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28 mai 2015

Bahnstreik oder "Bis(s) zum Abendgrauen"

Ich geb's ja zu, die Voraussetzungen waren schwierig. Wer schon auf die verrückte Idee kommt, zur besten Feierabend-Zeit(!) vor dem Pfingst-Wochenende (!!) in den Zug nach Hamburg(!!!) zu steigen, sollte dies am besten während des GDL-Streiks tun. Alles andere wäre doch langweilig.

Die Gladiatorenkämpfe beginnen damit, die Ellenbogen auszufahren und möglichst viele Menschen davon abzuhalten, vor einem selbst den hoffnungslos überfüllten Zug zu betreten. Bewährt haben sich beispielsweise Taktiken wie das Lockern von Rollator-Bremsen im falschen Moment oder das Abdrängen von Eltern mit Kinderwagen mittels des eigenen Rollkoffers. Den Unmut der ohnehin immer gestressten Fahrgäste der Deutschen Bahn sollte man anschließend noch erhöhen, indem man beginnt, ihnen die Sinnhaftigkeit von Streiks zu erklären. "Ein Streik, der keinem weh tut, ist kein Streik", sagte ich. Vor Fassungslosigkeit blieb der ältere Herr neben mir mit offenem Mund stehen, sodass ich passieren konnte.

Freilich konnte man im einzigen Zug in einem Zeitfenster von fünf Stunden Richtung Norden keine Sitzplätze mehr reservieren. Schon bitter, dachten wir uns und machten es uns im Bordbistro bequem. Noch immer standen zahlreiche Fahrgäste auf dem Bahnsteig, mehr noch als sich ohnehin schon im Zug stapelten. Die DB-Mitarbeiterin, die draußen schnell noch zehn Zigaretten innerhalb von zwei Minuten rauchte, schüttelte entgeistert den Kopf. Zwanzig Minuten nach der regulären Abfahrtszeit plötzlich eine Durchsage "Sehr geehrte Fahrgäste: Dieser Zug wird Frankfurt nicht verlassen. Alle Fahrgäste, die keinen Sitzplatz haben, müssen bitte aussteigen. Dieser Forderung werden wir auch mithilfe der Bundespolizei nachgehen." Schon bitter, dachten wir, streckten die Füße auf den Bistro-Tisch vor uns aus und winkten den aussteigenden Fahrgästen. Überraschenderweise folgten die meisten Menschen im Zug (ohne Sitzplatz) der Aufforderung widerstandsfrei, in unserem Wagon auch ohne Einwirken der Bundespolizei - die zwar ebenso schlecht bezahlt ist wie die meisten Lokführer, aber aufgrund ihres Beamtenstatus leider nicht streiken darf.

Vierzig Minuten später verließ der Zug doch noch den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Umsteigezeit von 13 Minuten in Hannover würde uns damit wohl nicht mehr reichen. Die Stimmung im Bordbistro war trotzdem gut. Grund dafür war der direkte Draht zur DB-Zapfanlage. Gegenüber von uns saßen zwei Halbstarke auf dem Weg zur Reeper-Bahn, ein Zahnarzt aus Basel sowie ein schüchterner Typ, der seine Oma besuchte, so wie jedes Wochenende. Neben uns eine schwer verständliche Schwäbin samt Enkelin, von denen man nicht wusste, wer von beiden die lautstarke Männer-Runde mehr anhimmelte sowie drei unnahbare Mittfünfzigerinnen, denen man die Woche in Paris deutlich im Gesicht ansah. Den allgemeinen Bier-Vorsprung im Abteil mussten wir natürlich schnellstmöglich aufholen.

- Halbstarker 1: "Wir sind seit 16 Uhr unterwegs."
- Mittfünfzigerin 1: "Das ist ja gar nix. Wir sind seit 13 Uhr unterwegs."
- Zahnarzt: "Ich komm aus Basel."
- Halbstarker 2: "Wo kommt's ihr her?"
- Mittfünfziger 2: "Aus Paris."
- Halbstarker 2: "Aus Paaaaariiiis? Wieso fährt man da wieder weg. Nach Paris gibt's doch nur One-Way-Tickets."

Die Schlange zur Verkaufstheke wird länger. Mittlerweile ist die Curry-Wurst aus. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Chili con Carne. Einer der beiden Halbstarken geht zum fünften Mal seit der Räumung des besetzten Zugs zur Theke, um sich ein Bier zu holen. Er stolpert, lässt ein Glas fallen und selbiges aufkehren.


- Zahnarzt: "Meine Freundin, also mittlerweile Frau, hat mich gezwungen, Twilight zu gucken. Ich dachte immer, was ist das denn? Da fliegt einer rum und alle Frauen gehen voll drauf ab."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Zahnarzt: "Aber dann! Dann hab ich es mir mal angeschaut und das ist ja schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Und ist ja klar, dass die Frauen darauf abgehen."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Halbstarker 2: "Captain Niveau: wir sinken."

Wir stoßen an und nehmen uns vor, Pfingsten für einen Twilight-Marathon zu nutzen, falls wir nicht mehr ankommen sollten. Der Zahnarzt versucht dem Halbstarken inzwischen klar zu machen, dass dieser aussieht wie der eine Arzt von Grey's Anatomy. Dummerweise kann ihm keiner folgen, sodass das Bordbistro die nächsten 20 Minuten damit beschäftigt ist, den Namen dieses einen Arztes rauszufinden. Der Schwaben-Enkelin ist deutlich anzusehen, dass sie schon längst weiß, um wen es sich dreht.

- Zahnarzt: "Grey's Anatomy. Na der eine Arzt mit den blauen Augen."
- Halbstarker 1: "Dreamy!"
- Zahnarzt: "Neeeein! Der hat kurze Haare! ... Grey's Anatomy, kennen Sie das?"
- Mittfünfzigerin 1: "Wie? Nein."
- Zahnarzt: "Das ist so eine Arztserie! So eine Soap. Wie Lindenstraße oder Reich und Schön"
- Mittfünfzigerin 3: "Reich und schön? Das sind wir selber."
- Zahnarzt: "Aber Lindenstraße, ich hab mir das neulich mal angeschaut. Das ist schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Die spielen alle noch mit wie vor 20 Jahren. Man sieht die aufwachsen. Wie bei Big Brother."


Wieder wird neues Bier geholt. Dem schließe ich mich an, liegen wir doch hoffnungslos zurück. Mittlerweile ist das Fassbier alle. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Weizenbier. Mittlerweile sind sogar die Jungs vom Zahnarzt genervt. Twilight, der eine Arzt von Grey's Anatomy und Klausi Beimer aus der Lindenstraße scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie wenden sich dem schüchternen Jungen zu, der seine Oma besucht, wie jedes Wochenende.

- Halbstarker 1: "Wie heißt du?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Arnold?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 1: "Arni?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Haben Sie schon Arnold Schwarzenegger kennengelernt?"
- Mittfünfzigerin 1: Nur, dass er da bei euch hockt."
- Halbstarker 1: "Arnold, wo steigst du aus?"
- Schüchterner Typ: "In Hannover, mit den netten Damen"
- Halbstarker 2: "In Hannover? Mit den Königinnen? Du hast ja mehr Glück als Verstand!"

Die beiden Halbstarken versuchen die plötzlich eingetretene, peinliche Stille durch das Abspielen von elektronischer Musik zu füllen. Sogar der Zahnarzt aus Basel schweigt. Die Stimmung droht zu kippen.

- Mittfünfzigerin 1: "Kann man das mal ausmachen?"
- Halbstarker 1: "Aber wieso denn? Ist doch schöne Musik!"
- Mittfünfzigerin 2: "Ihr müsst auch mal Rücksicht nehmen auf alte Frauen"
- Halbstarker 2: "Ich wollte Sie gerade zum Tanzen auffordern."
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal. Dafür haben wir die falschen Schuhe an."
- Halbstarker 1: "16cm-Absätze? In dem Alter sollte man auf Ballerinas umsteigen."
- Halbstarker 2: "Wie, Sie wollen nicht mit mir tanzen? Nicht mal Salsa?"
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal."
- Halbstarker 1: "8cm? Die trag ich zum Frühstück."
- Halbstarker 2: "Ich mach nur den Grundschritt und eine Drehung."
- Mittfünfzigerin 3: "Vielleicht ein anderes Mal."
- Halbstarker 2: "Dann krieg ich Ihre Nummer?"

Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn. Zugfahren kann so schön sein. Danke, Herr Weselsky, für die wunderbare Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung. Dafür nimmt man dann gern einmal drei Stunden Verspätung in Kauf. Mein bisheriger Rekord liegt übrigens bei 12 Stunden. Das hatte allerdings Witterungsgründe. Ich würde mir trotzdem einen Erfolg in der Schlichtung wünschen. Denn wenn die Bahn ihre Mitarbeiter anständig bezahlt, muss sie sich wenigstens nicht mehr mit bösen Lokführern rumschlagen, sondern kann sich wieder ihren eigentlichen Feinden widmen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Schon bitter, dachten wir und freuten uns, dass uns zumindest am Pfingstwochenende der Twilight-Marathon erspart blieb.

"DR. AVERY!", rief der Zahnarzt dem Zug hinterher, nachdem er ausgestiegen war.


 

12 septembre 2014

U-Bahn-Gespräche #6

Im Sommer und noch dazu mit neuem Fahrrad gibt es nur wenige Gründe, den ÖPNV zu benutzen - außer: es regnet draußen "Katzen und Hunde". Skurrile Gespräche wecken dann allerdings doch die Erinnerung, dass es in der U-Bahn mitunter ganz witzig zugehen kann.   
 

Die Sommerferien sind vorbei. Es wird wieder voller und hektischer auf den Straßen. Wenn die wandelnden Ranzen nicht gerade mit dem Helikopter zur Schule gebracht werden, verstopfen sie die eh schon hoffnungslos überfüllten U-Bahnen. Die schiere Masse sorgt nicht nur für viel zu engen Körperkontakt mit Personen, denen man sonst nicht mal im Mickey-Mouse-Kostüm die Hand schütteln würde, sondern auch für indirekte und direkte Teilnahme an fremden Gesprächen. Will man das? ... ja.  

Gespräch#6 in der U-Bahn (passiv):
 
- A: Ist die behindert oder was?
- B: Ja meine Mutter dreht auch voll am Rad.
- A: Ey, die so: "du machst schon wieder nix für die Schule. Wie letztes Jahr" ... In der ersten Woche oder was? Die spinnt doch.
- B: Als ob wir da was auf hätten.
- A: Ich hab ihr gesagt, ich streng mich dieses Jahr mehr an. Und die kackt mich gleich.
- B: In der ersten Woche oder was?
- A: Ja, als ob da irgendwas wäre.
- B: Ja, meine Mutter auch so "mach Hausaufgaben!", ich so "wir haben keine auf" und die glaubt mir nicht.
- A: In der ersten Woche ey.
- B: Die checkt das nicht.
- A: Ja, die wollt mich gestern nicht mal rauslassen. Dabei bin ich extra hoch, damit sie sieht, mit wem ich unterwegs bin.
- B: Alles wegen Schule oder was?
- A: Ja, dabei haben wir nix auf. Ist doch erste Woche.
- B: Die checkt das einfach nicht.
- A: Aber ich will mich echt mehr anstrengen dieses Jahr. Aber noch nicht erste Woche.
- B: Da haben wir doch eh nix auf.
 
(Längere Pause. Vermutlich stellen beide gerade fest, dass ein nochmaliges Wiederholen der immer selben Sätze das Gespräch nicht weiterführen würde. Andernfalls hätte ich sie darauf hingewiesen. Folgendes Ende des herzergreifenden Dialogs könnte man ihnen aber auch nicht besser in den Mund legen.)

- B: Wir müssen raus, Holzhausenstraße.
- A: Boah, kein Bock auf Schule. Ist voll viel dieses Jahr.
- B: Ich auch nicht.
 
Die Banalität des Alltags. Schön. Aber irgendwie doch lieber Fahrrad.


2 mars 2014

U-Bahn-Gespräche#5: Der Narbenvergleich (Gastbeitrag)

Vorhang auf, eine Premiere auf diesem Blog: Es folgt der erste Artikel, den ich nicht selbst geschrieben habe. Er fügt sich jedoch ganz wundervoll in die Reihe "U-Bahn-Gespräche" ein, auch wenn das Gespräch im Bus stattfand. Aber wir wollen ja nicht päpstlicher sein, als der Papst es sowieso nicht ist. Viel Spaß beim Busfahren mit Tabea. Aber immer schön vorne einsteigen! 
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Nicht nur in der U-Bahn, auch in den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln Frankfurts gibt es tolle Gespräche zu belauschen und darin bin ich ziemlich gut (und neugierig, weswegen die von meinen Erzieherinnen oft als „Rhabarber-Ohren“ beschimpften Lauscher auch immer schön in Richtung der spannendsten Geschichte ausgerichtet sind).

Kommen wir zu einer Begebenheit, die sich vor gar nicht so langer Zeit in meinem Lieblingsbus – der quasi direkt vor meiner Haustür abfährt, wofür ich sehr, sehr dankbar bin – ereignet hat. Eins vorneweg: Es geht um fragliche Essensverabredungen – und um Kaiserschnittnarben. Für die medizinischen Laien unter euch: Das sind die kleineren oder größeren vernarbten Hautregionen im Unterbauchbereich, die nach einer Kaiserschnittgeburt zurück bleiben. Bei der Mutter natürlich, nicht beim Kind.   

Folgende Situation:

Ich steige in den Bus – schön bequem in der Mitte, um den Fahrer so wenig wie möglich mit dem Gedanken zu belasten, dass er eventuell in eine der seltenen, nervenaufreibenden Situationen geraten ist, einen Fahrschein lösen zu müssen. Das setzt die Armen immer mächtig unter Stress und so selten, wie das passiert, kann ich mir nur zu gut vorstellen, dass die Nummern nicht immer gleich zur Hand sind und die Handgriffe alle nicht so gut sitzen und…. Aber na gut, das ist ein anderes Thema. 

Also: Ich steige an der mittleren Tür ein, wo auch Kinderwagen, Fahrräder und Betrunkene einsteigen (also alles, was viel Platz braucht) und quetsche mich an zwei eingeparkten Kinderwägen und den auf dem ausklappbaren Sitz geparkten Mädels vorbei in Richtung vordere Bushälfte, wo ich mich im Vierersitz niederlasse und überlege, ob die beiden jungen Mädels neben den Kinderwägen die Muttis oder die Babysitterinnen der beiden Kleinen sind. Ja, innerlich habe ich bereits die Stimme meiner Oma in meinen Gedanken gehört, die sich bei der Theorie, dass die Mädels, die etwa 14 oder 15 Jahre alt waren, die Mütter sein könnten, eine Hand vor den Mund schlägt und sagt: „So jung!“ Meine Dorfherkunft schlägt wieder durch, was soll ich tun? Ganz einfach: Ohren aufsperren. Gedacht, getan. 

Eine der beiden Mädels telefoniert.
- Mädel 1: Ja, aber es wäre total toll, wenn du den Kleinen  heute Abend nehmen könntest. …  Ja, ich kann mit meiner Mutter heute Abend mal essen gehen, das wäre toll. … Bitte! ...  Hmh. … Ach bitte, dann könnten wir essen gehen! … Ja, wann könnte ich dir den Kleinen denn vorbei bringen? … Oh, danke, super. … Ja, dann machen wir das so. Danke! … Tschüss.“ 

(offensichtlich legt sie hier auf und wendet sich an ihre Nachbarin) 

- Mädel 1: Oh, Gott sei Dank, sie nimmt ihn. Wie machen wir das also jetzt später? Am besten, ich nehme meine Sachen mit und ziehe mich dann bei dir um.
- Mädel 2: Ja, dann machen wir das so. Das klingt doch gut.
- Mädel 1: Dann ziehe ich mich erst bei dir um, okay. Oah, das wird so gut! Endlich mal wieder feiern!
Mein Gehirn arbeitet. War nicht eben noch die Rede von einem Essen mit Mutti gewesen, für das man „den Kleinen“ gerne woanders sicher aufgehoben wissen will? – Na gut, damit kann ich noch gut leben. Wenn die Umstände so sind, dass ein offensichtlich noch pubertäres Mädchen sich ihr einmaliges Feiern erschwindeln muss – naja, auch junge Muttis (dieser Verdacht war für mich mittlerweile erhärtet) brauchen ihre Kindheit. In der Zeit meiner Überlegungen ist das Gespräch offenbar fortgesetzt worden, denn als ich wieder hinhöre…

- Mädel 1: Wie ist eigentlich deine Narbe?

Ich (gedanklich): Hä?

- Mädel 1: Also vom Kaiserschnitt.

 Ich (gedanklich wieder auf der Höhe): Achso.
- Mädel 2: Naja, schau mal (man hört friemeln)…
Ich (gedanklich erstaunt kichernd): Im Ernst? Narbe auspacken im Bus? … Stark.
- Mädel 2: Ich weiß nicht, die ist irgendwie ein bisschen dick.
- Mädel 1: Meine ist toll geworden. Guck mal. (man hört friemeln)

Gedanklich im Lachflash ob des öffentlichen Narbenvergleichs am Unterbauch zweier 15-jähriger, wende ich meine Gedanken von dem offensichtlich recht intimen Gespräch ab und konzentriere mich auf eine andere Gruppe jugendlicher Mädels, die sich über ihre ersten Praktikumserfahrungen unterhielten. So unterschiedlich können Vergleiche im Bus sein…

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To be continued? Ob demnächst weitere Gespräche aus dem Bus folgen werden, wird sich zeigen. Ich würde mich freuen.

11 février 2014

U-Bahn-Gespräche #4

Meine Expertise ist gefragt: ich soll einen Rucksack des Outdoor-Herstellers Reuters empfehlen. Mit der Provision melde ich mich dann im Golfclub an und schlichte Streit. In der übrigen Zeit bekämpfe ich die Vermüllung Frankfurts. Dies und vieles mehr erlebt man nur an einem Ort: in der U-Bahn. 

Seit der RMV, je nach Wochentag, mal S-Bahnen und mal U-Bahnen nur eingeschränkt fahren lässt, sind die jeweils übrigen natürlich besonders voll. Wenn man gemütlich nach Hause fahren will, nervt das natürlich. Für die Feldforschung sind das allerdings ideale Verhältnisse.

Gespräch in der U-Bahn#4 (überwiegend passiv)

- A: Die suchen aber nur ab Juni oder Juli.
- B: Da ist doch noch der Abiball.
- A: Ist doch scheißegal.
- B: Ich hab aber schon ein Kleid.
- A: Hat ja keiner gesagt, dass du auch Au-pair machen musst. Ist doch sowieso scheiße, ich hab dich nicht gebeten mitzukommen.
- B: Bist du jetzt die Besitzerin von Neuseeland oder was?
- A: Na nee.
- B: Ich will eh erst im August. Vorher noch bisschen chillen.
- A: Die suchen aber nur ab Juni oder Juli. August ist zu spät.
- B: Aber dann kann ich nicht zum Abiball.
- A: Scheiß auf den Abiball. Wir reden hier von Neuseeland. Hast du nicht der Hobbit gesehen?
- B: Was hat das damit zu tun?
- A: Der spielt in Neuseeland.

(B denkt nach, ihr Gesicht nimmt dabei Züge an, als würde Gollum ihr Abiballkleid tragen.) 

- B: Wenn wir uns bei den gleichen Familien bewerben, dann sind wir ja Konkurrenz.
- A: Du hast eh keine Chance.
- B: Was soll das denn jetzt heißen? Nur weil ich nicht wusste, dass Herr der Ringe in Neuseeland spielt?
- A: Quatsch. Ich hab mich schon bei acht Familien beworben, die Bewerbungsfrist ist fast vorbei. Ist ja auch schon Februar.
- B: Ich will aber erst im August.
- A: HALLO? DAS IST ZU SPÄT. Die suchen nur für Juni und Juli, wie oft soll ich das noch sagen?

(B scheint kurz eingeschüchtert. Ihr Blick trifft meinen, sie merkt, dass ich krampfhaft versuche, nicht zu lachen.)

- B: Finden Sie das lustig? Ich will nunmal zum Abiball.
- Ich: Kann ich verstehen.

Ich merke, ich werde alt. Sie? Ernsthaft?

- B: Und geht auch noch später?
- A: Ja, ich glaube dann wieder ein halbes Jahr später.
- B: Vielleicht kann ich ja dann dein Kind nehmen. Ich deine Nachfolgerin oder so.

(A ist kurz perplex. Sie scheint kein besonderes Interesse daran zu haben, B ihrer zukünftigen Gastfamilie zu empfehlen)

- A: Ich bleibe doch 10 Monate.
- B: Ich dachte, du wolltest noch Work&Travel machen?
- A: Das... entscheide ich dann spontan.

Ich gebe den Kampf gegen mein akutes Bedürfnis zu grinsen auf und steige aus.



30 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #3

Der Luxus einer Haltestelle, die sich direkt vor der Haustür befindet, ist leider vorbei. Die nächste S- und U-Bahnhaltestelle ist ganze 8-Gehminuten und 2-Fahrradminuten entfernt. Da verschätzt man sich mitunter in der Zeit.. 

Manchmal habe ich es morgens so eilig, dass nicht mal mehr Zeit für ein kurzes Frühstück bleibt. Wenn es hart auf hart kommt, verlasse ich dann das Haus, ohne etwas im Magen zu haben. Zum Glück befindet sich auf dem Weg zur Haltestelle "Helga's Schlemmerlädchen". Helga wurde wohl noch nie darüber aufgeklärt, dass die deutsche Sprache sich von der englischen durchaus unterscheidet. Und so werden meine müden Augen schon frühmorgens hart auf die Probe gestellt, ähnlich wie in "Susi's Blumenladen" oder "Olaf's Schloss- und Schlüsselmacherei". Da hat der Helga ihr Deutschlehrer aber einen schlechten Job geleistet. Da ich ihn persönlich allerdings nicht kenne, betrete ich doch ab und zu Helgas Schlemmerlädchen. 

Gespräch vor dem Betreten der U-Bahn (aktiv):

- Helga: Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?
- Ich: Ich hätte gern ein Brötchen mit Tomate/Mozarella.
- Helga: Die haben wir zur Zeit nicht. Erst wieder, wenn die Schulferien vorbei sind.
- Ich: Dann nehme ich...
- Helga: Aber wir haben jede Menge andere, mit Käse, mit Wurst, ...
- Ich: Nee, die sind mir alle zu trocken.

(Helgas Gesicht schläft ein. Ich realisiere langsam, was ich gerade gesagt habe.)

- Ich: Also das ist meine rein persönliche Meinung.
- Helga: Wir machen da immer soo viel drauf.
- Ich: Ja, also...
- Helga: Die sind wirklich nicht trocken.
- Ich: Ich nehme lieber eine Quarktasche.
- Helga: Das liegt ja jetzt auch wirklich nahe.

Ich verlasse Helgas Laden und gehe davon aus, dass sie sich beim nächsten Mal eh nicht mehr an mich erinnern wird (Nach den Ferien sollte sie mich aber mit den Worten: "Wir haben wieder Tomate-Mozarella-Brötchen im Angebot, da müssen Sie nicht immer die trockenen Brötchen essen" begrüßen) und betrete die U-Bahn. Ich setze mich auf einen Vierersitz und bekomme schon bald Gesellschaft. Die ältere Dame schaut mir zu und beobachtet, wie ich die Papiertüte, in der sich bis vor drei Minuten die Quarktasche befand, auf mein Bein lege. Dann:


Gespräch#3 in der U-Bahn (aktiv):

- Ältere Dame: Sie schmeißen die Papiertüte aber jetzt nicht wirklich auf den Boden?
- Ich: Nein... ich werde sie, sobald ich ausgestiegen bin, in einen Mülleimer entsorgen.
- Ältere Dame: Das will ich Ihnen geraten haben!
- Ich: Ich weiß aber auch nicht, warum wir darüber jetzt reden müssen?
- Ältere Dame: Mich regt die Vermüllung in Frankfurt so auf.
- Ich: Und was hab ich damit zu tun?
- Ältere Dame: Ich mein ja nur.

Die nächsten fünf Minuten schweigen wir uns eisern an. Sie beginnt drei Haltestellen, bevor sie aussteigen muss, mit den Vorbereitungen. Ich merke, dass ihr noch was auf der Zunge liegt.

- Ältere Dame: Ich wollte Sie jetzt nicht persönlich angreifen. 
- Ich: Schon gut.

Sie lächelt mir zu und ich merke, dass ich in Zukunft wirklich früher aufstehen sollte, damit die Zeit auch noch für ein Frühstück reicht.



15 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #2

Je schlechter das Wetter, desto voller werden auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Somit steigt die Gefahr, in fremde Gespräche involviert zu werden.

Wer oft Zug fährt, kennt das Phänomen: Der Deutsche bleibt lieber unter sich. In ICs und ICEs gibt es neben den zahlreichen 2er-Sitzen auch die wesentlich komfortableren 4er-Sitze. Die stehen für Beinfreiheit und haben einen wesentlich größeren und stabileren Tisch. Die Hürde für andere Bahnreisende scheint schier gigantisch zu sein, sich an einen dieser 4er-Sitze zu setzen, wenn schon eine(!) Person einen Platz belegt. Es muss sich schon um einen besonders vollen Zug handeln, in welchem alle Doppelsitze belegt sind, dass jemand auf die Idee kommt, sich dazuzugesellen. An guten Tagen sitze ich also allein und genieße Platz und Ruhe. In der U-Bahn scheint diese Hürde keiner zu kennen. So endet die Beinfreiheit und an Ruhe ist sowieso nicht zu denken. 

Eines schönen Tages sitze ich also in der U-Bahn, habe wie immer meine Kopfhörer auf und höre Musik. Bis...

Gespräch#2 in der U-Bahn (passiv):

- Frau: Ich kann es immer noch nicht fassen.
- Mann: Bitte mach kein Drama draus.
- Frau: Ich verstehe einfach nicht, warum du abgesagt hast.
- Mann: Es hat geregnet und ich hatte einfach keine Lust, nass zu werden.
- Frau: Und wieso sind die anderen dann gegangen?
- Mann: Die gehen bei jedem Wetter. Du kannst mir aber glauben, es hat von Freitag Mittag bis Sonntag Abend nur geregnet. 
- Frau: Bei mir nicht.
- Mann: Du warst ja auch nicht in Frankfurt.
- Frau: Leider Gottes, sonst hätte ich dafür gesorgt, dass du auf den Golfplatz gehst. Du kannst dich dort jetzt nicht mehr sehen lassen.
- Mann: Das ist mir sowas von egal.
- Frau: Und du hast am Telefon abgesagt?
- Mann: Ja, klar. Ich habe sogar vorgeschlagen, dass wir es verschieben, aber das wollten sie nicht.

(längere Pause)

- Frau: Was sagt denn Rita dazu?
- Mann: Die ist deiner Meinung.
- Frau: Siehst du.

(längere Pause)

- Frau: Und die haben im Regen gespielt?
- Mann: Ich hab um 9 Uhr angerufen. Das Problem ist, dass es um 11 Uhr nicht geregnet hat.
- Frau: Toll, dann hättest du ja auch gehen können.
- Mann: Das wusste ich ja noch nicht.
- Frau: Der wird jetzt Stimmung gegen dich machen im Club.
- Mann: Das ist mir sowas von egal. Der geht höchstens einmal im Monat hin.
- Frau: Aber der hat doch da eine wichtige Position, nicht?
- Mann: Ja, er ist Finanzminister.

(längere Pause)

- Frau: Wie, von Deutschland?
- Mann: Nein, vom Golfclub.
- Frau: Du kannst dich da nicht mehr blicken lassen.
- Mann: Das ist mir sowas von egal.
- Frau: Ich werd nochmal mit Rita drüber reden.
- Mann: Tu das.

(Sie verlassen die U-Bahn)

12 septembre 2013

U-Bahn-Gespräche #1

Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert vom gut ausgebauten, vergleichsweise preiswerten Frankfurter ÖPNV-Netz. Busse und Straßenbahnen, S- und U-Bahnen fahren schnell, in gutem Takt und die lokale Nahverkehrsgesellschaft schafft es sogar im Winter, Gleise und Oberleitungen vom Eis zu befreien! Gerade zu Beginn des Herbstes werden die Wagen jedoch wieder voller, die Gerüche intensiver und die Fahrten daher unangenehmer. Versüßt werden sie lediglich von dem einen oder anderen Gespräch, dass man zwangsweise verfolgen muss oder sogar in selbiges involviert wird.

Seit meinem Umzug fahre ich länger und öfter U-Bahn. Die neue Wohnung liegt "weiter draußen", sodass der faule Mensch an sich, sein Fahrrad mehr und mehr zu Hause stehen lässt. Da auf einem Vier-Sitzer in den neueren Wagen sogar vier Menschen Platz haben (wer die alten Wagen der U5 kennt, weiß wovon ich spreche), lauscht man zunehmend den Gesprächen der Mitfahrenden. Klar, normalerweise habe ich Kopfhörer auf und höre Musik, aber erstens soll man die ja nicht so laut aufdrehen (schlecht für die Ohren!) und zweitens bin ich schlicht und ergreifend neugierig. Je leiser die Musik, desto besser versteht man die Gespräche. Und da ich die Kopfhörer ja weiterhin trage, bekommt sogar niemand mit, dass ich weniger der Musik lausche als den vermeintlich interessanten Gesprächsinhalten der 1-3 Mit-auf-dem-Vierersitz-Sitzenden (ja, Headsets legitimieren es heute sogar, Selbstgespräche zu führen). 

Manchmal wird man auch selbst mit der Aufmerksamkeit seiner Mitfahrenden beschenkt. Ungewöhnliche Situation, bleibt doch der Deutsche an sich lieber anonym. Dabei schrecken dann nicht mal die Kopfhörer ab, die ich trage. Hallo? Ich hör doch hier wohl offensichtlich Musik! Manche Menschen kennen keine Scheu. Und so wurde ich Teil des folgenden Gesprächs: 

Gespräch#1 in der U-Bahn (aktive Beteiligung):

- Frau 1: Entschuldigung, ich habe eine Frage zu Ihrem Rucksack.
- Ich: Okay... 
- Frau 1: Der ist von Reuters, oder?
- Ich: Von Deuter.
- Frau 1: Ja, soll eine ganz gute Marke sein. (zu ihrer Begleiterin): Gabi, vielleicht solltest du doch nochmal über Reuters nachdenken. 
- Frau 2: Was hat der gekostet?
- Ich: Weiß ich nicht mehr genau, ich glaube, so 80 Euro.
- Frau 1: Und hat es sich gelohnt?
- Ich: Ja, ich bin sehr zufrieden.
- Frau 1: Und wieviel Liter hat der?
- Ich: Moment mal, das müsste hier stehen.... 26 Liter.
- Frau 1: Und reicht das aus?
- Ich: Für meine Bedürfnisse schon.
- Frau 1: Und Regenschutz hat er auch?
- Ich: Ja, hier unten.
- Frau 1: Also Gabi, ich denke, der wär was für dich.
- Frau 2: Ich informier mich nochmal.
- Frau 1: Und was transportieren Sie damit so?
- Ich: Meistens meinen Laptop und ein paar Bücher, wenn ich in die Uni-Bibliothek fahre. 
- Frau 1: Ach und zum Verreisen ist der zu klein? Gabi, dann ist der vielleicht doch nichts für dich.
- Ich: Kommt drauf an. Wenn man nur übers Wochenende wegfährt, dann reicht der schon.

(längere Pause)
 
- Frau 1: Und wieviele T-Shirts bekommen Sie da rein?
- Ich: ... keine Ahnung. 
- Frau 1: Nicht sehr viele, oder? Wenn man dann noch einen Pullover mitnehmen möchte. 
- Ich: Übers Wochenende nehm ich nicht soviel mit. 
- Frau 1: Aha. 

Gabis Freundin, Gabi und ich schwiegen uns die nächsten 2 Minuten an. An der nächsten Station stieg ich aus, wünschte den Damen einen schönen Abend und rief bei Reuters an, um mich als Verkäufer zu bewerben.