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20 février 2014

"Ich glaube, ich habe die Frage nicht verstanden" oder: Wie ich einmal eine Master-Arbeit schrieb

Die Einführung des neuen Studiensystems hat viele Vor- und Nachteile. Zum Beispiel kann ich beim Schreiben meiner Master-Arbeit auf umfassende Erfahrung zurückgreifen, schließlich habe ich damals bereits eine Abschlussarbeit verfasst. Ob das jetzt ein Vor- oder Nachteil ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Die Bachelor-Arbeit war natürlich nur eine Aufwärm-Übung. Zwar saß ich auch damals lange Zeit an diesen meinen geistigen Ergüssen, über die fragt man sich allerdings aus heutiger Perspektive mitunter: "Warum eigentlich?". Naja, zumindest war sie nicht so grausig wie meine allererste Hausarbeit, in der ich frisch an der Uni mit rechtskonservativen Argumenten gegen den EU-Beitritt der Türkei plädierte. Vermutlich werde ich mir dieselbe Frage in zwei Jahren mit Blick auf meine Master-Arbeit stellen. Vorerst versuche ich jedoch noch Ordnung in meine super wichtigen, unglaublich wirren Gedanken zu bringen.

Im Gegensatz zur Aufwärm-Übung beinhaltet meine zweite Thesis einen empirischen Teil. Methodisch wird der dann untersucht mittels problemzentrierter, teil-standardisierter, leitfadengestützter (Experten-) Interviews mit narrativen Elementen. Aha. Gesundheit. Wenn man die dann geführt hat, transkribiert und auswertet, fragt man sich jedoch manchmal, ob deutsch wirklich die eigene Muttersprache ist. Hört sich oftmals nämlich nicht so an.


Beispiel 1: Aus Subjekt, Prädikat, Objekt besteht ein Satz, hab ich in der Schule gelernt. Wirklich?

- Ich: "Und wenn jetzt meinetwegen, sagen wir mal, ein Standort rationalisiert wird und aber die Mitarbeiter nicht entlassen in dem Sinne, also schon entlassen werden, aber die gleiche Anzahl an Mitarbeitern wieder an einem anderen Standort aufgenommen werden neu. Ist ja zumindest mal - vielleicht ist es ein utopischen Szenario - aber..."
- Interviewpartner: "Ich glaube, ich habe die Frage nicht verstanden."



Beispiel 2: Manchmal verstehen die Interviewten jedoch auch den größten Kauderwelsch:

- Ich: "Ist das quasi eher so, gut, hier vielleicht nicht, also so, wo quasi die Produktion gespiegelt ist, dass man ähnliche Teile herstellt oder vielleicht auch ähnliche..."
- Interviewpartner: "Das ist ein heikles Thema."           



Beispiel 3: Schwierig wird es natürlich, wenn man sich in fremden Sprachen unterhält, z.B. denglisch:

- Ich: Yes so I am also interested in company restructuring or relocation as you know. And I'm sure that relocation always causes opposition or Widerstand on the ground of course. Äh... you know what I mean... But from a European point of view does it really matter where the jobs are located? So wether they are in Poland or in Germany or in Spain and so on?   



Beispiel 4: Nur was soll man machen, wenn die Interviewpartner verwirrter sind als man selbst?   

- Ich: Wie wichtig sind Mitglieder für eine Gewerkschaft?   
- Interviewpartner: Wie wichtig ist bei Ihnen die Uni, wie wichtig ist Ihr Professor?           
- Ich: Also ich frag das deshalb, weil die deutschen Gewerkschaften immer als recht stark gelten aufgrund der Sozialpartnerschaft, aufgrund dieser institutionell zugesicherten Stellung, Tarifverhandlungen etc. Während das in anderen Ländern ja nicht so ist, und da eher wirklich die Masse der Mitglieder entscheidend ist, die dann eben...          
- Interviewpartner: [redet ohne Punkt und Komma] Hab ich Ihre Frage jetzt beantwortet oder hab ich zuweit ausgeholt?           
- Ich: Ja, also Sie haben sie insofern beantwortet, also Sie haben sie nicht so richtig beantwortet, weil Sie sozusagen nicht gesagt gesagt haben, ob...
- Interviewpartner: Achso, die erste Frage war Mitglieder genau.            
- Ich: Die war sozusagen vorangestellt, aber ja.  



Beispiel 5: Ja/Nein-Fragen sind immer heikel. Aber ein bisschen Mitarbeit ist doch zu erwarten, oder? Nein. 

- Ich: Und wenn du jetzt zum Beispiel erst nach zwei Jahren eingetreten bist, heißt das so die Mehrzahl der normalen Angestellten sind auch nicht gewerkschaftlich organisiert hier?            
- Interviewpartner: Ja.
- Ich: Und ist das ein Problem?
- Interviewpartner: Ja.



Beispiel 6: Richtig böse wird es, wenn der Interviewpartner irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und anfängt zu pöbeln:

- Interviewpartner: (...)  So als schwammige Allgemeinantwort auf eine schwammige Allgemeinfrage
- Ich: Ist doch super.
***
- Interviewpartner: Also das ist halt, die Frage unterstellt so ein bisschen, dass es vorher nicht gut funktioniert hat.
***
- Interviewpartner: Ich möchte vielleicht trotzdem nochmal eine kurze Sache dazu sagen wollen. Die letzte Frage - ist ja vielleicht schonmal durchgedrungen, also wir verhandeln ja schon mit Unternehmen. Mich hat die Frage ein bisschen stutzig gemacht, weil es so klingt, als sei da noch überhaupt gar nichts da. So darauf wollte ich nochmal kurz drauf verweisen.
- Ich: Okay, ja also ich stelle ja mit den Fragen auch nur Fragen und will gar keine Behauptungen aufstellen, vielleicht manchmal ein bisschen provozieren, aber das war auch schon alles.
- Interviewpartner: Ja, naja manchmal ist ja eine Frage so gestellt, dass man denkt, uups, implizit heißt das ja das und das.


Was soll man da noch sagen? Man bedankt sich für das erfrischende Gespräch und denkt an die alten Zeiten zurück, in denen man noch Arbeiten schreiben konnte, ohne den eigenen Elfenbeinturm zu verlassen. Aber das war ja auch irgendwie langweilig. To be continued?

23 janvier 2013

Bibliothek 2.0 - Schein oder nicht Schein: Ist das noch die Frage?

Zum Studieren gehört das stundenlange Sitzen in Bibliotheken. Bücher lesen, Hausarbeiten schreiben, anstehende Klausuren vorbereiten sind einige der naheliegende Aktivitäten. Nicht so im 21. Jahrhundert.

In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich Frankfurt und Leipzig voneinander. Eine Sache haben sie jedoch mindestens gemeinsam: die Tradition als Buch- und Verlagsstadt, die alljährliche Buchmesse und die Deutsche Nationalbibliothek.

Standort Leipzig, Quelle: DNB

Aus aktuellem Anlass verbringte ich momentan viel Zeit in der Nationalbibliothek. Freilich nicht so schön, erinnert sie mich vom Ambiente jedoch ein wenig an die Albertina: ruhige, angenehme Arbeitsatmosphäre, die Besucher kommen mit klarem Ziel, alle sind sehr konzentriert und interessieren sich nur für sich selbst und sehr wenig für die Person, die einem gegenüber sitzt (nicht hunderprozentig der Wahrheit entsprechend;). Alles in allem ein sehr motivierendes Umfeld. 

Standort Frankfurt, Quelle: DNB
Auch die Leipziger Campus-Bibliothek hat ein Pendant. Auf dem neuen Uni-Campus im Frankfurter Stadtteil Westend findet sich die Bibliothek der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Hier geht es nicht darum zu lernen, zu studieren oder gar ein Buch zu lesen. Der Schein trügt - auch wenn hier jeder irgendein Script, die Vorlesungsnotizen oder den Schönfelder vor sich stehen hat. 

In erster Linie geht es hier ganz klar ums Sehen und Gesehen werden, es wird viel gelacht, laut geredet. Auch Spotted erfreut sich ansteigender Beliebtheit, 90 Prozent der Posts werden vermutlich hier verfasst. Aufgrund der anstehenden Prüfungsphase fühlen sich jede Woche mehr Menschen bemüßigt, den Schein zu wahren. Die Wege gleichen Laufstegen. Man selbst fühlt sich permanent under dressed und zunehmend fehl am Platz.

Vielleicht bin ich spießig, aber: das nervt in einer Bibliothek. Ich will hier nicht die neueste Folge von "Grey's Anatomy" verfolgen müssen (woanders eigentlich auch nicht;), nicht hören, wie Davids letzter Abend im "Gibson" verlief und auch nicht riechen, wenn die Fingernägel von gegenüber nochmal schnell nachlakiert werden. 

Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage gefunden, warum das alles in einer Bibliothek geschehen muss. Ja, ich bin spießig: Ich will hier meine Ruhe. Ist das zu viel verlangt? Übrigens: Die neue Primark-Filiale auf der Zeil eröffnet am 14. Februar. Zum Valentinstag. Endlich weiß ich Bescheid. Back to work.


23 novembre 2011

"We can have sex with cats, but we cannot change the system"

Slavoj Žižek benutzt gern Sex-Metaphern. Überhaupt ist seine Sprache plakativ und provokativ - das macht er ganz bewusst; nicht zuletzt deshalb ist der Kapitalismuskritiker so berühmt geworden. Wenn er über Neoliberalismus als Idelogie spricht, sind seine Ausführungen jedoch nicht nur äußerst spannend, sondern auch überzeugend.

Als Žižek nach der Anmoderation der unter dem Titel "Gedankensquash" laufenden Veranstaltung den Moderator fragt, was denn Gedankensquash eigentlich sein soll, kann dieser keine wirkliche Antwort geben. Das liegt vermutlich daran, dass der Titel völlig egal ist - wer schon mal was von Žižek gehört/gelesen hat, weiß ohnehin, worüber er reden wird. Und so geht es dann auch weniger um sein jüngst auf deutsch erschienenes Buch "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert.", sondern vielmehr um seine Sicht auf den Kapitalismus, Neoliberalismus und die weltweite (Finanz-)Krise. 

Quelle
Žižek ist Philosoph, Psychoanalytiker und einer der Popstars unter den Kapitalismuskritikern. Er selbst bezeichnet sich als "altmodischen Marxisten", der sich fragt, welche marxistische Revolution heute vorstellbar sei, angesichts der Verbrechen, die im Namen des Marxismus begangen worden sind. Auffallend ist die ausgeprägte Mimik und Gestik, die er benutzt, wenn er spricht. Fast schon wirkt er ein wenig verhaltensgestört, wenn er sich ständig das Mikro (Headset) vom Kopf reißt, in seinen Bart fasst oder in seine Hände schnäuzt. Sein Sprachfehler kommt erschwerend hinzu. All das spielt aber nur am Rande eine Rolle. Am Anfang unterhält er sich mit dem Moderator auf Deutsch, der es während des gesamten Vortrages ziemlich schwer hat ("I only insulte good friends"), bevor er dann "in die Sprache des Imperialismus" wechselt, in der er sich erkennbar sicherer fühlt. 

Žižek am 22.11.2011 im Literaturhaus Frankfurt
Er beginnt seine Ausführungen mit folgender Feststellung: "the situation is catastrophic, but we don't take it seriously". Eng verbunden ist damit der Begriff des Warenfetischismus von Marx, heute sind die gesellschaften Praktiken jedoch noch schlimmer; Menschen würden etwas denken, aber anders handeln als sie denken  - oder auch so tun, als ob etwas wahr wäre, auch wenn sie wissen, dass es falsch ist. Dieses ständige Sich-in-die-Tasche-Lügen fängt klein an bei Begrüßungsritualen ("Nice to meet you" - obwohl man eigentlich gern die Straßenseite gewechselt hätte) bis hin zum kapitalistischen System. So ist der Neoliberalismus heute zur Ideologie geworden, scheinbar real existierend und entfaltet damit eine enorme Wirkungsmacht. Er durchdringe alle Lebensbereiche, drei kleine Beispiele seien hier genannt:
1. Bologna-Reform: Studierende als sich selbst vermarktende Einheiten, deren Leistungen durch überall vergleichbare Credit Points ausgedrückt werden; Bildung kein Selbstzweck.
2.  "outsource your sex life": romantisches Element geht verloren, "fall in love" wird zu "to be in love without the fall"
3.  Angekündigtes und wieder abgesagtes Referendum in Griechenland. Sofort setzt bei uns der Schock ein - wie können die Griechen nur ("this is a serious economic question, why will you ask the people?")
Heute kann man global Bewegungen beobachten, die gegen die neoliberale Logik protestieren. Ihnen wird vorgeworfen, sie wüssten nicht, was sie wollen. Žižek sieht das nicht als Problem, er kann jedoch das Herumdoktern innerhalb des "Systems", ohne das System selbst abzuschaffen, nicht nachvollziehen. Das liberal-demokratische System der Repräsentation sei nicht mehr in der Lage, bspw. den globalen Finanzsektor zu kontrollieren. Der globale Kapitalismus unterminiere die Demokratie.


Žižek zur Krise der Demokratie auf Youtube:


“In the long term [...] the capitalism did always engender a demand for freedom, democracy and so on. [...] This eternal marriage between democracy and capitalism is approaching divorce. [...] Capitalism functions perfectly without democracy.”
Es reiche also nicht, den Kapitalismus in einer neoliberalen Logik zu zähmen, sondern diese vielmehr selbst in Frage zu stellen. Denn: "the light of the end of the tunnel  is probably a train". TINA-Argumente ("there is no alternative") lehnt Žižek ab. Die Menschheit kann zum Mond fliegen, wird demnächst den Mars ansteuern, im privaten sei eben jener Sex mit Tieren vorstellbar, aber sobald nach einem besseren Gesundheitssystem gefragt wird, soll dies unmöglich sein. 

Žižek bietet keine einfache Lösung an, er will zunächst die richtigen Fragen stellen. Wer gleich Forderungen formuliert, trete selbst in das Raster normierter Institutionen ein. Hier kann man ihm den Vorwurf machen, es sich zu leicht zu machen, vielleicht widerspricht er sich hier auch selbst. Allerdings ist doch genau dieses kritische Hinterfragen vermeintlich objektivierter Tatsachen sowie der Logiken, nach denen die Welt und man selbst ganz persönlich funktioniert, der Grundstein aller Veränderungen. Und die richtigen Fragen zu stellen, ist mit Žižek höchst unterhaltsam. 

Zum Weiterlesen:
Žižek, S. (2011): "Welcome to interesting times!", in Powision, 6(1), S. 58-63.

22 février 2011

Monster, Mythos, Medium

"Wie war Hitler möglich? Wie konnten Hitler und der Nationalsozialismus, die für Krieg, Verbrechen und Völkermord verantwortlich waren, bis zum Schluss auf eine breite Akzeptanz in Deutschland bauen? Warum waren viele Deutsche bereit, ihr Handeln auf den »Führer« auszurichten und somit die NS-Diktatur aktiv zu unterstützen?" Eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums sucht nach Antworten - und das nur noch bis zum 27. Februar 2011.


Die Ausstellung ist die bislang erste, die sich explizit mit der Person Hitlers und den Beziehungen und Anziehungen Hitler/deutsche Bevölkerung auseinandersetzt. Überhaupt ist sie erst die zweite Ausstellung, die den Namen Hitlers im Titel trägt - aus Angst, die falschen Leute anzuziehen. Diese Angst blieb unbestätigt. Die Ausstellung besuchten bislang über 250.000 Menschen.

Quelle: Tagesspiegel/Foto: dpa


Quelle; Foto: dpa
Quelle; Foto: Sebastian Ahlers
Die Person Hitlers und die Faszination der Menschen zu ihm stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. In der Tat gewinnt man interessante Einblicke in Hitlers Jugend und seine Zeit als Soldat, in die Entstehung der NSDAP und das Um-sich-Scharen der späteren Führungsclique um Goebbels, Himmler, Röhm etc. Die biographische Annäherung liefert allerdings nur bedingt Erklärungen, wie die Figur "Hitler" aus seinem unscheinbaren, erfolgslosen jüngeren Ich wurde. Die Psychologie der Faszination wird versucht, über die umfangreichen Propagandainstrumentarien darzulegen - so bspw. das kollektive Sammeln fürs Winterhilfswerk, die KdF, die "Volksgemeinschaft", der Führerkult usw. Deutlich wird die ideologische Vereinnahmung der Gesellschaft v.a. durch Installationen, die die propagierte Wirklichkeit der (Opfer-)Realität gegenüberstellen. Interessant ist auch die Darstellung des Führerstaates. Im hyperbürokratischen Staatsapparat waren die Zuständigkeiten so zerfallen, dass die jeweils Verantwortlichen nur noch um die bestmögliche Ausführung des "Führerwillens" wetteiferten bzw. ihre Interpretation davon.

Quelle; Foto: Haus der Geschichte
Die Ausstellung spielt mit der Faszination, die Hitler auslöst (e) - und das bis heute. Im letzten Trakt wird die Auseinandersetzung mit Hitler nach 1945 dargelegt: So gab es fast kein Jahr, indem Hitler nicht Titelthema des Magazin SPIEGEL war. Auch zahlreiche satirische Abhandlungen werden gezeigt, wie Chaplins Film "Der große Diktator". Insgesamt bleiben die Ausgangsfragen jedoch weiterhin unbeantwortet, vielleicht werden sie uns immer ein Rätsel bleiben. Die Person Hitlers geht im Laufe der Ausstellung etwas verloren, dafür erhält man wieder mal einen guten Überblick über die NS-Geschichte. Wirklich neu ist also nichts (wie auch?) - die Ausstellung lohnt sich dennoch allemal. Bis zum 27. Februar ist sie noch geöffnet, wer sie besuchen will, sollte sich also beeilen!

Webauftritt der Ausstellung.

21 janvier 2011

Des Alten blonde Tochter

Jean Marie geht. Marine kommt. Le Pen bleibt. Der Führungswechsel bei der Front National (FN) wirft einige Fragen auf zur zukünftigen Entwicklung der FN, der politischen Landschaft Frankreichs und der Zukunft der "Grande Nation" elle-même.

Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National, die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 82jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich jüngst vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (42) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Daher könnte man die FN an einer Weggabelung vermuten: Verliert sie sich in der Bedeutungslosigkeit oder wird sie sogar noch stärker werden in Zukunft? Momentan spricht einiges für Zweiteres. Doch zunächst möchte ich die FN ein wenig charakterisieren.

(Quelle: Zeit Online)

Die FN ist zunächst eine Art Sammelbecken für alle erzkonservativen und rechtsextremen Tendenzen, ohne sich aber selbst als rechtsextrem zu bezeichnen.

« The extreme right ideology can be regarded as a developed system of ideas, whose utopian component compromises the refusal of the existing status quo. […] the ultimate goal is to change the established power relations and governing rules in contemporary society. » (Swyngedouw/Ivaldi 2001)
Dementsprechend positionniert sich die FN gegen das "System", wird zum Systemfeind. Gleichzeitig präsentiert sie sich als Alternative und wird für viele potentiell attraktiv. Verantwortlich dafür ist eine effiziente und m.E. sehr intelligente Propaganda, die über Diskurs und Symbolik funktioniert. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Der Diskurs der FN schafft es, eine spezifische Art zu kreieren, die Welt zu betrachten und Probleme zu bewerten.  Ein zentrales Element dabei ist die Schaffung von kollektiven Feindbildern, die Orientierung bieten.  Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment).

Dieses Konzept  « embrace[s] all the other parties and tends to undermine differences between them. […] The FN’s picture of French politics is predominantly one of corruption, decay and increased party privilege. » (Swyngedouw/Ivaldi 2001)
Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. Die FN setzt drei auf den ersten Blick voneinander unabhängige Themen in einer Kausalkette zusammen: Immigration - Unsicherheit - Arbeitslosigkeit.

Le Pen « politicized immigration, portraying it as the major cause of increasing mass unemployment, high taxes and welfare costs, (sub)urban crime and insecurity» (DeAngelis 2003).

Er zieht klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen". Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet  ein gemeinsames Feindbild und verbreitet sein Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre einen enormen sozialen Einfluss entwicklen. Lecoeur spricht von der "Lepenisierung der Gedanken". Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’.

(Quelle: Spiegel Online)

Was sagt das alles über die Zukunft aus? Nun, die beschriebenen Phänomene bestehen auch heute nach wie vor und das nicht nur in Frankreich. Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und Deutsche mit Migrationshintergrund geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit sowie Armut kämpfen. Die "kleinen Leute" wählen schon lange nicht mehr links, sondern Front National.

Die Ablösung Jean Maries war längst überfällig. Seinen größten Erfolg hatte er 2002, als er Jaques Chirac in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen herausforderte, ein bis dahin unvorstellbarer Vorgang. Dennoch war er für viele nicht wählbar. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie der Entdämonisierung der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch für diese Kader hat sie jüngst ihren rhetorischen Giftkoffer geöffnet: Straßengebete von Muslimen verglich sie mit der einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums" ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"). Auch diese Aussage zeugt wieder von ihrem intelligenten Diskurs. Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung aus, aber verstanden wurde sie trotzdem.


(Quelle: Spiegel Online)

Es ist schwierig zu sagen, wohin Marine Le Pen die FN und die Franzosen hinführt bzw. verführt. Sicher ist, dass ihr Einfluss größer wird. Meine Prognose: Marine Le Pen kommt bei den Präsidentschaftswahlen 2012 in die zweite Runde, indem sie Nicolas Sarkozy aussticht. Dort wird sie dem sozialistischen Kandidaten, vermutlich Strauss-Kahn, zwar haushoch unterlegen, jedoch sind potentielle 25% der Wählerstimmen eben auch 1/4 der Franzosen. Düstere Vorstellung.


Literatur

DeAngelis R., 2003: « A Rising Tide for Jean-Marie, Jörg, and Pauline? Xenophobic Populism in Comparative Perspective », Australian Journal of Politics and History, vol. 49, p. 75-92.

Lecoeur E., 2003: « Un néo-populisme à la francaise. Trente ans de Front National », Paris, La Découverte
 
Swyngedouw M./Gilles I., 2004: « The Extreme Right Utopia in Belgium and France: The Ideology of the Felmish Vlaams Blok and the French Front National », West European Politics, 2004, vol. 24, p. 1-22.
 
Der Spiegel: "Rechtsextreme wählen Le Pen zur Chefin"
 
Die Zeit: "Des Alten blonde Tochter"