillig" gekündigt. (Wer wissen will, was freiwillig bedeutet, kann hier nachlesen). Der große Unterschied zu meiner Wohnungssuche vor anderthalb Jahren ("Der Schwächste fliegt") war, dass ich gemeinsam mit der aktuellen WG etwas finden wollte. Also quasi den Inhalt behalten und nur die Hülle ändern. Das gestaltete sich - welch Überraschung - schwerer als gedacht. 

Der Wohnungsmarkt in Frankfurt ist derart angespannt, dass der gemeine Student im Grunde keine Chance hat. Die Vermieter wählen nach Belieben ihre Mieter aus und am Ende entscheiden die harten Fakten: Money, Money, Money. Mieterselbstauskunft, die letzten drei Gehaltsnachweise, eine Bürgschaft der Eltern und der persönliche Schufa-Eintrag sind dabei Grundvoraussetzung, um überhaupt zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden.

Gern gesehen sind hingegen junge Paare, wobei der Kinderwunsch möglichst noch lange ein Wunsch bleiben sollte. Dass Pärchen sich mitunter trennen, ist dabei irrelevant, Hauptsache keine WGs und schon gar kein Studenten-Pack. 

So erlebten wir eine herbe Enttäuschung nach der anderen. Der urspüngliche Plan, zu dritt zusammenzuziehen, erwies sich schnell als Utopie, denn 3-Zimmer-Wohnungen finden sich so gut wie gar keine auf dem Markt. Doch selbst 2-Zimmer-Wohnungen erwiesen sich als schwieriges Terrain. Die typische Ochsentour: die Vormieter schauen sich verschiedene Interessenten an und schlagen dem Vermieter anschließend zwei bis drei Leute vor. Auch wir kamen mehrfach in den Recall, hatten aber keinen Erfolg. Dabei wäre es doch so einfach gewesen: 

- "Hier ist der Mietvertrag, lest ihn euch schnell durch. Ihr seid mir sympathisch, ich nehm euch auf der Stelle - unter einer Bedingung: Ihr müsst mir die Kaution jetzt sofort zahlen."
- "In bar?"
- "Ja, sonst habe ich keinerlei Sicherheit, dass ihr euch es nicht morgen wieder anders überlegt."
- "Und wie viel wäre das?"
- "1470 Euro."
- "Äh... haben wir jetzt n i c h t dabei"

Die beiden 18jährigen Mädels, die die Wohnung dann bekommen haben, kamen mit ihren Eltern im Schlepptau. Deren Kreditkarte saß ein wenig lockerer als unsere und der nächste Geldautomat war auch nicht weit entfernt. Und so hagelt es eine Absage nach der anderen. Parallel suchten wir schon WG-Zimmer, sodass jeder doch seines Weges gehen sollte - um dabei mitunter sogar in Konkurrenz um bestimmte Zimmer zu stehen.



Plötzlich wird die Zeit langsam knapp. Fünf Wochen reichen locker für die Wohnungssuche. So dachten wir. Und während einem langsam die Felle davonschwimmen, mussten wir zwangsläufig unsere Optionen erweitern. >Zwischenmiete (aber wohin mit den Möbeln?). >>Möbilierte Zimmer (aber wohin mit den Möbeln?). >>>Unmöbilierte Zimmer zur Zwischenmiete (nach einem Monat schon wieder umziehen?). >>>>Bei alten Männern einziehen, die einen als Reinigungskraft erwerben wollen (aber wohin mit dem Ekel?). Merke: Du hast zwar deine Ansprüche im Keller abgestellt, aber darfst dabei nicht die Nerven verlieren!

Dann stehst du kurz vor der Vertragsunterzeichnung für ein Zimmer, dass du nicht willst, weil es zu klein ist. Du willst die Wohnung nicht, weil die Mitbewohner*innen, die du nur teilweise kennenlernen durftest, noch nie was von Staubsaugern und  Putzmitteln gehört haben. Und du willst in dem Viertel nicht wohnen, weil du dir nicht aller zwei Wochen einen neuen Perso besorgen und deine Kreditkarte sperren möchtest. Dann aber, in just diesem Moment, erhälst du doch noch eine Zusage für ein WG-Zimmer, in dem du dir sehr gut vorstellen könntest zu wohnen. Ist das Glück oder Wahnsinn?

Eine knappe Woche war ich von der Obdachlosigkeit entfernt. Genug Zeit, um meinen Umzug zu planen. Insbesondere weil ich schon vor vier Monaten in weiser Voraussicht meinen ganzen Krempel in Kisten gepackt habe. Fünf Wochen reichen locker für die Wohnungssuche. So dachten wir. Vier Leute wohn(t)en in meiner WG. Zweieinhalb von ihnen sind versorgt. Aber noch ist ja nicht Juni.

8 mai 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 4

Jetzt also doch. Die Feuchtigkeit ist zurück. Oder vielmehr war sie nie weg.  Gehen Sie zurück auf Los und ziehen Sie keine DM 4.000,-- ein.

"Doch auch jeglich pessimistischere Schätzung ließ uns nicht erahnen, dass wir Ende März noch immer an den Nachwehen der feucht-fröhlichen Nacht zehren werden." (Teil 2) Ende März? Wenn ich jetzt in meinen nicht  vorhandenen Kalender schaue, sieht mich des Mai'ens schönstes Lächeln an. Und das Lachen ist fies. 

Was war passiert? Beim Rausreißen des halb verlegten Holzes (Teil 3) schlägt die Wünschelrute des Parkettleger aus. Er findet Wasser. Zumindest misst er Estricht, Querleisten und seine Mutter und stellt fest, dass die Wohnung noch nass ist. Die Trocknungsfirma wird zurückgerufen. Auch diese misst und stellt fest, dass die Wohnung trocken ist. "Für uns ist die Sache erledigt". Und nun wird gestritten. Bis nicht ein unabhängiger Gutachter Recht gesprochen hat, wird natürlich kein neues Holz bestellt (auch wenn das Holz diesmal nicht aus Schweden, sondern aus Österreich geliefert werden soll). Natürlich kommt der Gutachter nicht sofort und spricht Recht, sondern lässt sich Zeit, so ein bis zwei Wochen. Ist klar, schließlich müssen ja erst die Sitzplätze für die Presse ausgelost werden. Und dann nochmal.

In der Zwischenzeit liefern sich die Bewohner der Wohnung (wohnen bitte nicht im klassischen Sinne verstehen) ein heiteres Scharmützel mit dem Wohnungseigentümer, in Auszügen folgend:


- A: Bitte lüften Sie morgens und abends jeweils 10 Minuten stoß, kippen Sie die Fenster tagsüber und schließen Sie diese nachts. 
- B: Okay.
- A: Die Fenster waren heute tagsüber nicht weit offen! 
- B: Ja, wir haben Sie gekippt.
- A: Sie müssen diese den ganzen Tag weit aufmachen. Das habe ich Ihnen bereits das letzte Mal deutlich gemacht. Im Übrigen ist die Wohnung wieder nass geworden, weil Sie nicht richtig gelüftet haben. 
- B: Wir sollten auch das Risiko etwaigen Regens und Sturm beachten. Tagsüber ist keiner in der Wohnung.
- A: Öffnen Sie die Fenster tagsüber. Sonst hat das Konsequenzen. 

- A: Sie haben die Fenster heute trotz Regens weit aufgelassen. 
- B: Ja, tagsüber ist keiner in der Wohnung. Heute morgen schien die Sonne.
- A: Wir haben hier eine Ausnahmesituation. Geben Sie auf mein Eigentum acht. Sonst hat das Konsequenzen.

- A: Sie haben in letzter Zeit nicht geheizt. Das ist der Grund dafür, dass die Wohnung noch nass ist.
- B: Ja, wir hatten 20 Grad im Schatten.
- A: Bitte heizen Sie. Sonst hat das Konsequenzen. 
- B: Ooookay.

- A: Sie hatte heute die Fenster nicht weit offen.
- B: Ja, wir haben geheizt.
- A: Bitte heizen Sie bei offenem Fenster! Sonst hat das Konsequenzen.


Wenn die Fenster offen sind und so ein laues Lüftchen weht, schalten alle unmittelbar in den Wohlfühlmodus. Besonders die Tauben, die uns fortan jeden Morgen besuchen Es sind diesselben Tauben, die wir bereits vom Dachboden verscheucht hatten (Teil 1). Inzwischen kommen die Vögel allerdings nicht mehr zu Besuch. Sie werden vom Lärm der Trocknungsgeräte verscheucht, die seit des Gutachters Spruch wieder in unserer Wohnung stehen und vor sich hinsingen. Der kam nämlich tatsächlich noch. Nur die Presse kam nicht. Der Masterplan des Gutachters, mit dem die Wohnung endlich trocken werden soll, sieht wie folgt aus: 1) Die Trocknungsgeräte laufen. 2) Es wird geheizt. 3) Die Fenster sind offen. Übrigens: bis die Wohnung nicht wieder trocken ist, wird kein neues Holz bestellt. Weder aus Österreich, noch aus Schweden. Ist ja klar.

Die Wochen vergehen. Und dann sitzt du in einem netten Straßencafé, trinkst einen doppelten Espresso gegen die Müdigkeit, denn an durchschlafen ist schon lange nicht mehr zu denken. Du willst dich mit deinen Leidensgenossen beraten, wie es nun weitergehen soll. Doch die Entscheidung ist schon längst gefallen. Klappe zu, Affe tot. Warum erst jetzt nach fünf langen Monaten? Nunja - hinterher ist man immer schlauer. Trotzdem hätte es nicht so enden dürfen.


Demnächst: "Wie man in Frankfurt eine Wohnung findet, Part III." Das hatten wir doch schonmal: Part I & Part II. Hat sehr viel Spaß gemacht.




22 avril 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 3

Langsam tut es nur noch weh. Zunächst musste ich nur die Szenerie beschreiben (Teil 1), dann mit ein wenig Sarkasmus aushelfen (Teil 2). Nur jetzt fällt mir (fast) nichts mehr ein. 

Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Die Lieferzeit dieses einen bestimmten Holzes, das nur in Schweden erhältlich ist, aber so unbedingt erforderlich war, beträgt drei bis vier Wochen. So hieß es. Nach sechs Wochen ist es dann also tatsächlich da.

Es ging los. Der Parkettleger beginnt seine Arbeit mit der Ansage "Ende nächster Woche sind wir fertig. Die Zimmer und das bissl Schiss Flur geht schnell." Ende gut, alles gut? Eh... Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Von wem stammt eigentlich dieser beschissene Satz?

Nein! Das konnte unmöglich das Ende vom Lied sein. Am zweiten Tag stellt der Parkettleger fest, dass das Holz, was 6 Wochen brauchte, um 1800km zurückzulegen, unbrauchbar ist. WTF? Wieviel Pech kann man eigentlich haben? Holz darf/muss einen Wasseranteil von neun Prozent haben, wenn es verlegt werden soll. Unser Holz: 16 Prozent. Verlegt man das Holz, wird es sich bei der nächsten Hitzewelle oder beim nächsten Heizen zusammenziehen, was Fugen in Breite eines Zollstocks zur Folge hätte. Nahe liegender Verdacht: Unsere Wohnung ist bestimmt noch nass! Falsch. Boden: 1 Prozent Feuchtigkeit, Wände: 0 Prozent, Luft neun Prozent. "Das habe ich in 33 Berufsjahren noch nicht erlebt", so der Parkettleger. 

Das verlegte Holz muss also wieder raus. Ausgang offen. Un. Fass. Bar. Das ist wie, als hättest du vier Monate kein Bier getrunken, dann wird dir Ende nächster Woche ein ganzer Kasten versprochen und kurz vor Ende heißt es "Ne, sorry, das Bier ist verdorben." Wie soll man da eigentlich noch reagieren: Hysterie? Depression? Amok? Keine Sorge, das ist alles nicht mein Stil.

Fortsetzung folgt. Leider.



19 mars 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 2

Wir waren naiv. Dass die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nicht ausreichen würde, um den Albtraum vergessen zu lassen, war ja schon klar. Doch auch jeglich pessimistischere Schätzung ließ uns nicht erahnen, dass wir Ende März noch immer an den Nachwehen der feucht-fröhlichen Nacht zehren werden.

Der Parkettboden ist rausgerissen, die Tapete hat das Zeitliche gesegnet, überall hängen Kabel aus der Wand. Du sitzt in der Küche, machst die Tür hinter dir zu und alles scheint wie immer. Mal abgesehen von der Dschungelatmosphäre, die durch die ganzen Pflanzen entsteht, welche sonst in der Wohnung verteilt sind. Und abgesehen von dem Dreck, den du jedes Mal reinträgst, wenn du die Küche betrittst. 

"Wie könnt ihr hier nur wohnen?", fragen sie von außen und ahnen nicht, wie wunderschön es sich hier lebt. Schon im alten Sparta wussten sie, dass man nicht viel im Leben braucht. Du verlässt die Küche, stolperst über eine der verbliebenen Querleisten, die daran erinnern, dass die Wohnung normalerweise fünf Zentimeter höher liegt und schaust in dein Zimmer. Da stehst es: dein Bett, in dem sich - mehr noch als sonst - der Großteil der Zeit zu Hause abspielt, daneben ein Pappkarton, der als Schreibtisch dient und der Koffer, aus dem du seit Wochen lebst. 

Wieder in der Küche, willst du eine von Hundert Seiten lochen, die du im letzten halben Jahr mit mathematischen Formeln vollgeschieben hast. Dass du oftmals zu keinem sinnvoll erscheinenden Ergebnis kamst, ist weniger essentiell als die Frage: "Wo befindet sich der Locher?" Gepackt von Enthusiasmus schreitest du nach oben auf den Dachboden, wo seit Wochen all dein Hab und Gut parkt und durchsuchst die zahlreichen Kisten. Frei nach Murphys Gesetz findest du den Locher natürlich erst in der letzten aller Kisten, ganz hinten in der Ecke, neben den fünf Brettern, die mal dein Bücherregal waren. 

Endlich! Wieder in der Küche. Die Seite ist gelocht. Du fragst dich, wie lange das noch so weitergehen soll? Und: wie lange wohnst du eigentlich schon in diesem Zustand? Drei Wochen, so hieß es, muss die Wohnung ohne Boden und Tapete trocknen. Niemand hat erwähnt, dass der Parkettleger noch eine Woche braucht, um ein Angebot zu erstellen. Niemand konnte vorher wissen, dass das Angebot dann noch eine Woche Urlaub auf der Ablage der Hausverwaltung macht, natürlich mit unterster Priorität, die Hausverwaltung muss ja schließlich noch zahlreiche andere Häuser verwalten. Und wie soll man denn auch arbeiten, wenn dauernd irgendwer anruft, um sich zu erkundigen, wann das Angebot denn endlich eine Ablage weiter nach oben rutscht? Niemand hat dir erzählt, dass die Versicherung eine Woche brauchen wird, bis sie das Angebot genehmigen kann, denn der zuständige Mitarbeiter war ganz plötzlich verreist. Niemand wusste schließlich, dass wenn das Angebot dann mal genehmigt ist, das Holz für die neuen Dielen erstmal bestellt werden muss. Holz gibt es natürlich nur an einem Ort zu erwerben: bei IKEA. Ist das Holz dann bestellt, beträgt die Lieferzeit aus Schweden drei bis vier Wochen. Das konnte nun wirklich niemand ahnen. 

Du sitzt also in der Küche und merkst, wie du plötzlich nur noch in Wochen denkst. Wie lange dauert es wohl, bis die Dielen dann verlegt sind? Bestimmt eine Woche. Abgeschliffen werden müssen sie noch, so heißt es, und lackiert. Und dann  ist die Wohnung immer noch nicht tapeziert. Hm - bestimmt eine Woche. Ängstlich drängt sich dir die Frage auf, ob man Tapete erst bestellen muss und aus welchem skandinavischen Land diese dann geliefert wird. Aber das kann ja zum jetzigen Zeitpunkt nun wirklich keiner wissen. Bis dahin machst du einfach die Küchentur hinter dir zu, denn dann scheint alles wie immer zu sein. Mal abgesehen von der Dschungelatmosphäre. Und dem Dreck, den du immer reinträgst.

23 janvier 2013

Bibliothek 2.0 - Schein oder nicht Schein: Ist das noch die Frage?

Zum Studieren gehört das stundenlange Sitzen in Bibliotheken. Bücher lesen, Hausarbeiten schreiben, anstehende Klausuren vorbereiten sind einige der naheliegende Aktivitäten. Nicht so im 21. Jahrhundert.

In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich Frankfurt und Leipzig voneinander. Eine Sache haben sie jedoch mindestens gemeinsam: die Tradition als Buch- und Verlagsstadt, die alljährliche Buchmesse und die Deutsche Nationalbibliothek.

Standort Leipzig, Quelle: DNB

Aus aktuellem Anlass verbringte ich momentan viel Zeit in der Nationalbibliothek. Freilich nicht so schön, erinnert sie mich vom Ambiente jedoch ein wenig an die Albertina: ruhige, angenehme Arbeitsatmosphäre, die Besucher kommen mit klarem Ziel, alle sind sehr konzentriert und interessieren sich nur für sich selbst und sehr wenig für die Person, die einem gegenüber sitzt (nicht hunderprozentig der Wahrheit entsprechend;). Alles in allem ein sehr motivierendes Umfeld. 

Standort Frankfurt, Quelle: DNB
Auch die Leipziger Campus-Bibliothek hat ein Pendant. Auf dem neuen Uni-Campus im Frankfurter Stadtteil Westend findet sich die Bibliothek der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Hier geht es nicht darum zu lernen, zu studieren oder gar ein Buch zu lesen. Der Schein trügt - auch wenn hier jeder irgendein Script, die Vorlesungsnotizen oder den Schönfelder vor sich stehen hat. 

In erster Linie geht es hier ganz klar ums Sehen und Gesehen werden, es wird viel gelacht, laut geredet. Auch Spotted erfreut sich ansteigender Beliebtheit, 90 Prozent der Posts werden vermutlich hier verfasst. Aufgrund der anstehenden Prüfungsphase fühlen sich jede Woche mehr Menschen bemüßigt, den Schein zu wahren. Die Wege gleichen Laufstegen. Man selbst fühlt sich permanent under dressed und zunehmend fehl am Platz.

Vielleicht bin ich spießig, aber: das nervt in einer Bibliothek. Ich will hier nicht die neueste Folge von "Grey's Anatomy" verfolgen müssen (woanders eigentlich auch nicht;), nicht hören, wie Davids letzter Abend im "Gibson" verlief und auch nicht riechen, wenn die Fingernägel von gegenüber nochmal schnell nachlakiert werden. 

Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, warum das alles in einer Bibliothek geschehen muss. Ja, ich bin spießig: Ich will hier meine Ruhe. Ist das zu viel verlangt? Übrigens: Die neue Primark-Filiale auf der Zeil eröffnet am 14. Februar. Zum Valentinstag. Endlich weiß ich Bescheid. Back to work.


16 janvier 2013

Am Anfang war das Wasser, Teil 1

Tiefschlaf. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Die Tür wird aufgerissen. Du erwachst. Und in deiner Wohnung steht drei Zentimeter hoch Wasser. Kein Traum. Sondern die nackte Realität.

Kurz vor Weihnachten also ein besonderes Geschenk. Ein Wasserschaden ist so ein Ereignis aus der Kategorie „passiert-immer-nur-den-anderen-aber-garantiert-nicht-einem-selbst“. Und dann passiert er doch. Roboterartig versucht man das Richtige zu tun und ist dabei doch vollkommen überfordert. Groteske Szenerien spielen sich ab: Die Feuerwehr steht auf dem Schlauch. Die „Unter-Nachbarn“ sind im Urlaub, auch noch auf einem anderen Kontinent. Die Polizei darf die Tür aufbrechen, jedoch nur um zu schauen, ob Gefahr im Verzug ist. Dass der Laptop im Regen steht, darf vorerst keinen interessieren. Plötzlich steht ein Krankenwagen vor dem Haus. Ist der nicht mehr ganz so jungen Nachbarin vor Aufregung etwas passiert? Nein, sie ist nur ausgerutscht und hingefallen.  Alles halb so wild, „denn es ist niemand erschossen worden wie in diesem Amerika“ (Zitat, nicht mehr ganz so junge Nachbarin). Das Treppenhaus gleicht den Niagarafällen. Zwei Tauben kacken den Dachboden voll. Aber das passiert ja immer nur den anderen und garantiert nicht einem selbst. „Ihr werdet alle sterben“ (Zitat, Einsatzleiter Feuerwehr).

Und so läuft man nach drei Stunden Schlaf und heller Aufregung noch eine Weile wie ein Zombie herum. Jeder reagiert anderes auf die Situation – wobei: Geteiltes Leid ist doch halbes Leid. Stimmt das? Welche Versicherung greift hier? Sind wir überhaupt versichert? Wer hat Schuld? Dann kommen die Trockenmaschinen. Sie müssen einmal pro Tag geleert werden und machen das folgende dezente Geräusch „WWWHHHH&&&&&&&%%%%%%%“ (Zitat, Trockenmaschine). Einmal pro Tag geleert werden... War da nicht Weihnachten? Egal. Bis ins neue Jahr ist wieder alles gut.
 
„WWWHHHH&&&&&&&%%%%%%%“
. Das neue Jahr beginnt. Plötzlich gleicht das Holzparkett, das doch von allen Seiten so gelobt wird, einem mittelhohen Gebirge. „Ihr könnt ja eine Murmelbahn daraus bauen“ (Zitat, Gutachterin Versicherung). Das Parkett in der gesamten Wohnung muss raus, anschließend der Boden drei Wochen lang austrocknen. Und das geht nur, wenn sich nichts mehr in der Wohnung befindet: keine Möbel, keine „Klamoden“ (Zitat, Mitbewohnerin), keine Menschen. Unter dem Parkett kommt eine erdeähnliche Substanz zum Vorschein. Wahrscheinlich Erde. Frohes neues Jahr!

Übrigens: neu tapeziert werden muss auch. „Wir haben Spaß am zerstören" (Zitat, Bauarbeiter). Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Immerhin wird somit mal general-aufgeräumt. Und am Ende sieht es bestimmt besser aus als vorher. Mal abgesehen von der weißen Raufasertapete, welche die alte, hässliche, wunderschöne Tapete ersetzen wird. Leider verschwindet so auch der Charme des Unfertigen, der doch von allen Seiten so gelobt wird. Aber alles halb so wild, „denn es ist niemand erschossen worden wie in diesem Amerika“ (Zitat, nicht mehr ganz so junge Nachbarin)

Dann sitzt man also in dieser gar nicht so wilden Misere und sucht ein Obdach. Drei Tage raus (die optimistische Schätzung). Doch bevor man überhaupt jemanden fragen kann, hat man schon vier, fünf Schlafplätze angeboten bekommen. Frei von jeglichem Sarkasmus, frei von Verbitterung oder Humor ist das nun wirklich ein sehr gutes Gefühl! „Danke!" (Zitat, ich)


Fortsetzungen: Teil 2, Teil 3, Teil 4.


24 juillet 2012

Hipstertum trifft Schützenfest

Es geht ein Gespenst um in zahlreichen Großstädten - das Hipstertum. Berlin ist dabei wohl DIE (deutsche) Hipster-Hauptstadt. Das Label "Hipster" wird als Fremdzuschreibung meist negativ konnotiert, ob es überhaupt als Selbstzuschreibung verwendet wird, bleibt offen!? Verschiedene Stereo-Type aka Klischees sind jedoch eindeutig identifizierbar. Ein wenig Selbstironie ließ dabei die zweite Hipster-Olympiade vermuten. Ein Trugschluss? 

Der Blog Kultmucke.de veranstaltete nach 2011 nun schon zum zweiten Mal die weltweite Hipster-Olympiade:

Quelle: kultmucke.de
"Auch in diesem Jahr gibt es in Berlin Hipster, Fashion-Victims und Modekuriositäten wie Sand am Meer. Und was einst als ironischer Ausdruck des eigenen Individualismus begann, ist in vielen Berliner Innenstadtbezirken mittlerweile längst zum Breitensport geworden. Deshalb ist es wieder an der Zeit die Berliner Hipster gegeneinander antreten zu lassen und den „Hipster des Jahres 2012“ zu krönen."



In den olympischen Diziplinen Hornbrillen-Weitwurf, Mate-Kisten-Wettrennen, Hipster-Vintage-Bart-Basteln, Jutebeutel-Sackhüpfen, Skinny-Jeans-Tauziehen, Konsumprodukte-der-Preis-ist-heiß, Konfetti-Hürden-Lauf uvw. traten zwölf Teams gegeneinander an.

Mate-Kisten-Wettrennen

Die Beschreibung des Events und die geplanten "Sportarten" ließen ein sehr witziges, selbstironisches Event erwarten. Tatsächlich löste die Hipster-Olympiade mitunter das eine oder andere Schmunzeln aus. Sowohl Publikum als auch die teilnehmenden Athleten und Athletinnen würde man jedoch auf den ersten Blick größtenteils nichts als Hipster beschreiben. 


Jute-Beutel-Hüpfen festgehalten mit IPhone

Überhaupt wurde die Olympiade von den Veranstaltern und vielen Teilnehmenden viel zu ernst genommen. Wenn das Hip-Hopper-Team (ja, Hip-Hopper, nicht Hipster!) den Schiedsrichter anpöbelt, erinnert das eher an ein Fußball-Spiel zwischen dem 1. FC Lok und Dynamo Dresden. Und wenn die Moderatoren das Team "Die Dehnbaren" (sehr kreativ!), bestehend aus 12jährigen Mädels, vorstellt mit "ach ja, ab zwölf ist alles dehnbar", fühlt man sich nicht mehr wie auf einem hippen, frischen, alternativen Event, welches das Hipstertum selbstironisch auf die Schippe nimmt, sondern fühlt sich erinnert an die Bomben-Stimmung eines dieser tollen Dorffeste, auf denen der Schützenkönig zum Sieg die Weinkönigin serviert bekommt. Traurig, aber wahr.


15 mars 2012

Kairo, die Vierte: Graffiti in der politisierten Stadt

Zwar hat das ägyptische Volk erstmals in freier Wahl ein Parlament bestimmt, jedoch ist auch ein Jahr nach dem Beginn des politischen Umbruchs noch nicht alles perfekt. Die verfassungsgebende Versammlung soll ohne Frauen und Christen besetzt werden, die Wahl des Präsidenten wurde auf Juni verschoben und der Militärrat klammert sich mit aller Kraft an die Macht. Als Erfolgsgeschichte ist hingegen die zunehmende Politisierung der Menschen zu bezeichnen. Die zahlreichen Graffiti, die man überall in Kairo findet, sind vielleicht kein Beweis dafür, aber doch zumindest ein deutliches Indiz...*

 
 
 
 
  
To be continued.

*Fotos von RT, CM und DO.