10 septembre 2012

Die Lesebühne ihres Vertrauens

Wenn eines fehlt in Frankfurt, dann sind es kleine, witzige Events à la "Riskier dein Bier!", Poetry Slam oder Impro-Theater neben der freilich finanziell und inhaltlich wunderbar ausgestatteten  Hochkultur. Das dachte ich zumindest bis gestern, bevor ich die "Lesebühne ihres Vertrauens" entdeckte. 

"Wir machen kein Theater, verstellen uns nicht, das hier ist kein Wettbewerb. Wir lesen einfach nur Texte und singen Lieder." Mit diesem nur auf den ersten Blick banalen Satz eröffneten die Gastgeber den Abend. Und tatsächlich: hier ging es einmal nicht um Wettbewerb und Ausscheiden, sondern einfach nur um den Genuss, den Slamern beim Vorlesen ihrer selbstgeschriebenen Texte zuzuhören. 

Die Lesebühne ihres Vertrauens
Jeden zweiten Sonntag im Monat veranstalten Tilman Birr, Lisa Danulat, Elis und Severin Groebner die Lesebühne im Frankfurter Ponyhof. Zwar waren diesmal nur Tilman und Severin anwesend (nach spontaner, nicht repräsentativer Umfrage soll wohl Elis besonders gut sein, da er die "Portion Wahnsinn" mit bringt), die vermeintliche Lücke füllten sie jedoch mit den zwei überragenden Gästen Andreas Weber und André Herrmann.

Seit spätestens 2011 muss man sich nun nicht mehr nur in der Leipziger Poetry-Slam-Szene auskennen, um André Herrmann zu kennen. Gemeinsam mit seinem "Team totale Zerstörung" gewann er letztes Jahr die Slam-Meisterschaft in Hamburg. Beste Erkenntnis des Abends, in der sich die eine oder der andere bestens wiedererkennen dürfte, ist folgender Satz aus Andrés Geschichte über das alljährliche Ehemaligen-Treffen am 3. Weihnachtsfeiertag in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt: "Da ich weder besonders gut im Zukunftspläne schmieden noch sonderlich spontan bin, bleibt wohl nur ein Überleben in der Faultierwelt".

Musikalisch nicht gaaanz sauber, humorvoll, grandios. Das alles ist die Lesebühne. Was lernen wir? In L.A. ist nur das Wetter gut (Tilman). Österreicher sind im Ausland so beliebt, weil sie sowieso für Deutsche gehalten werden, wenn sie sich daneben benehmen (Severin). Auch mit vierzig ist man noch ein Kind und soll sich ordentlich anziehen auf Familienfeiern (Andreas). Sabine muss weg (André). 

Die nächste Lesebühne kommt bestimmt. Und ich bin dabei.  



24 juillet 2012

Hipstertum trifft Schützenfest

Es geht ein Gespenst um in zahlreichen Großstädten - das Hipstertum. Berlin ist dabei wohl DIE (deutsche) Hipster-Hauptstadt. Das Label "Hipster" wird als Fremdzuschreibung meist negativ konnotiert, ob es überhaupt als Selbstzuschreibung verwendet wird, bleibt offen!? Verschiedene Stereo-Type aka Klischees sind jedoch eindeutig identifizierbar. Ein wenig Selbstironie ließ dabei die zweite Hipster-Olympiade vermuten. Ein Trugschluss? 

Der Blog Kultmucke.de veranstaltete nach 2011 nun schon zum zweiten Mal die weltweite Hipster-Olympiade:

Quelle: kultmucke.de
"Auch in diesem Jahr gibt es in Berlin Hipster, Fashion-Victims und Modekuriositäten wie Sand am Meer. Und was einst als ironischer Ausdruck des eigenen Individualismus begann, ist in vielen Berliner Innenstadtbezirken mittlerweile längst zum Breitensport geworden. Deshalb ist es wieder an der Zeit die Berliner Hipster gegeneinander antreten zu lassen und den „Hipster des Jahres 2012“ zu krönen."



In den olympischen Diziplinen Hornbrillen-Weitwurf, Mate-Kisten-Wettrennen, Hipster-Vintage-Bart-Basteln, Jutebeutel-Sackhüpfen, Skinny-Jeans-Tauziehen, Konsumprodukte-der-Preis-ist-heiß, Konfetti-Hürden-Lauf uvw. traten zwölf Teams gegeneinander an.

Mate-Kisten-Wettrennen

Die Beschreibung des Events und die geplanten "Sportarten" ließen ein sehr witziges, selbstironisches Event erwarten. Tatsächlich löste die Hipster-Olympiade mitunter das eine oder andere Schmunzeln aus. Sowohl Publikum als auch die teilnehmenden Athleten und Athletinnen würde man jedoch auf den ersten Blick größtenteils nichts als Hipster beschreiben. 


Jute-Beutel-Hüpfen festgehalten mit IPhone

Überhaupt wurde die Olympiade von den Veranstaltern und vielen Teilnehmenden viel zu ernst genommen. Wenn das Hip-Hopper-Team (ja, Hip-Hopper, nicht Hipster!) den Schiedsrichter anpöbelt, erinnert das eher an ein Fußball-Spiel zwischen dem 1. FC Lok und Dynamo Dresden. Und wenn die Moderatoren das Team "Die Dehnbaren" (sehr kreativ!), bestehend aus 12jährigen Mädels, vorstellt mit "ach ja, ab zwölf ist alles dehnbar", fühlt man sich nicht mehr wie auf einem hippen, frischen, alternativen Event, welches das Hipstertum selbstironisch auf die Schippe nimmt, sondern fühlt sich erinnert an die Bomben-Stimmung eines dieser tollen Dorffeste, auf denen der Schützenkönig zum Sieg die Weinkönigin serviert bekommt. Traurig, aber wahr.


16 juillet 2012

Der Jakubijân-Bau: Mikrokosmos der ägyptischen Gesellschaft?

Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani veröffentlichte 2002 einen wahrhaft großen Roman über das Ägypten der frühen 1990er Jahre. Episoden über die Bewohner des Jakubijân-Baus in der Kairorer Innenstadt sollen dabei die ägyptische Gesellschaft in diesem Mikrokosmos widerspiegeln. Auch wenn es sich um eine fiktive Erzählung handelt, lässt sich vermuten, dass al-Aswani viele Elemente davon selbst erlebt hat. Nicht zuletzt befindet sich seine Zahnarzt-Praxis selbst im Jakubijân-Bau. 


"Im Jahre 1934 beschloss Hagop Jakubijân, Millionär und damals Oberhaupt der armenischen Gemeinschaft in Ägypten, ein grosses Wohnhaus zu errichten, das seinen Namen tragen sollte. Er wählte dafür die beste Stelle in der Sulaiman-Pascha-Straße und beauftragte mit dem Bau ein bekanntes italienisches Architekturbüro, das ihm einen überzeugenden Plan vorlegte: zehn eindrucksvolle Geschosse im prächtigen klassisch-europäischen Stil: Balkone, geschmückt mit steingehauenen griechischen Gesichtern, Säulen, Treppen und Gänge in naturbelassenem Marmor, ausserdem das neueste Modell eines Schindler-Aufzugs."
 Nun ist der Jakubijan-Bau nur Mittel zum Zweck, dient er doch dazu, sehr unterschiedliche Charaktere aus verschiedenen sozialen Schichten, unterschiedlichen Religionen und Herkünften, mit unterschiedlichen Werten, Erinnerungen, Bedürfnissen und Ansichten zusammenzubringen. Ihre jeweiligen Geschichten sind dabei zunächst unabhängig voneinander, sind aber durch zahlreiche Facetten miteinander verwoben. Die spannenden Erzählstränge sind jedoch noch viel aufregender, wenn man sich einmal vor Augen führt, was Alaa al-Aswani mit der Thematisierung von "Tabuthemen" wie Korruption, Homosexualität, Folter, sexueller Ausbeutung und islamistischer Gewalt in Ägypten (freilich vor dem sogenannten arabischen Frühling) ausgelöst haben muss.

Manchmal hat man den Eindruck, man liest eine ägyptische Seifenofer à la GZSZ, jedoch findet sich in dem unglaublich dichten Buch an nahezu jeder Stelle Kritik "an den herrschenden Verhältnissen". Al-Aswani erzählt die Geschichten von sehr vielen unterschiedlichen Charakteren, sodass man sehr oft den Überblick verliert und zurückschlagen muss auf die ersten Seiten, auf denen die Figuren beschrieben werden. Schon bald stellt sich jedoch heraus, dass vier, fünf Figuren besonders wichtig sind.


Der gealterte Casanova Saki Bey al-Dassûki ist dabei eine der unterhaltsamsten Personen. Er steht für die Glorifizierung der Zeit bis in die 1950er Jahre, in der Kairo noch eine sehr europäisch geprägte Stadt war. Solche Aussagen à la "Früher war sowieso alles besser" hörten wir auch selbst nicht selten im Rahmen des Field Trips nach Kairo. Melancholisch erinnert Saki sich an diese Zeit, hört Chansons von Edith Piaf und vermisst die Kneipen, die noch alkoholische Getränke ausschenkten.

"Saki Bey gehört zu jenen Männern, die dem weiblichen Charme hoffnungslos verfallen sind. Für ihn ist die Frau nicht eine Leidenschaft, die aufflammt und, sobald gesättigt, erstirbt, sondern ein Universum aus Faszination, die sich in immer neuen Bildern zeigt, verlockend vielfältig: die blühende, volle Brust mit den vorstehenden Spitzen wie köstliche Trauben; der frische, weiche Hintern, bebend, als erwartete er seinen Überraschungsangriff von hinten; die gefärbten Lippen, die Küsse schlürfen und genussvoll stöhnen; das Haar in all seinen Offenbarungen - lang und ruhig fallend oder kurz und wild mit krausen Zöpfen oder halblang und solide häuslich oder auch kurz als Bubikopf, Hinweis auf unübliche knabenhafte Sexarten; dann die Augen, ach diese Blicke, wie hinreißend sie sind, gleichgültig ob falsch oder geheimnisvoll, dreist oder scheu, oder gar tadelnd, zornig oder missbilligend."
Saki ist dabei der Vertreter einer höheren Schicht, die aber langsam dem Untergang geweiht ist. Ganz anders sind die Bewohner des Dachs zu betrachten. Vom übrigen Gebäude unabhängig wohnt dort eine eher ärmere Schicht, u.a. die Dienstboten und Hausmädchen der Bewohner des Jakubijân-Baus, die dort in spärlichen Kammern hausen, die ursprünglich als Abstellkabuffs gedacht waren. Die Kinder rennen barfuss und halbnackt herum. Die Frauen verbringen den Tag damit, Essen zu kochen und miteinander zu streiten. Buthaina und Taha sind zunächst ein Paar, bevor sie sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln, jedoch beide gefangen in einer Auswegslosigkeit, weil sie mehr wollen, als ihnen zu steht. Taha wird nicht auf der Polizeischule aufgenommen, weil er nicht genügend Geld hat, die Polizisten zu schmieren und wendet sich anschließend dem islamischen Fundamentalismus zu. Buthaina kommt erst innerhalb ihrer verschiedenen Jobs weiter, in dem sie feststellt, dass sie "einen schönen, erregenden Körper besitzt, dass ihre großen honigfarbenen Augen, ihre vollen Lippen, ihre kräftige Brust und ihr wohl gerundeter Hintern mit seinen wippenden Backen, dass all dies wichtige Accessoires im Umgang mit anderen Menschen sind" und  ihren Körper zu verkaufen beginnt.

Dem Neurreichen Hagg Muhammed Asâm folgen wir auf dem Weg ins ägyptische Parlament. Seinen Parlamentssitz hat er sich dabei vom Generalsekretär der regierenden Partei erkauft. ("Also bitte, Sie reden mit Kamal al-Fuli. Dreißig Jahre Parlamentserfahrung. Es gibt keinen Kandidaten in unserem geliebten Ägypten, der ohne unsere Zustimmung siegen würde, so Gott will.") Im privaten muss er sich mit seiner Zweitehefrau rumschlagen, für die er eineWohnung im Jakubijân-Bau gemietet hat und von der seine erste Ehefrau nichts mitkriegen darf. Entgegen der Vereinbarung im Ehevertrag ist sie schwanger geworden. Als sie partout nichts von einer Abtreibung wissen will, zwingt Hagg sie dazu. Die geistigen Führer kommen dabei nicht weniger schlecht weg. Der eine, auf der Seite des Regimes, versucht die Ehefrau im  Namen des Islams zur Abtreibung zu bewegen. Der andere, gegen das Regime, predigt einen sehr fundamentalistischen Islam und bringt Taha (siehe oben) dazu, durch einen Terroranschlag in den Tod zu rennen. 

Wenn Alaa al-Aswanis also all diese Geschichten erzählt, thematisiert er dabei sicherlich so einiges, worüber sonst in Ägypten nicht gesprochen wurde, bspw. Zwangsabtreibung, Korruption, Prostitution, schmierige Geschäfte, Terrorismus und Folter. Das tägliche Leben in Ägypten kann dabei leicht mit einer überheblichen Distanz betrachtet werden. Man sollte jedoch stets aufpassen, dabei nicht mit einer eurozentristisch gefärbten Arroganz, die kranke und korrupte Gesellschaft zu beklagen. Einige Facetten der beschriebenen Gesellschaft sind dabei der "unseren" gar nicht so fern. 

Stets fesselnd und unterhaltsam und dabei nur selten unrealistisch(?) erzählt al-Aswani das Leben der Bewohner des Jakubijan-Baus. Die Lektüre seines Romans, der 2006 verfilmt wurde, sei hiermit jedem wärmstens empfohlen. 

 Al-Aswani, Alaa (2002): Der Jakubijan-Bau. Roman aus Ägypten



1 mai 2012

Sarkozy oder Hollande? Le Pen!

Sarkozy oder Hollande? Fast 50 Prozent der wahlberechtigten Franzosen interessierte diese Frage bei der ersten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl nur am Rande. Das ist zunächst natürlich kein Problem. Das Eichhörnchen auf Koffein (Sarkozy) ist so unbeliebt wie noch kein amtierender Präsident vor ihm. Und Hollande besticht vor allem durch eins: Langeweile. Ein weiterer Name löst da viel mehr Emotionen aus (und das bereits bei allen Präsidentschaftswahlen seit 1974): Le Pen.*

16,9 Prozent setzten Frankreich im Jahre 2002 in Aufruhr. Jean-Marie Le Pen überholte damals überraschend den sozialistischen Kandidaten Jospin und zog in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ein. Zehn Jahre später kann seine Tochter Marine (inzwischen Jean-Maries Nachfolgerin) diesen Coup nicht wiederholen. Dies stimmt jedoch nur auf den ersten Blick. Denn mit 18,5 Prozent erreicht sie heute über sechs Millionen Wählerinnen und Wähler (bei 45 Millionen Wahlberechtigten, wovon 36 Millionen gewählt haben).


Die äußerste Rechte hat in Frankreich eine lange Tradition. Offen zu Tage trat sie erstmals während der Französischen Revolution, die zwar allgemein als die Geburtsstunde des freiheitlichen Wertesystems gilt, aber auch einige erzkonservative Konterrevolutionäre auf den Plan rief. Im Laufe der Jahrhundert gab es weitere Wellen des Rechtsextremismus, beispielsweise in der sog. affaire Dreyfus oder in der französischen Kollobaration während des Zweiten Weltkrieges. Im Jahre 1972 gründete sich schließlich die Front National (FN), die heute das entscheidende Sprachrohr des Rechtsextremismus und -populismus ist und inzwischen als drittstärkste politische Kraft Frankreichs gesehen werden kann.

Der inzwischen 83jährige Parteigründer Jean Marie Le Pen hat sich 2011 vom Parteivorsitz verabschiedet und seine jüngste Tochter (43) Marine zu seiner Nachfolgerin gemacht. Marine versucht nun, das Image ihres Vater einerseits zu konservieren und anderseits loszuwerden. Der Mann, der den deutschen Genozid an Juden für ein zu vernachlässigendes Detail der Geschichte hält, war eben doch eine Spur zu extrem. Marine tritt da wesentlich gemäßigter auf (oder tut zumindest so). Sie wettert gegen den Euro und die EU, gegen die Globalisierung und die Banken, gegen die kriminellen Ausländer und den Islam (à la: natürlich habe ich nichts gegen den Islam, nur leider sind Muslime eben übermäßig häufig kriminell), also die Art von Stammtischpopulismus, der zunehmend populärer wird. Die Gefahr ihrer Strategie einer "Entdämonisierung" der FN liegt natürlich darin, die wirklich radikalen Rechtsextremen zu verlieren. Aber auch diese Kader hält sie mit brillianter Rhetorik bei der Stange. So verglich sie 2011 die Straßengebete von Muslimen mit einer Besatzung "von Teilen staatlichen Territoriums". Niemals sprach sie den Vergleich mit der Nazi-Besatzung direkt aus ("Es gibt keine Panzer, keine Soldaten, aber eine Besatzung ist es dennoch"), aber verstanden wurde sie trotzdem.


Die FN positioniert als "Systemfeind". Ihre Attraktivität gewinnt sie durch eine effiziente und sehr intelligente Propaganda. Die FN will so als einzige und letzte Hoffnung erscheinen, die in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen. Ein zentrales Element ihres Diskurses ist dabei die Schaffung kollektiver Feindbilder. Ein erstes Feindbild beinhaltet alles, was die FN zum besagten System zählt (politische Klasse/Establishment). Ein weiteres Feindbild sind (wenig überraschend) Immigranten. So werden klare Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "den Franzosen" und "den Anderen", zwischen "den Guten" und "den Bösen" gezogen. Über Populismus, Nationalismus und Xenophobie wird versucht, die komplexer werdende Welt verständlicher zu machen. Die FN schafft so für viele ein Gefühl der Zugehörigkeit und eine neue Identität, stiftet ein gemeinsames Feindbild und verbreitet ihr Weltbild unter ihren Anhängern und darüber hinaus. So konnte die FN über Jahre hinweg einen enormen sozialen Einfluss entwicklen.

Auch in Deutschland werden Diskurse über die vermeintliche Bedrohung durch Zuwanderer und "Deutsche mit Migrationshintergrund" geführt. Bauchgefühl-Tiraden mit angeblicher empirischer Bestätigung à la Sarazzin sind salonfähig. Nur hat sich das bisher nicht in Wahlerfolgen entsprechender Parteien niedergeschlagen. Zurück zu Frankreich: Die Grande Nation fühlt sich bedroht, spürt einen zunehmenden Einflussverlust in der Welt und muss mit steigender Arbeitslosigkeit, Armut und Staatsverschuldung kämpfen. Die ‚kleinen Leute‘ wählen schon lange nicht mehr linke Parteien der Arbeiterklasse, sondern die Front National.  


Wenn also über sechs Millionen Franzosen am rechten Rand wählen, dann ist das nur das offensichtliche Problem. Unabhängig von den tatsächlichen Wahlerfolgen hat die FN die öffentliche Meinung und auch den Diskurs der anderen Parteien maßgeblich beeinflusst. Le Pen hat immer wieder die gleichen Themen/"Wahrheiten" wiederholt, bis sie sich irgendwann wie schon-mal-gehört anhörten, populär wurden und inzwischen von einer breiten Masse unterstützt werden. Beispiele sind ‘problème de l’immigration’, ‘décadence’ oder auch ‘racisme anti-Français’. Wenn Sarkozy zurzeit versucht, die FN rechts zu überholen, dann kann er das nur machen, weil es fruchtet. Nichtsdestotrotz wird er von vielen FN-Wählern gehasst. Marine Le Pen soll insgeheim auf einen Wahlsieg Hollandes und eine anschließende Abspaltung rechter Teile von Sarkozys UMP hoffen, die sie in einer sich neu zu gründenden rechten Partei unter ihrem Vorsitz aufnimmt. Nächster Halt für Marine: Präsidentschaftswahl 2017. Ihr Einfluss wird bis dahin wachsen. Düstere Vorstellung.

* Erstveröffentlichung auf renardteipelke.blogspot.com 

10 avril 2012

Blogschau: Keine Chance gegen Technik, Kochen und Mode?

Angefangen als einer der Millionen "Ich-bin-dann-mal-im-Ausland-und-möchte-euch-das-auf-die-Nase-binden"-Tagebücher findet man auf dem Blog, den ich heute vorstellen möchte, inzwischen ein riesiges Themenspektrum. USA, Stadt, Reisen, Politik, Kultur - so die Top Five der Labels. Leider findet man zu den Themen "Russisch", "young/and/lost" oder "George Clooney" nur sehr wenig - hoffentlich ändert das Blogger bald, der unter dem Künstlernamen Renard Teipelke schreibt.

Festhalten an der Minderheitenmeinung bis zur Lächerlichkeit?

Seine besten Zeilen findet man wohl, wenn er der Meinung ist, eine Minderheitenposition zu vertreten. Als einer der letzten Fans der Harald Schmidt Show bedauert er "was die anderen nicht kapieren (wollen)" und rechnet dabei leidenschaftlich mit dem System der Quotenmessung, dem deutschen Fernsehverhalten und den Kommentaren der Medien zum Ende des "besten deutschen Entertainers" ab:

"Dennoch hat der User Recht, dass die Harald Schmidt Show auf ein bestimmtes Publikum abzielt – ein Publikum, welches sich auch über das Internet amerikanische TV-Serien (im Original) anschaut, weil sie hierzulande nicht von den Sendern gekauft, ewig nicht gezeigt oder katastrophal synchronisiert werden. Trotz der internen und externen Hilferufe hat sich in deutschen Senderzentralen nichts an der Sicht geändert, die Zuschauer seien dumm und dürften nur mit dem schlichtesten Programminhalten bedient werden."

Persönlichkeit und Disziplin

Durch und durch persönlich wird es, wenn Renard Teipelke (vermutlich auch als einer der Letzten) seine Vorsätze fürs neue Jahr erläutert und diese auch noch einhält. Nun kann man an der Sinnhaftigkeit des Zähneputzens mit der linken Hand zwar zweifeln, der Verzicht auf die Anschaffung neuer Kleidung ist jedoch nicht nur in höchstem Maße lobenswert sondern vermutlich auch ein Vorsatz, an dem so ziemlich jeder scheitern würde.

Auch die Kategorie "Renard in Gefahr" verspricht Unterhaltung pur. Und so ist der Versuch, den gnadenlosen Türsteher des Berliner Clubs Berghain zu überwinden, sogar von Erfolg gekrönt:

"Die hübsche 18-Jährige kommt nicht rein. Die Gruppe hipper Spanier muss weiterziehen. Das ältere Paar kommt rein. Das ordentliche Pärchen wird abgewiesen. Die beiden hübschen Alternativfrauen kommen nicht rein…und dann, ja dann, wird doch tatsächlich dieser Typ reingelassen: braune langweilige Winterhosen, braune alte No-Name-Schuhe, Wintermütze und Standardwinterjacke. Unglaublich! Sie quatschen auf dem Weg zur Tür des ehemals oder vielleicht immer noch besten und legendärsten Elektroclubs der Welt und dann kommen sie als eine der wenigen zu dieser Uhrzeit ins Berghain rein. [...] der Typ, der, nach dem was man so über die Türpolitik des Berghain liest, hätte nie reinkommen dürfen, das war meine (verdammt glückliche) Wenigkeit."

Von Listen und Rankings

Wenn der Blogger eins liebt, sind es Ranking. So kührt er nicht nur jedes Jahr „This Year’s Watch Out Person“- wobei er mit der zweimaligen Kür George W. Bush und Mahmoud Ahmadinejads reichlich unkreativ erscheint - sondern auch die für ihn besten Biersorten Deutschland und der Welt in Kategorien wie etwa "Kräftigkeit und Männlichkeit", "Charakter und Wiedererkennungswert", "Chillfaktor und Erfrischungseffekt" oder "Mir wird schlecht". Dass man hier nicht mit allem einverstanden ist, liegt in der Natur eines Rankings. Bei solch erfrischend geschriebenen Artikeln mit hohem Grad an Wiedererkennungswert wünscht man sich jedoch mehr davon.


Und dann wird der auch noch politisch...  

Die Analyse der Berliner Wahlkampfs bzw. der Wahlwerbung ist dabei nur einer der langweiligeren Posts, denn die Inhaltsleere der Parteislogans liegt auf der Hand. Wenn Teipelke uns jedoch erklärt, warum Universitäten links sein müssen, dann lesen wir ein leidenschaftliches Plädoyer eines sehr kritisch denkenden Menschens, dem die zunehmende Masse der sich selbst als "unpolitisch" bezeichnenden Menschen gehörig auf die Nerven geht:
"Es ist unglaublich schade, aber die Universität scheint der letzte Zufluchtsort für offenes, kritisches Denken zu sein – zumindest  ist dies mein Eindruck aus persönlichen Erfahrungen in Deutschland und den USA. Ich ziele überhaupt nicht auf eine Bekämpfung des Staates, des Kapitalismus‘, der Religion oder der Finanzmärkte. Aber es ist bedrückend, wie angepasst die Menschen sind, sobald sie ihre 20er hinter sich gelassen haben und in einer Institution aufgegangen sind. Wer einmal an Familie, Beruf, Wohnung und Altersvorsorge arbeitet, ziert sich vor allzu großen Veränderungen, die ihn im ‚schlimmsten‘ Fall auch selbst treffen könnten. Da gilt es zu bewahren. Das könnte man als Konservatismus bezeichnen."

Und so singe ich ein Loblied auf diesen Blog, der gerade durch sein breites Themenspektrum gefällt. Natürlich ist das genau sein Problem. Solche Generalisten-Blogs interessieren ja keinen und gehen in den themenspezifischen Blogs unter, die sich etwa mit Technik, Kochen oder Mode beschäftigen. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, dem sei der Blick auf renardteipelke.blogspot.com wärmstens ans Herz gelegt.