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28 mai 2015

Bahnstreik oder "Bis(s) zum Abendgrauen"

Ich geb's ja zu, die Voraussetzungen waren schwierig. Wer schon auf die verrückte Idee kommt, zur besten Feierabend-Zeit(!) vor dem Pfingst-Wochenende (!!) in den Zug nach Hamburg(!!!) zu steigen, sollte dies am besten während des GDL-Streiks tun. Alles andere wäre doch langweilig.

Die Gladiatorenkämpfe beginnen damit, die Ellenbogen auszufahren und möglichst viele Menschen davon abzuhalten, vor einem selbst den hoffnungslos überfüllten Zug zu betreten. Bewährt haben sich beispielsweise Taktiken wie das Lockern von Rollator-Bremsen im falschen Moment oder das Abdrängen von Eltern mit Kinderwagen mittels des eigenen Rollkoffers. Den Unmut der ohnehin immer gestressten Fahrgäste der Deutschen Bahn sollte man anschließend noch erhöhen, indem man beginnt, ihnen die Sinnhaftigkeit von Streiks zu erklären. "Ein Streik, der keinem weh tut, ist kein Streik", sagte ich. Vor Fassungslosigkeit blieb der ältere Herr neben mir mit offenem Mund stehen, sodass ich passieren konnte.

Freilich konnte man im einzigen Zug in einem Zeitfenster von fünf Stunden Richtung Norden keine Sitzplätze mehr reservieren. Schon bitter, dachten wir uns und machten es uns im Bordbistro bequem. Noch immer standen zahlreiche Fahrgäste auf dem Bahnsteig, mehr noch als sich ohnehin schon im Zug stapelten. Die DB-Mitarbeiterin, die draußen schnell noch zehn Zigaretten innerhalb von zwei Minuten rauchte, schüttelte entgeistert den Kopf. Zwanzig Minuten nach der regulären Abfahrtszeit plötzlich eine Durchsage "Sehr geehrte Fahrgäste: Dieser Zug wird Frankfurt nicht verlassen. Alle Fahrgäste, die keinen Sitzplatz haben, müssen bitte aussteigen. Dieser Forderung werden wir auch mithilfe der Bundespolizei nachgehen." Schon bitter, dachten wir, streckten die Füße auf den Bistro-Tisch vor uns aus und winkten den aussteigenden Fahrgästen. Überraschenderweise folgten die meisten Menschen im Zug (ohne Sitzplatz) der Aufforderung widerstandsfrei, in unserem Wagon auch ohne Einwirken der Bundespolizei - die zwar ebenso schlecht bezahlt ist wie die meisten Lokführer, aber aufgrund ihres Beamtenstatus leider nicht streiken darf.

Vierzig Minuten später verließ der Zug doch noch den Frankfurter Hauptbahnhof. Die Umsteigezeit von 13 Minuten in Hannover würde uns damit wohl nicht mehr reichen. Die Stimmung im Bordbistro war trotzdem gut. Grund dafür war der direkte Draht zur DB-Zapfanlage. Gegenüber von uns saßen zwei Halbstarke auf dem Weg zur Reeper-Bahn, ein Zahnarzt aus Basel sowie ein schüchterner Typ, der seine Oma besuchte, so wie jedes Wochenende. Neben uns eine schwer verständliche Schwäbin samt Enkelin, von denen man nicht wusste, wer von beiden die lautstarke Männer-Runde mehr anhimmelte sowie drei unnahbare Mittfünfzigerinnen, denen man die Woche in Paris deutlich im Gesicht ansah. Den allgemeinen Bier-Vorsprung im Abteil mussten wir natürlich schnellstmöglich aufholen.

- Halbstarker 1: "Wir sind seit 16 Uhr unterwegs."
- Mittfünfzigerin 1: "Das ist ja gar nix. Wir sind seit 13 Uhr unterwegs."
- Zahnarzt: "Ich komm aus Basel."
- Halbstarker 2: "Wo kommt's ihr her?"
- Mittfünfziger 2: "Aus Paris."
- Halbstarker 2: "Aus Paaaaariiiis? Wieso fährt man da wieder weg. Nach Paris gibt's doch nur One-Way-Tickets."

Die Schlange zur Verkaufstheke wird länger. Mittlerweile ist die Curry-Wurst aus. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Chili con Carne. Einer der beiden Halbstarken geht zum fünften Mal seit der Räumung des besetzten Zugs zur Theke, um sich ein Bier zu holen. Er stolpert, lässt ein Glas fallen und selbiges aufkehren.


- Zahnarzt: "Meine Freundin, also mittlerweile Frau, hat mich gezwungen, Twilight zu gucken. Ich dachte immer, was ist das denn? Da fliegt einer rum und alle Frauen gehen voll drauf ab."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Zahnarzt: "Aber dann! Dann hab ich es mir mal angeschaut und das ist ja schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Und ist ja klar, dass die Frauen darauf abgehen."
- Halbstarker 1: "Die werden feucht."
- Halbstarker 2: "Captain Niveau: wir sinken."

Wir stoßen an und nehmen uns vor, Pfingsten für einen Twilight-Marathon zu nutzen, falls wir nicht mehr ankommen sollten. Der Zahnarzt versucht dem Halbstarken inzwischen klar zu machen, dass dieser aussieht wie der eine Arzt von Grey's Anatomy. Dummerweise kann ihm keiner folgen, sodass das Bordbistro die nächsten 20 Minuten damit beschäftigt ist, den Namen dieses einen Arztes rauszufinden. Der Schwaben-Enkelin ist deutlich anzusehen, dass sie schon längst weiß, um wen es sich dreht.

- Zahnarzt: "Grey's Anatomy. Na der eine Arzt mit den blauen Augen."
- Halbstarker 1: "Dreamy!"
- Zahnarzt: "Neeeein! Der hat kurze Haare! ... Grey's Anatomy, kennen Sie das?"
- Mittfünfzigerin 1: "Wie? Nein."
- Zahnarzt: "Das ist so eine Arztserie! So eine Soap. Wie Lindenstraße oder Reich und Schön"
- Mittfünfzigerin 3: "Reich und schön? Das sind wir selber."
- Zahnarzt: "Aber Lindenstraße, ich hab mir das neulich mal angeschaut. Das ist schon eine sehr gute Geschichte, die da erzählt wird. Die spielen alle noch mit wie vor 20 Jahren. Man sieht die aufwachsen. Wie bei Big Brother."


Wieder wird neues Bier geholt. Dem schließe ich mich an, liegen wir doch hoffnungslos zurück. Mittlerweile ist das Fassbier alle. Die Stimmung droht zu kippen. Zum Glück gibt's noch Weizenbier. Mittlerweile sind sogar die Jungs vom Zahnarzt genervt. Twilight, der eine Arzt von Grey's Anatomy und Klausi Beimer aus der Lindenstraße scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Sie wenden sich dem schüchternen Jungen zu, der seine Oma besucht, wie jedes Wochenende.

- Halbstarker 1: "Wie heißt du?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Arnold?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 1: "Arni?"
- Schüchterner Typ: "Arne."
- Halbstarker 2: "Haben Sie schon Arnold Schwarzenegger kennengelernt?"
- Mittfünfzigerin 1: Nur, dass er da bei euch hockt."
- Halbstarker 1: "Arnold, wo steigst du aus?"
- Schüchterner Typ: "In Hannover, mit den netten Damen"
- Halbstarker 2: "In Hannover? Mit den Königinnen? Du hast ja mehr Glück als Verstand!"

Die beiden Halbstarken versuchen die plötzlich eingetretene, peinliche Stille durch das Abspielen von elektronischer Musik zu füllen. Sogar der Zahnarzt aus Basel schweigt. Die Stimmung droht zu kippen.

- Mittfünfzigerin 1: "Kann man das mal ausmachen?"
- Halbstarker 1: "Aber wieso denn? Ist doch schöne Musik!"
- Mittfünfzigerin 2: "Ihr müsst auch mal Rücksicht nehmen auf alte Frauen"
- Halbstarker 2: "Ich wollte Sie gerade zum Tanzen auffordern."
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal. Dafür haben wir die falschen Schuhe an."
- Halbstarker 1: "16cm-Absätze? In dem Alter sollte man auf Ballerinas umsteigen."
- Halbstarker 2: "Wie, Sie wollen nicht mit mir tanzen? Nicht mal Salsa?"
- Mittfünfzigerin 2: "Ne, lass mal."
- Halbstarker 1: "8cm? Die trag ich zum Frühstück."
- Halbstarker 2: "Ich mach nur den Grundschritt und eine Drehung."
- Mittfünfzigerin 3: "Vielleicht ein anderes Mal."
- Halbstarker 2: "Dann krieg ich Ihre Nummer?"

Senk ju vor träwelling wis Deutsche Bahn. Zugfahren kann so schön sein. Danke, Herr Weselsky, für die wunderbare Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung. Dafür nimmt man dann gern einmal drei Stunden Verspätung in Kauf. Mein bisheriger Rekord liegt übrigens bei 12 Stunden. Das hatte allerdings Witterungsgründe. Ich würde mir trotzdem einen Erfolg in der Schlichtung wünschen. Denn wenn die Bahn ihre Mitarbeiter anständig bezahlt, muss sie sich wenigstens nicht mehr mit bösen Lokführern rumschlagen, sondern kann sich wieder ihren eigentlichen Feinden widmen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Schon bitter, dachten wir und freuten uns, dass uns zumindest am Pfingstwochenende der Twilight-Marathon erspart blieb.

"DR. AVERY!", rief der Zahnarzt dem Zug hinterher, nachdem er ausgestiegen war.


 

30 octobre 2013

Armes Hypezig: Von Moschee-Bau und Rassismus

Den Hype um Leipzig fand ich immer schon irgendwie merkwürdig. Wenn mich Nicht-Leipziger auf die neuen Hipster-Stadt ansprechen, weiß ich immer gar nicht, was ich antworten soll. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Debatte über den Moschee-Bau in Gohlis.

So gut kann es um den Freiraum und die Toleranz in Hypezig nicht bestellt sein, wenn eine Bürgerinitiative in Gohlis rassistische Vorurteile spielen lässt, nur weil eine muslimische Religionsgemeinschaft durch den Bau einer Moschee die Langeweile der Georg-Schumann-Straße etwas aufbrechen will. Die Argumente, die sich auf das architektonische Erscheinungsbild beziehen, scheinen dabei noch die harmloseren zu sein. Im Gegensatz zum Neubau der katholischen Kirche am Wilhelm-Leuschner-Platz oder der protestantischen Kirche im Rahmen des Universitätsneubaus (ist die eigentlich endlich mal fertig?) ist die geplante Moschee vergleichsweise klein und alles andere als ein Protzbau. 

Die Ahmadiyya-Moschee aus Richtung Süd-Ost. Im Hintergrund das höhere Nachbargebäude. (Foto: Stadt Leipzig)
Weitaus schlimmer sind die offen ausländer- und migrantenfeindlichen Argumente aus einer kruden "Überfremdungsangst" heraus oder aus der Angst vor einer "migrantischen Infrastruktur". So hat sich nach Bekanntmachung der Pläne eine (bislang anonyme) Bürgerinitiative gegründet, die den Moscheebau verhindern will und dafür die Online-Petition "Gohlis sagt Nein" initiiert hat. Liest man die Argumente, die die Petition begründen, kann einem nur schlecht werden. Knapp 2500 Unterstützer sind ihnen im Oktober 2013 trotzdem aufgessen. Der befürchtete steigende Lärmpegel und die kommende Parkplatznot sind dort natürlich die offiziellen Argumente. Glücklicherweiser wurde prompt die Gegen-Petition "Leipzig sagt ja" gegründet, die mit knapp 3000 Unterstützern etwas mehr zu bieten hat. Nun ist Quantität zwar noch kein Qualitätsmerkmal, aber es stimmt trotzdem erstmal zufrieden.

Viele der Argumente der Gegner haben andere schon sehr gut kritisch analysiert, z.B. hier oder hier. Eines der besonders dummen wird aber immer wieder bedient: In muslimischen Ländern ist der Kirchenbau oftmals nicht erlaubt, daher müssen wir in Deutschland auch den Moscheebau verbieten, so das Argument. Dafür hätte es gar nicht den Besuch der Veranstaltung "Logik und Wissenschaftstheorie" im Rahmen meines Bachelor-Studiums bedurft, um die Dämlichkeit des Arguments zu erkennen. Wenn ich einen Zustand kritisiere, weil ich ihn falsch finde, dann will ich ihn doch besser machen. Oder bin ich da zu naiv? Weil mein Nachbar, der Umweltsünder, den Müll nicht trennt, trenne ich ihn auch nicht, ist klar, ne?

Natürlich ist das alles kein Leipzig-spezifisches Problem. Feindlichkeit und Ressentiments gegenüber Fremden sind immer dort am ausgeprägtesten, wo es diese vermeintlich Fremden gar nicht gibt. In der Schweiz wurde der Minarett-Bau überwiegend in den Kantonen abgelehnt, in denen es gar keine Moscheen gibt (zur Erinnerung: Volkentscheid 2010). Das hört sich nur auf den ersten Blick paradox an. Denn dort, wo der Umgang mit "Anderen" zum Alltag gehört, ist auch die Fremdenfeindlichkeit geringer. Das liegt schon in der Logik des Wortes "fremd" begründet. Aber auf dem Weg dahin würde man natürlich seine Vorurteile und sein Schubladen-Denken verlieren. Dieser Prozess hat es in Leipzig leider noch nicht bei allen zum Hype geschafft.



1 mai 2012

Sarkozy oder Hollande? Le Pen!

Sarkozy oder Hollande? Fast 50 Prozent der wahlberechtigten Franzosen interessierte diese Frage bei der ersten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl nur am Rande. Das ist zunächst natürlich kein Problem. Das Eichhörnchen auf Koffein (Sarkozy) ist so unbeliebt wie noch kein amtierender Präsident vor ihm. Und Hollande besticht vor allem durch eins: Langeweile. Ein weiterer Name löst da viel mehr Emotionen aus (und das bereits bei allen Präsidentschaftswahlen seit 1974): Le Pen.*

16,9 Prozent setzten Frankreich im Jahre 2002 in Aufruhr. Jean-Marie Le Pen überholte damals überraschend den sozialistischen Kandidaten Jospin und zog in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ein. Zehn Jahre später kann seine Tochter Marine (inzwischen Jean-Maries Nachfolgerin) diesen Coup nicht wiederholen. Dies stimmt jedoch nur auf den ersten Blick. Denn mit 18,5 Prozent erreicht sie heute über sechs Millionen Wählerinnen und Wähler (bei 45 Millionen Wahlberechtigten, wovon 36 Millionen gewählt haben).


Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National (FN), die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 83jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich 2011 vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (43) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Marine versucht nun, das Image ihres Vater einerseits zu konservieren und anderseits loszuwerden. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie einer "Entdämonisierung" der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch diese Kader hält sie mit brillianter Rhetorik bei der Stange. So verglich sie 2011 die Straßengebete von Muslimen mit einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums". Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung direkt aus ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"), aber verstanden wurde sie trotzdem.


Die FN positioniert als "Systemfeind". Ihre Attraktivität gewinnt sie durch eine effiziente und sehr intelligente Propaganda. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Ein zentrales Element ihres Diskurses ist dabei die Schaffung kollektiver Feindbilder. Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment). Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. So werden klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen" gezogen. Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet ein gemeinsames Feindbild und verbreitet ihr Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre hinweg einen enormen sozialen Einfluss entwicklen.

Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und "Deutsche mit Migrationshintergrund" geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit, Armut und Staatsverschuldung kämpfen. Die ‚kleinen Leute‘ wählen schon lange nicht mehr linke Parteien der Arbeiterklasse, sondern die Front National.  


Wenn also über sechs Millionen Franzosen am rechten Rand wählen, dann ist das nur das offensichtliche Problem. Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’. Wenn Sarkozy zurzeit versucht, die FN rechts zu überholen, dann kann er das nur machen, weil es fruchtet. Nichtsdestotrotz wird er von vielen FN-Wählern gehasst. Marine Le Pen soll insgeheim auf einen Wahlsieg Hollandes und eine anschließende Abspaltung rechter Teile von Sarkozys UMP hoffen, die sie in einer sich neu zu gründenden rechten Partei unter ihrem Vorsitz aufnimmt. Nächster Halt für Marine: Präsidentschaftswahl 2017. Ihr Einfluss wird bis dahin wachsen. Düstere Vorstellung.

* Erstveröffentlichung auf renardteipelke.blogspot.com 

31 mars 2012

Kairo, die Letzte: Gewerkschaften als lebendige Demokratie

Mein Kairo-Aufenthalt liegt nun bereits über einen Monat zurück. Daher möchte ich die "lose Serie über Kairo" zu Ende bringen. Fraglich ist, ob man bei fünf Posts von einer Serie sprechen kann - zumal die Themen wirklich sehr spezielle Aspekte problematisiert haben. Das ist schlecht, denn es gäbe noch so viel weiteres zu erzählen. Wer Lust auf mehr hat, kann aber mal auf diesem Blog vorbei schauen. Heute ein weiteres, sehr spezielles Thema: die Gewerkschafsbewegung in Ägypten. 

Wenn in Deutschland die U-Bahnen im Depot bleiben, Kindergärten geschlossen sind und der Müll nicht abgeholt wird, gehört das zum ganz normalen gesetzlich geregelten Ablauf von Tarifverhandlungen. Am Ende konnte die Gewerkschaft Ver.di, die den öffentlichen Dienst vertritt, ein sattes Lohnplus für ihre Mitglieder und auch die nichtorganisierten Angestellten verbuchen. Streiks nerven immer die Betroffen, aber dafür sind sie da. Und man hat das Gefühl, dass solche Arbeitskämpfe trotz allem auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen.

Sonnige Zukunft für die Gewerkschaftsbewegung?*
Wenn in Ägypten die Arbeit niedergelegt wird, ist das in erster Linie vor allem eins: illegal. Hinzu kommt, dass Streiks nicht gerade hoch angesehen sind in der ägyptischen Gesellschaft. Seit der ersten Gewerkschaftsgründung im 19. Jahrhundert war die Arbeiterbewegung immer wieder staatlicher Repressionen ausgesetzt. Aktuell gilt nach wie vor das Gewerkschaftsgesetz von 1976, welches unabhängige Gewerkschaften verbietet. Arbeiter waren gewissermaßen zwangsorganisiert in einem hierarchischen und zentralisierten Gewerkschaftsverband, der dem ägyptischen Arbeitsministerium unterstellt war. 

Allgemein kann man von einem erodiertem Arbeitsrecht in Ägypten sprechen. Arbeiter müssen bei der Vertragsunterzeichung gleichzeitig ihre Kündigung unterschreiben. Diese wird dann zu gegebener Zeit herausgeholt und jegliche Proteste bzw. juristischen Vorgänge gegen einen Rauswurf werden damit im Keim erstickt - schließlich hat man ja selbst die Kündigung eingereicht. Darüber hinaus ist der ägyptische Arbeitsmarkt von sehr geringen Löhnen, einer hohen Arbeitslosigkeit und einem großen informellen Sektor (informell heißt dabei nicht illegal) geprägt.

Schon fünf Jahre vor dem sogenannten ägyptischen Frühling kam es jedoch immer wieder zu Arbeiterprotesten, die eine neue Intensität erreichten. 2009 konnte sich dann aufgrund zahlreicher internationaler Solidaritätsbekundungen die erste unabhängige Gewerkschaft etablieren. In Folge des Umbruchs seit Anfang 2011 gründeten sich über 200 weitere unabhängige Gewerkschaften sowie zwei unabhängige Dachverbände.


Generalstreik am Tahrir: Hohe Beteiligung sieht anders aus!
Inwieweit diese neue Gewerkschaftsbewegung eine positive Zukunft hat, bleibt abzuwarten. Die Entwicklungen seit Anfang 2011 stehen im Konflikt mit der nach wie vor bestehenden Gesetzgebung. Ein gemäß den Standards der International Labour Organisation (ILO) ausgearbeitetes, neues Gewerkschaftsgesetz wird bis heute vom Obersten Militärrat blockiert. Als am 11. Februar 2012 zum landesweiten Generalstreik aufgerufen wurde, war die Beteiligung nur sehr gering. Ein Generalstreik ist ein durchaus mächtiges Mittel, wie Griechen, Belgier oder Spanier immer wieder beweisen. In Deutschland ist ein solcher übrigens verboten. 

In einer zunehmend globalisierten Welt scheint sich das alte Machgefälle zwischen Arbeit und Kapital unaufhaltbar in Richtung Kapital zu verschieben. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine starke, unabhängige Vertretung der Arbeiterinteressen von entscheidender Bedeutung. Nicht nur für ökonomische Überlegungen wie die Senkung von Armut, Herstellung sozialer Gerechtigkeit oder Begrenzung der Lohnunterschiede sind starke Gewerkschaften unabdingbar. Auch als demokratischer Akteur sind sie für die Gesellschaft enorm wichtig und stehen letzendlich als Zeichen für eine lebendige Demokratie. Teilen wir gemeinsam die Hoffnung, dass der Erfolg der ägyptischen Gewerkschaftsbeweung gelingt!

*Fotos von RT und DO.

15 mars 2012

Kairo, die Vierte: Graffiti in der politisierten Stadt

Zwar hat das ägyptische Volk erstmals in freier Wahl ein Parlament bestimmt, jedoch ist auch ein Jahr nach dem Beginn des politischen Umbruchs noch nicht alles perfekt. Die verfassungsgebende Versammlung soll ohne Frauen und Christen besetzt werden, die Wahl des Präsidenten wurde auf Juni verschoben und der Militärrat klammert sich mit aller Kraft an die Macht. Als Erfolgsgeschichte ist hingegen die zunehmende Politisierung der Menschen zu bezeichnen. Die zahlreichen Graffiti, die man überall in Kairo findet, sind vielleicht kein Beweis dafür, aber doch zumindest ein deutliches Indiz...*

 
 
 
 
  
To be continued.

*Fotos von RT, CM und DO.

27 février 2012

Kairo, die Zweite: Zamalek


Zwei aufregende Wochen in Kairo sind zu Ende. Die anfängliche Verunsicherung durch apokalyptisch angehauchte Reisewarnungen und hetzerische Medienartikel wurde alsbald durch spannende Eindrücke und interessante Begegnungen bis hin zur Reizüberflutung abgelöst. In loser Serie soll Ordnung in dieses Chaos gebracht werden. Heute: Zamalek.

Kairo ist eine Mega-City. Mit ihren ca. 16 Millionen Einwohnern (Metropolregion) streckt sie sich am Nil entlang und breitet sich mit rasantem Tempo in alle Himmelsrichtungen aus. Die Nil-Insel Zamalek unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht vom Rest der Stadt.


Nilinsel Zamalek (Quelle: Googlemaps)

Neben eher betagteren Ägyptern und Ägypterinnen wohnen und arbeiten auf Zamalek Menschen aus aller Welt, allen voran Diplomatinnen der zahlreichen Botschaften, die sich fast ausschließlich in diesem Viertel befinden, aber auch Entwicklungshelfer, Professorinnen und ausländische Hotelbesitzer. Ergebnis ist ein Viertel, welches mit dem Rest von Kairo nicht allzu viel gemein hat. Es ist teurer, sauberer, ruhiger, langweiliger.

Zamalek  (c) Renard Teipelke

Die Hälfte der Insel ist besteht aus einem „Sporting Club“, der mit Golf-, Tennis- und Fußballplätzen so ziemlich alles zu bieten hat, was das Sportler-Herz begehrt. Als Kontrastpunkt zum üblichen versmogten Kairo ist diese „grüne Lunge“ auch nicht zu verachten. Dumm nur, dass für den Eintritt aufs Gelände zunächst erst mal ein enormer Mitgliedsbeitrag zu bezahlen ist (Aufnahmegebühr ca. 10.000 Euro). Und in letzter Zeit wird diese Exklusivität auch noch von immer mehr Ägyptern geschmälert...



Zamalek Sporting Club (c) Renard Teipelke

Deutsche Diplomaten verbringen ihre Freizeit mit französischen Entwicklungshelfern, amerikanische Professorinnen treffen sich mit britischen Stiftungsarbeitern. Das mag man unterschiedlich bewerten; wenn man aber möglichst wenig von der ägyptischen Lebenswelt mitbekommen möchte, dann ist der Begriff der „Parallelgesellschaft“ gar nicht mehr so weit entfernt. Wenn die Ägypter dann noch auf die Idee kommen, eine Revolution anzuzetteln, kümmert es die Menschen aus Zamalek wenig: „Zamalek hat drei Brücken, da braucht man sechs Panzer und die Insel ist dicht.“ (O-Ton eines GIZ-Mitarbeiters). Und so kann man auf Zamalek -während auf dem 500 Meter entfernten Tahir-Platz für Demokratie und bessere Lebensbedingungen demonstriert wird - gemütlich seinen Cappuccino trinken und beherzt in sein Croissant beißen. Cheers.

To be continued.

23 novembre 2011

"We can have sex with cats, but we cannot change the system"

Slavoj Žižek benutzt gern Sex-Metaphern. Überhaupt ist seine Sprache plakativ und provokativ - das macht er ganz bewusst; nicht zuletzt deshalb ist der Kapitalismuskritiker so berühmt geworden. Wenn er über Neoliberalismus als Idelogie spricht, sind seine Ausführungen jedoch nicht nur äußerst spannend, sondern auch überzeugend.

Als Žižek nach der Anmoderation der unter dem Titel "Gedankensquash" laufenden Veranstaltung den Moderator fragt, was denn Gedankensquash eigentlich sein soll, kann dieser keine wirkliche Antwort geben. Das liegt vermutlich daran, dass der Titel völlig egal ist - wer schon mal was von Žižek gehört/gelesen hat, weiß ohnehin, worüber er reden wird. Und so geht es dann auch weniger um sein jüngst auf deutsch erschienenes Buch "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert.", sondern vielmehr um seine Sicht auf den Kapitalismus, Neoliberalismus und die weltweite (Finanz-)Krise. 

Quelle
Žižek ist Philosoph, Psychoanalytiker und einer der Popstars unter den Kapitalismuskritikern. Er selbst bezeichnet sich als "altmodischen Marxisten", der sich fragt, welche marxistische Revolution heute vorstellbar sei, angesichts der Verbrechen, die im Namen des Marxismus begangen worden sind. Auffallend ist die ausgeprägte Mimik und Gestik, die er benutzt, wenn er spricht. Fast schon wirkt er ein wenig verhaltensgestört, wenn er sich ständig das Mikro (Headset) vom Kopf reißt, in seinen Bart fasst oder in seine Hände schnäuzt. Sein Sprachfehler kommt erschwerend hinzu. All das spielt aber nur am Rande eine Rolle. Am Anfang unterhält er sich mit dem Moderator auf Deutsch, der es während des gesamten Vortrages ziemlich schwer hat ("I only insulte good friends"), bevor er dann "in die Sprache des Imperialismus" wechselt, in der er sich erkennbar sicherer fühlt. 

Žižek am 22.11.2011 im Literaturhaus Frankfurt
Er beginnt seine Ausführungen mit folgender Feststellung: "the situation is catastrophic, but we don't take it seriously". Eng verbunden ist damit der Begriff des Warenfetischismus von Marx, heute sind die gesellschaften Praktiken jedoch noch schlimmer; Menschen würden etwas denken, aber anders handeln als sie denken  - oder auch so tun, als ob etwas wahr wäre, auch wenn sie wissen, dass es falsch ist. Dieses ständige Sich-in-die-Tasche-Lügen fängt klein an bei Begrüßungsritualen ("Nice to meet you" - obwohl man eigentlich gern die Straßenseite gewechselt hätte) bis hin zum kapitalistischen System. So ist der Neoliberalismus heute zur Ideologie geworden, scheinbar real existierend und entfaltet damit eine enorme Wirkungsmacht. Er durchdringe alle Lebensbereiche, drei kleine Beispiele seien hier genannt:
1. Bologna-Reform: Studierende als sich selbst vermarktende Einheiten, deren Leistungen durch überall vergleichbare Credit Points ausgedrückt werden; Bildung kein Selbstzweck.
2.  "outsource your sex life": romantisches Element geht verloren, "fall in love" wird zu "to be in love without the fall"
3.  Angekündigtes und wieder abgesagtes Referendum in Griechenland. Sofort setzt bei uns der Schock ein - wie können die Griechen nur ("this is a serious economic question, why will you ask the people?")
Heute kann man global Bewegungen beobachten, die gegen die neoliberale Logik protestieren. Ihnen wird vorgeworfen, sie wüssten nicht, was sie wollen. Žižek sieht das nicht als Problem, er kann jedoch das Herumdoktern innerhalb des "Systems", ohne das System selbst abzuschaffen, nicht nachvollziehen. Das liberal-demokratische System der Repräsentation sei nicht mehr in der Lage, bspw. den globalen Finanzsektor zu kontrollieren. Der globale Kapitalismus unterminiere die Demokratie.


Žižek zur Krise der Demokratie auf Youtube:


“In the long term [...] the capitalism did always engender a demand for freedom, democracy and so on. [...] This eternal marriage between democracy and capitalism is approaching divorce. [...] Capitalism functions perfectly without democracy.”
Es reiche also nicht, den Kapitalismus in einer neoliberalen Logik zu zähmen, sondern diese vielmehr selbst in Frage zu stellen. Denn: "the light of the end of the tunnel  is probably a train". TINA-Argumente ("there is no alternative") lehnt Žižek ab. Die Menschheit kann zum Mond fliegen, wird demnächst den Mars ansteuern, im privaten sei eben jener Sex mit Tieren vorstellbar, aber sobald nach einem besseren Gesundheitssystem gefragt wird, soll dies unmöglich sein. 

Žižek bietet keine einfache Lösung an, er will zunächst die richtigen Fragen stellen. Wer gleich Forderungen formuliert, trete selbst in das Raster normierter Institutionen ein. Hier kann man ihm den Vorwurf machen, es sich zu leicht zu machen, vielleicht widerspricht er sich hier auch selbst. Allerdings ist doch genau dieses kritische Hinterfragen vermeintlich objektivierter Tatsachen sowie der Logiken, nach denen die Welt und man selbst ganz persönlich funktioniert, der Grundstein aller Veränderungen. Und die richtigen Fragen zu stellen, ist mit Žižek höchst unterhaltsam. 

Zum Weiterlesen:
Žižek, S. (2011): "Welcome to interesting times!", in Powision, 6(1), S. 58-63.

28 avril 2011

Würstchen vs. Erbse

Wenn ich mich in Diskussionen über Vegetarismus einmische, begebe ich mich gewiss auf unsicheres Terrain: Ökototalitarismus versus Liberalismus, Hedonismus versus Verantwortungsgefühl... Die Lösung könnte - wie so oft - in der Mitte liegen. Oder einfach in mehr Gelassenheit.

Am Anfang war die Idee. Das Studentenwerk wollte in regelmäßigen Abständen einen vegetarischen Tag in einer (!) ihrer Mensen durchführen - aus sehr unterschiedlichen Gründen. Für einen solchen gibts es deutschlandweit zahlreiche Beispiele, sowohl universitär als auch außerhalb der Universität. Vielerorts wird ein solcher Tag am Donnerstag durchgeführt. So entstand der Slogan "Donnerstag ist Veggietag" - wobei hier aber keinesfalls jeder Donnerstag gemeint war, sondern vielmehr - wie es nun der Fall ist - ein (!!) einziger (!!!) Donnerstag im Semester.


Zur Einbeziehung der Studierenden wurde der StudentInnenrat (StuRa) um eine Stellungnahme gebeten. Dieser sprach sich in sehr großer Mehrheit für eine Unterstützung des Veggietages aus. Das Studentenwerk hätte aber den Veggietag auch ohne Votum des StuRa-Plenums testweise durchgeführt.

Noch bevor der erste vegetarische Tag am 9.12. stattfand, formierte sich Protest unter den Studierenden. Es wurde die Online-Petition "Kein-Veggie-Tag" initiiert, die im Dezember 2010 von 70 Leuten unterzeichnet wurde. Darin heißt es "Wir entscheiden selbst, was wir für richtig halten! Wir lehnen ihren Empfehlungszwang dankend ab. Wir wollen weiterhin ein ausgewogenes Angebot in der Mensa am Park. Jeder soll seine Mahlzeit wählen können, wie es seinen Bedürfnissen entspricht." Das "Diktat der Pflanzenfresser" schränke die Freiheit aller Studierenden und sonstiger Mensagänger ein, sich für Fleisch  entscheiden zu können.

Auf der anderen Seite stehen die Verfechter des Veggie-Tages mit einem Appell an das Verantwortungsgefühl: "Bei aller Wichtigkeit des Rechts auf Selbstverwirklichung, sind die Argumente, die im Petitionstext vorkommen, fast ausschliesslich hedonistisch und lassen die Gegengewichte von Verantwortung, Pflichtgefühl, Mitleid, Einstehen für Schwächere usw. doch vollkommen außer Acht. Ich höre Euch laut nach Freiheit rufen, aber nicht eine Sekunde über Verantwortung nachdenken oder über Motive, die einen Schritt weiter gehen, als das Lustgefühl auf dem Teller." Selbstverständlich stehen hinter diesen Motiven v.a. Anhänger und Anhängerinnen des Vegetarismus als Ideologie.

Die Initiatorin des Veggie-Tages Angela Hölzel, Mitgeschäftsführerin des Studentenwerks, zeigt sich im Zeit-Artikel "Rohe Fleischeslust" vom Gegenwind überrascht: "Wie kann man unter intelligenten Menschen so unentspannt mit diesem Thema umgehen?" - wobei ich mit dem Begriff "Intelligenz" immer vorsichtig wäre.

Der nächste Veggie-Tag findet am 05. Mai in der Mensa am Park statt. Erneut rollt eine Protestwelle an. Jura-Studenten organisieren ein Protest-Würstchen-Grillen vor der Mensa. In der Einladung heißt es:
"Es geht um die Wurst! Wieder wird von Studentenwerk und StuRa ein Veggie-Tag in der Mensa am Park durchgeführt. Während es jeden Tag mindestens ein vegetarisches Gericht und vegane Nudeln gibt, werden hiermit tausende Fleischliebhaber diskriminiert. [...] Sind wir bei Mutti und Vati ausgezogen, um uns von unserer studentischen Pflichtvertretung erziehen zu lassen?"
Die originell-witzige Reaktion kommt prompt:
"Die Prinzessin auf der Erbse ist erzürnt! Während es geschätzte 300 Tage im Jahr Fleisch- und/oder Fischgerichte gibt, werden Erbsen in der Mensa nur an einem Bruchteil dieser Tage serviert; Millionen von ErbsenliebhaberInnen werden hiermit diskriminiert. [...] Sind wir bei unseren Pflegeeltern rausgeflogen und aus der Kirche ausgetreten, um uns von pupsenden BohnenesserInnen die Beilage diktieren zu lassen?"
Dogmatische Vegetarier und Vegetarierinnen nerven. Von perversen Zuständen in der Massentierhaltung, über katastrophale Folgen auf die Umwelt (Treibhausgase, Wasserverschwendung, Regenwaldzerstörung) bis hin zu Millionen hungernden Menschen auf der Erde lassen sich jedoch ihre Argumente nicht einfach wegwischen mit der Formel "Ich esse gerne Fleisch!".

Verantwortung sollte jeder übernehmen, auch wenn es manchmal weh tut. Nicht umsonst wollen wir auf erneuerbare Energien umschwenken, energieeffizienter leben oder weniger Schulden machen. Ein Weiter-So ohne Einbeziehen der Konsequenzen ist nicht akzeptabel. Ein allzu leichtsinniger Umgang mit Aids  mit dem Argument "Ohne Gummi macht es mehr Spaß" ginge in eine ähnliche Richtung.

Ob ein vegetarischer Tag das richtige Mittel ist, sei dahin gestellt. Die erhitzte Debatte zeigt jedoch, dass sich zumindest mit dem Thema "Fleischloses Essen" beschäftigt wird. Angesichts eines einzigen fleischlosen Tages pro Semester, der zur Aufklärung dienen soll, rate ich allerdings schlichtweg zur Gelassenheit.

Weiterführende Links:
Donnerstag ist Veggie-Tag
Zeit-Artikel vom 01.04.2011  
Schlatterblog (zugegeben - Bio ist ein anderes Thema als Vegetarismus...)

Möge die Diskussion eröffnet sein! Ich bitte schon mal, mir etwaige Polemik nachzusehen. Obwohl - das war Absicht ;)

20 septembre 2010

Nein, danke!

Les choses se changent. Les allemands flemmards quittent leurs fauteuils et vont dans la rue. Le succes va venir bientôt. Deux exemples.

1. Samedi, 18/09/2010. Manifestation anti-nucléaire.

(Source/Quelle: Tagesspiegel)
Spiegel Online :
"Anti-cuclear campaigner demonstrating in Berlin on Saturday sent a powerful message of opposition to Chancellor Angela Merkel's plan to extend the lifetimes of German reactors." (Pour savoir plus: "Most Germans Don't Want Nuclear Power")
2. Protestation contre le projet "Stuttgart 21"

(Source/Quelle: Spiegel Online)

Spiegel Online:
"Stuttgart 21, a controversial project to build a new underground train station complex at a cost of billions of euros in this southwestern German city, is facing growing resistance and has sparked nightly protests." (Pour savoir plus: "Protest Against Mega Project Grow")

Bilan personnel:

J'ai souvent planché sur la culture allemande non-existante de manifester. Prenez un sujet controverse comme l'abolition de la démocratie étudiante dans ma région. La grande majorité des étudiants était pas du tout d'accord. Mais qui a finalement protesté pour une autre politique? Une petite petite fraction. C'est vraiment frustrant. Pour cette raison, la culture française me semble plus attractive. Si c'est justifié, c'est une autre question.

En 2010, une nouvelle culture est en train de se développer. Les raisons sont diverses et ont besoin d'une analyse plus approfondie que je ne le fais maintenant... Nouveau, des gens qui ne sont jamais descendus dans la rue avant commencent à participer.

Bref, pour conclure: c'est beaucoup mieux de participer à une manifestation avec 100.000 personnes qui pensent la même chose que toi (comme Samedi dernier). Le mouvement parle d'un "automne chaud". L'espoir ne mort jamais.